Wind über Wald – Nachhaltige Energie aus dem Hauberg

01. März 2011 - 00:00 Uhr

Die Hauptstraße folgt talaufwärts den Schwüngen der Mittelgebirgslandschaft. Vor Minuten gelang ein erster Blick auf fünf Windenergieanlagen, doch immer wieder verschwinden sie hinter bewaldeten Höhen. Schließlich erreichen wir Hilchenbach, das kleine Städtchen im Siegerland. Im Sommer 2010 hatte sich eine Delegation der Windwärts Energie GmbH auf den Weg gemacht, um sich ein Bild von einem besonderen Windpark zu machen. In Hilchenbach angekommen ist zunächst nichts von den Windenergieanlagen zu entdecken. Dabei wollen wir dieses zukunftsweisende Projekt gern mit eigenen Augen sehen – Windenergienutzung über dem Wald!

Hinter dem Ortsausgang fahren wir den Berg hinauf in den Wald. Nach nur fünf Minuten erreichen wir die Zufahrt zum Windpark. Wir stehen mitten im Gemeinschaftswald, dem Hauberg. Beeindruckend erhebt sich nach einem kurzen Fußweg die erste Anlage vor uns in den blauen Himmel. Zu unserer Rechten breitet sich das Siegerland aus, am Horizont ist der Westerwald zu sehen. Eine Enercon E-82 dreht ihre Rotorblätter hoch über den Baumkronen. Insgesamt fünf dieser Anlagen stehen am Südhang des Rothaargebirges und produzieren jedes Jahr mehr als 20 Millionen Kilowattstunden Strom.

Dann bittet Günter Pulte, Geschäftsführer der RothaarWind GmbH, in den Turm der Anlage und berichtet über die besondere Geschichte des Projektes. So mussten zunächst die Waldbesitzer von der Idee überzeugt werden, dass in ihrem Wald Bäume gefällt, Kranstellflächen aufgeschüttet und Wege mit Schwertransportern befahren werden sollen. Doch gerade die Nutzung ihres Waldes zur Produktion von Strom war für die Hilchenbacher ein entscheidendes Argument für den Windpark. Schließlich war die Energiegewinnung seit Jahrhunderten eine der Hauptfunktionen des Haubergs.

Hauberg - Energie aus dem Wald

Im Mittelalter entwickelte sich im Siegerland der Hauberg als Nutzungsform für den Gemeinschaftswald. Aufgrund der Erzvorkommen war die Gegend bis zum frühen Mittelalter weitgehend entwaldet worden, um Holzkohle zur Eisenverhüttung zu gewinnen. Dann verbreitete sich regional ein System, das eine nachhaltige Nutzung der Waldflächen ermöglichte. Der Gemeinschaftswald wurde parzelliert und das Holz im Wechsel geerntet. Anschließend wurden als Zwischenfrucht Roggen oder Buchweizen angebaut. Danach konnte sich der Wald wieder erholen. So entstand der für die Gegend typische Eichen-Birken-Niederwald, der zusätzlich der Viehmast diente. Dieses System stellte sicher, dass dem Wald nicht mehr Holz entnommen wurde als nachwachsen konnte und dass alle Bewohner mit Energie, Nahrung und Rohstoffen versorgt waren.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts führten die sinkende Bedeutung des Rohstoffs Holz und der zunehmende Einsatz fossiler Energieträger zu einer veränderten Bewirtschaftung des Waldes. Beispielhaft steht hierfür die Nutzung des Holzes im bayerischen Staatswald. Wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch 80 Prozent des Holzeinschlags als Brennholz verwendet, so war es an seinem Ende nur noch die Hälfte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sank der Brennholzanteil auf 30 Prozent. Heute liegt er bei fünf Prozent. In der Folge der industriellen Entwicklung wich deutschlandweit der Niederwald zunehmend hoch wachsenden Nadelbaum-Monokulturen. Auch die Kulturlandschaft Siegerland hat so weitgehend ihren typischen Niederwald eingebüßt und ist heute durch Monokulturen geprägt. Der Wald hat seine wichtige Funktion als Quelle für eine nachhaltige, lokale Energieversorgung verloren.

Wald in Deutschland

In den vergangenen 50 Jahren wuchs die Waldfläche in Deutschland laut Waldbericht der Bundesregierung um etwa eine Million Hektar und beträgt heute 11,1 Millionen Hektar, das sind 31 Prozent der gesamten Landesfläche. Die Verteilung des Waldes innerhalb Deutschlands ist regio-nal sehr unterschiedlich und schwankt auf kommunaler Ebene zwischen drei und 64 Prozent. Entstanden ist die heutige Verteilung von Wald durch menschliche Einwirkung in den vergangenen Jahrhunderten. Etwa fünf Prozent der Waldfläche stehen unter strengem Schutz, der eine Nutzung des Waldes stark einschränkt oder gänzlich verbietet, weitere 23 Prozent dürfen nur mit dem Ziel der Erhaltung biologischer Vielfalt bewirtschaftet werden. Der heutige Wald ist vor allem ein Wirtschaftswald, eine vom Menschen geprägte Kulturlandschaft. Das bedeutet, dass die Struktur der Wälder sowie das Vorkommen der Tier- und Pflanzenarten vor allem von der Nutzung des Waldes abhängen. In Deutschland stehen somit viele Waldflächen zur Verfügung, die für die Energiegewinnung mit Windenergieanlagen erschlossen werden können. Das Prinzip „Wind über Wald“ gibt dem Wald wieder seine traditionelle Bedeutung als Energielieferant zurück und ermöglicht die lokale Produktion von umweltfreundlichem Strom.

Hoch genug hinaus

Günter Pulte berichtet weiter, dass der Windpark auch technisch etwas Besonderes ist. Der Rotor mit einem Durchmesser von 82 Metern dreht sich in einer Nabenhöhe von 138 Metern. Bei einer Gesamthöhe von knapp 180 Metern verbleiben zwischen Baumobergrenze und Rotorblättern rund 60 Meter – genug Abstand, um mögliche naturschutzfachliche Bedenken auszuräumen.

Zum Abschluss lädt uns Günter Pulte ein, eine besondere Attraktion kennen zu lernen. Gemeinsam richteten Waldgenossenschaft, Windparkbetreiber und Stadtverwaltung einen „Windwanderweg“ ein. Auf dem 4,5 Kilometer langen Weg informieren sich Wandernde über Energieerzeugung aus der Natur und die Nutzung der Windenergie. Oder genießen wie wir einfach den Spaziergang im Wald.

Aus: Windwärts Newsletter Nr. 16, Stand: März 2011


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