Geschichten

Immer das Ziel vor Augen – die Projektentwicklung bei Windwärts

Nachdem wir erfuhren, wie die Flächen für die Windparks gesichert werden, beschäftigen wir uns jetzt mit der eigentlichen Projektentwicklung. Dafür habe ich Dennis Zeitz einige Fragen gestellt, einem unserer erfahrenen Projektentwickler.

Dennis, wie bist du zur Windenergie und zu Windwärts gekommen?

Ich habe im Jahr 2005 mein Studium des deutschen und europäischen Wirtschaftsrechts abgeschlossen, also eine Mischung aus Rechtswissenschaft und BWL. Meine Schwerpunkte im Studium waren Umweltrecht auf der einen und betriebliche Umweltökonomie auf der anderen Seite. In diesem Zusammenhang besuchte ich einige Vorlesungen zu Themen wie nachhaltige Energieversorgung und Immissionsschutzrecht. Da spielte Windenergie natürlich eine Rolle. Ich habe im Anschluss an mein Studium nach spannenden Möglichkeiten gesucht, das Wissen anzuwenden, und da bin ich dann auf Windräder gekommen. Durch Zufall hatte ich auf den Internetseiten von Windwärts die Arbeitsbeschreibung eines Projektentwicklers gelesen, die ziemlich genau zu dem passte, was ich so gemacht hatte, also Verträge schreiben, Genehmigungsverfahren gestalten oder die Wirtschaftlichkeit von Projekten berechnen. So bin ich dann zu Windwärts gekommen, erst als Praktikant und seit 2006 als Projektentwickler.

Deine Aufgaben beginnen im Prinzip, wenn die Flächen gesichert sind. Was passiert dann?

Grundsätzlich geht es darum, dafür zu sorgen, dass dort rechtlich einwandfrei ein Windpark betrieben werden kann. Das heißt, dass alle öffentlichen Genehmigungen und alle privaten Rechte vorliegen müssen und der Windpark die Qualität aufweist, für die eine Bank und ein Investor Geld auf den Tisch legen.

Was umfassen die öffentlichen Genehmigungen?

Im Wesentlichen geht es um die Regional- und Bauleitplanung. Wir stellen die Frage, ob es die übergeordneten Pläne hergeben, dass an dieser Stelle grundsätzlich Windenergieanlagen gebaut werden können. Was sagt der Landkreis oder das Regierungspräsidium zu der Fläche, was sagt die Kommune? Auf all diesen Ebenen wird geplant, und wir schauen uns an, was die zuständigen Stellen da gemacht haben, ob die Fläche dargestellt wird und was man tun kann.

Als nächstes gibt es die Ebene der eigentlichen Genehmigung, also der immissionsschutzrechtlichen und der Baugenehmigung. Da geht es um die konkreten Windräder an den konkreten Standorten. Dafür müssen wir für alle Schutzgüter abprüfen, ob irgendein Belang der Genehmigung und dem Betrieb der Windräder entgegensteht. Da sprechen wir über Natur- und Artenschutz, das Landschaftsbild, Schall, Schatten, Abstände zu Wohngebäuden, es geht um zivile und militärische Luftfahrt und Flugsicherheit, um Denkmalschutz, Bodenaltlasten und mehr.  Alles, was geprüft werden kann, wird in dem Verfahren auch geprüft.

Das untersucht ihr aber nicht alles selbst, oder?

Nein, als Projektentwickler bin ich sozusagen der Dreh- und Angelpunkt. Die Behörde prüft Dinge ab, stellt Fragen, und wir müssen diese beantworten. Ich suche dann entsprechende Gutachter, spreche die Aufgaben mit ihnen durch, suche die Kollegen hier im Haus aus, die bestimmte Fachfragen beantworten können. Ich sitze quasi wie die Spinne im Netz und knüpfe Kontakte in alle Richtungen, spreche mit unterschiedlichen Leuten, immer mit dem Ziel, die Ergebnisse an die Behörde zu kommunizieren und von ihr grünes Licht zu bekommen.

Wenn die Fragen alle zur Zufriedenheit der Behörde beantwortet sind, kann dann gebaut werden?

Im Prinzip ja, zumindest können die Anlagen dann genehmigt werden. Im Idealfall würde ein solches Verfahren drei bis vier Monate dauern, bis alle Fragen geklärt sind. In der Realität dauert es aber viel länger, zum Teil mehrere Jahre, bis ein Projekt genehmigungsreif ist.

Sind es Beschwerden und Klagen, die das Verfahren verzögern?

Einwände können im Verlauf des Genehmigungsverfahrens immer kommen, wenn es dumm läuft, auch erst danach. Wir versuchen, solche Probleme schon im Vorfeld zu identifizieren und zu klären. Wenn es aber hart auf hart kommt, dann tritt erst im Lauf des Genehmigungsverfahrens der Umwelt- oder Naturschutzverband X oder der Bürger Y auf den Plan, wird bei der Behörde vorstellig und sagt, ich habe da dieses und jenes dagegen einzuwenden. Wenn das eskaliert, dann sind wir ganz schnell vor Gericht und in einem Klageverfahren. Dann dauert es mehrere Jahre, bis eine Entscheidung zustande kommt.

Daher versuchen wir immer, solche Fälle außergerichtlich und vorab zu klären. Wenn wir vor Ort mit den Grundstückseigentümern sprechen, reden wir auch mit dem Bürgermeister, zum Teil auch mit dem Gemeinderat. So erfahren wir auch, wer vor Ort gegen das Projekt sein könnte, und suchen dann gezielt das Gespräch mit diesen Personen. Das passiert oftmals viele Monate, bevor wir den Genehmigungsantrag stellen.

Du hast private Rechte erwähnt. Was ist damit gemeint?

Für die Sicherung der privaten Rechte sprechen wir mit den Grundstückseigentümern, auf deren Land der Windpark entstehen soll. Das sind in erster Linie Landwirte. Mit denen haben die Akquisiteure bereits Nutzungsverträge abgeschlossen, dennoch sind noch viele Detailfragen zu klären. Wo soll die Windenergieanlage genau hin? Wo können wir sie hinstellen, um alle Abstände und Restriktionen durch den Naturschutz einzuhalten? Wir steigen dann in die Detailplanung ein und entwickeln ein ausgereiftes technisches Konzept für den Windpark, inklusive Zuwegung, Kabeltrasse und anderem. All das müssen wir natürlich mit den Eigentümern vor Ort abstimmen. Da diskutieren wir viele Varianten, bis alle einverstanden sind und grünes Licht geben.

Es kann auch passieren, dass wir neue Flächen unter Vertrag nehmen müssen, weil wir eine Anlage an eine Stelle verschieben müssen, deren Eigentümer noch nicht unterschrieben hat. Das kommt aber eher selten vor. Ein ganz großer Bereich ist die Sicherung der Kabeltrasse und der Ausgleichsmaßnahmen. Wir müssen die fünf, sechs Kilometer Kabeltrasse bis zum Netzverknüpfungspunkt festlegen und dann Verträge mit den Grundstückseigentümern machen, dass wir dort ein Kabel entlang legen dürfen.  Dasselbe gilt für die Ausgleichsmaßnahmen. Wenn der Naturschutzgutachter untersucht hat, welche Tierarten durch den Windpark beeinträchtigt werden, müssen wir entsprechende Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen entwickeln. Auch das geschieht wieder im Dreieck von Behörde, Naturschutzgutachter und Grundstückseigentümer, auf dessen Land die Maßnahmen stattfinden sollen. Das müssen wir dann auch in einem entsprechenden Nutzungsvertrag festhalten.

Was ist die größte Herausforderung? Oder ist das von Projekt zu Projekt verschieden?

Ich habe bis heute an rund 35 Projekten gearbeitet, von denen manche realisiert wurden, die meisten aber vor der Genehmigung gescheitert sind, und kein Projekt ist wie das andere. Es gibt immer wieder neue, ortstypische Themen, Besonderheiten, Spezialitäten, man hat ständig mit anderen Personen zu tun, die Grundstückseigentümer  sind alle komplett unterschiedlich. Daher ist jedes Projekt aufs Neue sehr spannend, und es ist jedes Mal völlig ungewiss, ob es funktionieren wird. Das ist ja auch das Spannende und Faszinierende an dem Job, nicht zu wissen, was einen erwartet, sondern es immer wieder selbst zu entwickeln und herauszufinden und mit allen Beteiligten Lösungen zu finden. Gleichzeitig ist das natürlich auch das Schwierige und Komplexe.

Welche Voraussetzungen sollte ein Projektentwickler denn mitbringen?

Die formelle Qualifikation spielt speziell bei der Projektentwicklung von Windenergieanlagen meines Erachtens nur eine nachgeordnete Rolle. Viele Themen sind zwar rechtlicher Natur, sodass mein fachlicher Hintergrund sicher nicht verkehrt ist für die Aufgabe, aber die Bandbreite der Themen ist so ungeheuer groß, dass man nicht sagen kann, man müsse genau dieses oder jenes können. Benötigt werden der Wille und die Fähigkeit, sich in fremde Materie einzufuchsen und einzuarbeiten, und gleichzeitig immer konkret das nächste Ziel vor Augen zu haben. Man muss sich genauso für Rotmilane interessieren wie für den Durchmesser von Stromkabeln. Das ist eine Bandbreite, die nicht alle von Hause aus mitbringen, sie ist aber aus meiner Sicht unerlässlich. Völlig unabhängig vom fachlichen Hintergrund muss man sich für all diese unterschiedlichen Dinge begeistern können.

Ebenso gehört eine gewisse Standfestigkeit in der Orientierung zum Anforderungsprofil. Wir sind ständig mit Leuten konfrontiert, die alles, was wir tun, sehr schlimm finden und es verhindern wollen. Diese Leute lassen kein gutes Haar an irgendwas. Da muss ich immer mein übergeordnetes Ziel fest im Auge behalten und davon überzeugt sein, dass es richtig ist, was ich tue. Wer das nicht mitbringt, hat auf längere Sicht Probleme.

Was hat sich denn über die Jahre verändert an deiner Aufgabe?

In meiner Wahrnehmung sind drei Themen immer stärker in den Vordergrund gerückt, und zwar in unterschiedlichen Schüben. Als ich angefangen habe, war gerade das große Thema „Vögel“ durch. Es gab damals diese Kampagne des Spiegel, dass Windräder alle Vögel sofort ermorden würden, das war 2006 dann aber schon so weit abgehandelt, dass die Fachgutachter schon wussten, dass das so pauschal Unsinn ist. Wir wussten bereits, um welche Vogelarten es sich handelt und zu welchen Zeiten Gefährdungen vorliegen, und dass die Probleme lösbar sind. Das Thema war dann gefühlt lange vom Tisch, ist jetzt aber umso massiver zurück auf der Tagesordnung in Form des konkreten Artenschutzes.

Verschärft durch europarechtliche Vorgaben haben wir jetzt wieder massiv mit der Avifauna und den artenschutzrechtlichen Fragen zu tun. Dieses Thema wird vor allem von den Behörden verfolgt und vorgebracht. Das hat die Projektentwicklung immens erschwert. Wir müssen deutlich mehr Gutachten vorlegen als früher, die immer langwieriger und damit auch teurer geworden sind.

Wer ebenfalls nach einer gefühlten Ruhepause wieder deutlich stärker auftritt, sind die Bürgerinitiativen. Die waren lange Zeit nicht wahrnehmbar, inzwischen tauchen sie aber regelmäßig wieder auf. Ich weiß nicht, woran das liegt. Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir weiter nach Süden vorrücken und damit in Regionen aktiv sind, wo Windenergieanlagen noch nicht so üblich sind. Aber das ist nur eine Vermutung.

Das dritte Thema ist die Wirtschaftlichkeit der Projekte. Die Einspeisevergütung reduziert sich laufend, und demnächst wird es weitere Veränderungen der gesetzlichen Grundlagen geben, etwa durch Ausschreibungen für Windenergieprojekte. Da stellt sich stärker als früher die Frage, ob ein Projekt noch wirtschaftlich ist, und was wir uns an Kosten erlauben können. So stellen wir uns heute deutlich häufiger die Frage, mit welchem Anlagentyp wir planen können, um die Wirtschaftlichkeit zu sichern.