Es hieß, es würde keinen weiteren Tagebau geben – Eine Woche im Lausitzer Braunkohlerevier

01. Dezember 2013 - 11:46 Uhr
von Gastautorin Claudia Krieg und Fotograf Mark Mühlhaus
zu  Branche der erneuerbaren Energien

  • Aus den Schornsteinen des Kohlekraftwerks Jänschwalde steigt Rauch auf. © Mark Mühlhaus/attenzione/Agentur Focus

Der Öffnet den Link in einem neuen FensterBraunkohleabbau zerreißt die Lausitz. Seit über 100 Jahren leiden nicht nur die Landschaft, sondern auch die Menschen, die ihre Heimat lieben, aber von der Kohle leben. Wir, Mark Mühlhaus (Fotos) und Claudia Krieg (Text), waren sieben Tage lang auf Spurensuche in einer Gegend, in der der Widerstand wächst, der Raubbau auf Kosten von Natur, Klima und Menschen aber trotzdem weitergeht.

Von Neustadt nach Atterwasch – 7. Etappe im Gebiet des geplanten Tagebaus Jänschwalde-Nord

Der dritte und letzte Teil unserer Reise führt uns Anfang August noch einmal zurück nach Brandenburg – in das Gebiet, in dem die Firma Vattenfall den Öffnet den Link in einem neuen Fensterkünftigen Tagebau Jänschwalde-Nord aufschließen will. „Ein neue Grube war das Letzte, womit man hier gerechnet hat“, erzählt uns Öffnet den Link in einem neuen FensterThomas Burchardt, Sprecher der sogenannten Klinger Runde. In dieser Runde haben sich 2008 die etwa 30 Gemeinden zusammengeschlossen, die von Jänschwalde-Nord betroffen wären – ob nun durch Umsiedlung, Abbaggerung oder „Randbetroffenheit“.

„Als 2007 die Nachricht über die Clausthal-Studie kam, dass für die Region sieben Tagebaue geplant sind, war das ein Schock – mehrfach war den Menschen in der Region in den Jahren zuvor versichert worden, dass kein neuer Tagebau kommen würde. Viele haben Häuser gebaut oder renoviert. Viele wollen wegen der Landschaft nicht wegziehen, andere kommen genau deswegen. Trotz der Strukturschwäche und der starken Abwanderung hängen ja auch viele Menschen an der Lausitz.“ Viele, vor allem der älteren Menschen, erzählt Burchardt weiter, sind durchaus als traumatisiert zu bezeichnen. „Niemand von denen, die eine unfreiwillige Umsiedlung selbst erlebt haben, kann darüber länger als drei, vier Minuten sprechen, ohne von den unterdrückten Emotionen überflutet zu werden." Aber dies zähle nicht vor einem Konzern wie Vattenfall. Dessen Vertreter, die er in seiner 13 Jahre währenden Arbeit als Seelsorger auf dieses Thema angesprochen habe, reagierten „eiskalt“. „Die wollen Studien, die das belegen.“ Eine Expertise aus der täglichen Erfahrung zähle da nichts.

Traumatisiert und machtlos – die Bewohner von Atterwasch

So verstärkt sich nur der Eindruck, dass man den Kürzeren zieht, wenn man sich wider die Kohle stellt und das, so erzählt es auch der evangelische Pfarrer Mathias Berndt aus dem kleinen Dorf Öffnet den Link in einem neuen FensterAtterwasch, hat die Menschen geprägt. „Viele erleben sich als wertlos gegenüber den von ihnen als mächtiger empfundenen Interessen. Das war auch schon zu DDR-Zeiten so. Die Pläne Vattenfalls für die Region sind beschönigend, ihre Informationsblätter funktionieren wie Illustrierte. Nur ein umfassender Strukturwandel kann die Lausitz als lebenswerte Region erhalten.“

Berndt hat eine Sonderpfarrstelle für Bergbauseelsorge im Kirchenkreis Cottbus inne, er ist besonders vertraut mit den tagebaubezogenen Ängsten und Nöten der Menschen hier. Aber Berndt ist nicht nur Seelsorger – er ist, wie Burchardt, auch Tagebaugegner. Für ihn ist der gesellschaftspolitische Auftrag, sich gegen eine Abbaggerung zu wehren, gleichauf mit einem – Berndt nennt es – „schöpferischen Auftrag“. Wir sitzen im Garten des Pfarrhauses hinter der Atterwascher Dorfkirche und schauen um uns herum auf alles, was es, käme der Tagebau, nicht mehr geben würde: uralte Bäume, weite Felder und Wiesen, die mäandernden Flüsse, aber auch den Ort, die Gemeinde, eine andere lang gewachsene Struktur. Es würde vor allem den vielen hier noch lebenden alten Menschen tatsächlich „den Boden unter den Füßen wegreißen“. Berndt gehört mit seinen 63 Jahren zu den Jüngeren in Atterwasch und auch er sagt: „Wo soll ich hin, wenn es das hier nicht mehr gibt? Wir wohnen hier seit fast 35 Jahren. Ich habe keinen Plan B, wenn ich in zwei Jahren in Pension gehe.“

 

Solidarität mit Tagebau-Gegnern auf der anderen Seite der Oder

Den letzten heißen Augusttag in der Lausitz verbringen wir auf der anderen Seite der Oder. Wir fahren in das kleine Dorf Wielotów. Hierher haben uns Thomas Burchardt und Mathias Berndt auf den Himbeer- und Spargelhof von Dorota Schewior eingeladen. Hier feiern der deutsche Ort Taubendorf, der am Rand vom Öffnet den Link in einem neuen FensterTagebau Jänschwalde liegt, und Wielotów ihr gemeinsames Erntedankfest. Wielotów ist wie zwei Dutzend andere polnische Dörfer von einem Tagebau zwischen Gubin, dem polnischen Teil der geteilten Stadt Guben, und dem Ort Brody bedroht. 15 Kilometer liegen zwischen den beiden Ortschaften – Öffnet den Link in einem neuen Fensterein Tagebau gigantischen Ausmaßes soll es werden. „Wir versuchen uns zusammenzuschließen mit den polnischen Leuten. Die Solidaritätsbereitschaft ist groß.“ So sitzen trotz der 36 Grad hier etwa 100 Menschen zusammen und klatschen, als Thomas Burchardt ein großes gelbes X an Dorota Schewior überreicht. No Pasaran – auf dass weder der Tagebau Gubin-Brody durch Wielotów, noch Jänschwalde-Nord durch Atterwasch, Grabko und Kerwitz durchkommt.

Mit der 7. Etappe endet unsere Reise durch das Braunkohlerevier Lausitz. Der Protest gegen die Tagebaue, gegen Umweltzerstörung, Klimawandel und Umsiedlung geht weiter.


Gastautorin Claudia Krieg

Freiberufliche Redakteurin und Journalistin Claudia Krieg

Claudia Krieg arbeitet als freiberufliche Redakteurin und Journalistin. Ihr Interesse gilt vor allem der Literatur und dem Film, migrations- und geschichtspolitischen Themen, und darin nicht zuletzt einem positionierten Schreiben zu Menschen- und Bürgerrechten. Ihre Texte kann man unter anderem im Blog Öffnet den Link in einem neuen Fensterpreposition lesen.


Fotograf Mark Mühlhaus

Fotograf Mark Mühlhaus

Mark Mühlhaus konzentriert sich darauf, mit Bildern Geschichten zu erzählen. Soziale und historische Themen, Politik der kleinen Leute, Protestformen, Menschen verschiedener Länder und das Thema Energie machen kontinuierlich einen großen Teil seiner photographischen Arbeit aus. Auch unterrichtet er in Kooperation mit Schulen und Stiftungen Photographie. Mark Mühlhaus ist Gründungsmitglied des Kollektivs Öffnet den Link in einem neuen Fensterattenzione photographers und wird von der Agentur Focus vertreten.



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