Ein widerspenstiges Dorf – Eine Woche im Lausitzer Braunkohlerevier

26. November 2013 - 12:21 Uhr
von Gastautorin Claudia Krieg und Fotograf Mark Mühlhaus
zu  Branche der erneuerbaren Energien

  • Das Dorf Proschim soll für den Bergkohleabbau in Welzow-Süd devastiert, entvölkert werden. Johannes Kapelle ist betroffen und seit vielen Jahren aktiv gegen den Abbau. © Mark Mühlhaus/attenzione/Agentur Focus

Der Öffnet den Link in einem neuen FensterBraunkohleabbau zerreißt die Lausitz. Seit über 100 Jahren leiden nicht nur die Landschaft, sondern auch die Menschen, die ihre Heimat lieben, aber von der Kohle leben. Wir, Mark Mühlhaus (Fotos) und Claudia Krieg (Text), waren sieben Tage lang auf Spurensuche in einer Gegend, in der der Widerstand wächst, der Raubbau auf Kosten von Natur, Klima und Menschen aber trotzdem weitergeht.

Von Haidemühl nach Proschim – 2. Etappe im Gebiet des geplanten Tagebaus „Welzow-Süd – Teilgebiet II“

Schon 1987, noch zu DDR-Zeiten, sollte Öffnet den Link in einem neuen FensterProschim umgesiedelt werden. Aber das Dorf wehrte sich damals, die Umsiedlung fand nicht statt. So ist es bis heute geblieben, auch wenn der Druck seitens des Kohleabbaus nicht nachlässt. Öffnet den Link in einem neuen FensterJohannes Kapelle hat uns auf seinen wendischen Vier-Seiten-Hof eingeladen und war trotz unseres überfallartigen Auftauchens und trotz seiner Beinverletzung („Beim Sturz vom Apfelbaum zugezogen...“) ohne Umstände zum Interview bereit. Frau Kapelle kocht uns Kaffee, wir sitzen zu viert in der Küche des alten Gebäudes. Kapelle erzählt mit Blick aus dem Fenster, das zur Dorfstraße zeigt: „Es sind längst nicht alle in Proschim gegen den Tagebau! Nein, die Fronten sind vielmehr verhärtet, denn viele, denen die Kohle Arbeit gibt, können sich nicht gegen sie aussprechen – auch wenn sie selbst nicht wegziehen wollen.“

Der Organist der Proschimer Dorfkirche, Öffnet den Link in einem neuen Fenstereine der herausragenden Figuren des hiesigen Protests, nimmt es den Menschen nicht übel, wenn die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes so groß ist, dass sie sich nicht deutlich positionieren. Sein Groll gilt dem Konzern, der mit diesen Ängsten kalkuliert und sie auch gegen den Tagebau-Protest ausspielt. Dennoch bleibt der Widerstand in Proschim beständig – zuletzt mit der Einladung zum Öffnet den Link in einem neuen Fenster3. Lausitzer Klimacamp, einer überregionalen und sehr aktivistischen Form des energiepolitischen Protests, das im Juli 2013 stattfand. Aber auch die lokale Bewegung, die Proschim als eines der schönsten Dörfer in der Lausitz erhalten will, hat gute Argumente: In Proschim versucht man – theoretisch und praktisch – die Rede von der angeblichen Notwendigkeit des fortdauernden Kohletagebaus zu widerlegen.

„Energiewende in Bürgerhand“ in Proschim – trotz oder gerade wegen des angrenzenden Braunkohletagebaus

Mehrere Energiehöfe gibt es im Dorf, viele haben ihr Heizsystem auf Holz umgestellt, Trecker fahren mit Rapsöl. Johannes Kapelle hat ein kleines Windrad im Garten, das mehrere Höfe versorgen kann, andere Mitstreiter, wie die Familie Rösch, die über große Weideflächen und Tierbestände verfügt – und damit einer der größeren nachhaltigen Arbeitgeber der Umgebung ist – haben eine Biogasanlage für das Dorf angelegt. Auf der schon etwas älteren Öffnet den Link in einem neuen FensterWebsite von Proschim kann man sich den „Krabat-Energiepark“, den die Befürworter einer anderen Energiewirtschaft ins Leben gerufen haben, näher ansehen.

 

Das Zauberwort, so Kapelle, laute für ihn ganz klar: „Bildung. Ländliche Erwachsenenbildung. Wir müssen doch gemeinsam darüber lernen, wie wir sauberes Wasser gewinnen, wie wir Energiesparverfahren einsetzen. Dann können wir gemeinsam zu einer Vorstellung für eine Zeit nach der Kohle kommen und verstehen, dass es ein Leben ohne Kohle geben kann.“ Deswegen organisieren die Proschimer Energiewendler Reisen in andere Orte, die sich ähnlich orientieren, berichten fleißig und ohne moralinsauren Unterton über erfolgreiche Energiewendeprojekte. Weil die lokalen Medien einseitig berichten, haben sie gemeinsam mit anderen Interessierten ein eigenes Blatt gegründet: In der „Form frei“ können alle zum Thema Tagebau schreiben, egal, auf welcher Seite sie stehen – nur fundiert und offen für andere Positionen soll es sein. Das, so sagen viele unserer Gesprächspartner, könne man von der örtlichen Presse, namentlich der Lausitzer Rundschau, leider nur selten erwarten.

Was passiert, wenn der Tagebau immer näher an das Dorf heranrückt, können Sie morgen, in unserer 3. Etappe von Proschim nach Welzow, lesen.


Gastautorin Claudia Krieg

Freiberufliche Redakteurin und Journalistin Claudia Krieg

Claudia Krieg arbeitet als freiberufliche Redakteurin und Journalistin. Ihr Interesse gilt vor allem der Literatur und dem Film, migrations- und geschichtspolitischen Themen, und darin nicht zuletzt einem positionierten Schreiben zu Menschen- und Bürgerrechten. Ihre Texte kann man unter anderem im Blog Öffnet den Link in einem neuen Fensterpreposition lesen.


Fotograf Mark Mühlhaus

Fotograf Mark Mühlhaus

Mark Mühlhaus konzentriert sich darauf, mit Bildern Geschichten zu erzählen. Soziale und historische Themen, Politik der kleinen Leute, Protestformen, Menschen verschiedener Länder und das Thema Energie machen kontinuierlich einen großen Teil seiner photographischen Arbeit aus. Auch unterrichtet er in Kooperation mit Schulen und Stiftungen Photographie. Mark Mühlhaus ist Gründungsmitglied des Kollektivs Öffnet den Link in einem neuen Fensterattenzione photographers und wird von der Agentur Focus vertreten.



Kommentare

von Mark Mühlhaus am 29. November 2013 - 11:32 Uhr www.attenzione-photo.com

Hallo Frau Doer
Ja, wir warten auf die Entscheidung vom Verfassungsgericht und sind gespannt, wie sie mit dem Enteignungs-Paragraphen umgehen.

Grüße nach Welsow.

von Kathrin Hoffmann am 29. November 2013 - 10:01 Uhr

Liebe Frau Doer,
vielen Dank für Ihren Kommentar.
Es ist schön zu sehen, dass unsere Themenreihe "Eine Woche im Lausitzer Braunkohlerevier" auch von Ihnen - den Betroffenen vor Ort gelesen wird.
Es gibt auch eine Etappe, in der Claudia Krieg und Mark Mühlhaus in Welzow waren. Den Bericht mit Eindrücken aus Ihrem Heimatort finden Sie hier: http://www.windwaerts.de/de/blog/detail/verbrannte-erde-im-schatten-der-f60-eine-woche-im-lausitzer-braunkohlerevier.html

von Angela Doer am 28. November 2013 - 19:01 Uhr

Es geht wie immer in Deutschland nur um das Geld.
Ich wohne in Welzow an der Aue und hoffe sehr, daß Gartzweiler vor dem Verfassungsgericht scheitert. Damit wären Enteignungen dieser Art in Deutschland endlich rechtswidrig. Wenn das passiert, gebe ich Proschim eine Runde Rotkäppchen - Sekt aus
Ganz liebe Grüße aus dem ebenfalls gebeutelten Welzow an das tapfere Proschim

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