Eine Woche im Lausitzer Braunkohlerevier

Es hieß, es würde keinen weiteren Tagebau geben

Der Braunkohleabbau zerreißt die Lausitz. Seit über 100 Jahren leiden nicht nur die Landschaft, sondern auch die Menschen, die ihre Heimat lieben, aber von der Kohle leben. Wir, Mark Mühlhaus (Fotos) und Claudia Krieg (Text), waren sieben Tage lang auf Spurensuche in einer Gegend, in der der Widerstand wächst, der Raubbau auf Kosten von Natur, Klima und Menschen aber trotzdem weitergeht.

Foto: © Mark Mühlhaus |attenzione | Agentur Focus

Von Neustadt nach Atterwasch – 7. Etappe im Gebiet des geplanten Tagebaus Jänschwalde-Nord

Der dritte und letzte Teil unserer Reise führt uns Anfang August noch einmal zurück nach Brandenburg – in das Gebiet, in dem die Firma Vattenfall den  künftigen Tagebau Jänschwalde-Nord aufschließen will. „Ein neue Grube war das Letzte, womit man hier gerechnet hat“, erzählt uns  Thomas Burchardt, Sprecher der sogenannten Klinger Runde. In dieser Runde haben sich 2008 die etwa 30 Gemeinden zusammengeschlossen, die von Jänschwalde-Nord betroffen wären – ob nun durch Umsiedlung, Abbaggerung oder „Randbetroffenheit“.

Atterwasch ist durch den Abbau von Jänschwalde betroffen. Es droht die Devastierung. Foto: © Mark Mühlhaus | attenzione | Agentur Focus

„Als 2007 die Nachricht über die Clausthal-Studie kam, dass für die Region sieben Tagebaue geplant sind, war das ein Schock – mehrfach war den Menschen in der Region in den Jahren zuvor versichert worden, dass kein neuer Tagebau kommen würde. Viele haben Häuser gebaut oder renoviert. Viele wollen wegen der Landschaft nicht wegziehen, andere kommen genau deswegen. Trotz der Strukturschwäche und der starken Abwanderung hängen ja auch viele Menschen an der Lausitz.“ Viele, vor allem der älteren Menschen, erzählt Burchardt weiter, sind durchaus als traumatisiert zu bezeichnen.

Niemand von denen, die eine unfreiwillige Umsiedlung selbst erlebt haben, kann darüber länger als drei, vier Minuten sprechen, ohne von den unterdrückten Emotionen überflutet zu werden.

Aber dies zähle nicht vor einem Konzern wie Vattenfall. Dessen Vertreter, die er in seiner 13 Jahre währenden Arbeit als Seelsorger auf dieses Thema angesprochen habe, reagierten „eiskalt“. „Die wollen Studien, die das belegen.“ Eine Expertise aus der täglichen Erfahrung zähle da nichts.

Traumatisiert und machtlos – die Bewohner von Atterwasch

Protest-Transparent vor der Gustav-Adolf-Kirche in Kerkwitz. Das Dorf ist betroffen vom Abbau Jänschwalde und soll devastiert werden. Foto: © Mark Mühlhaus | attenzione | Agentur Focus

So verstärkt sich nur der Eindruck, dass man den Kürzeren zieht, wenn man sich wider die Kohle stellt und das, so erzählt es auch der evangelische Pfarrer Mathias Berndt aus dem kleinen Dorf  Atterwasch, hat die Menschen geprägt. „Viele erleben sich als wertlos gegenüber den von ihnen als mächtiger empfundenen Interessen. Das war auch schon zu DDR-Zeiten so. Die Pläne Vattenfalls für die Region sind beschönigend, ihre Informationsblätter funktionieren wie Illustrierte. Nur ein umfassender Strukturwandel kann die Lausitz als lebenswerte Region erhalten.“

Berndt hat eine Sonderpfarrstelle für Bergbauseelsorge im Kirchenkreis Cottbus inne, er ist besonders vertraut mit den tagebaubezogenen Ängsten und Nöten der Menschen hier. Aber Berndt ist nicht nur Seelsorger – er ist, wie Burchardt, auch Tagebaugegner.

Atterwasch ist durch den Abbau von Jänschwalde betroffen. Es droht die Devastierung. Foto: © Mark Mühlhaus | attenzione | Agentur Focus

Für ihn ist der gesellschaftspolitische Auftrag, sich gegen eine Abbaggerung zu wehren, gleichauf mit einem – Berndt nennt es – „schöpferischen Auftrag“. Wir sitzen im Garten des Pfarrhauses hinter der Atterwascher Dorfkirche und schauen um uns herum auf alles, was es, käme der Tagebau, nicht mehr geben würde: uralte Bäume, weite Felder und Wiesen, die mäandernden Flüsse, aber auch den Ort, die Gemeinde, eine andere lang gewachsene Struktur. Es würde vor allem den vielen hier noch lebenden alten Menschen tatsächlich „den Boden unter den Füßen wegreißen“. Berndt gehört mit seinen 63 Jahren zu den Jüngeren in Atterwasch und auch er sagt: „Wo soll ich hin, wenn es das hier nicht mehr gibt? Wir wohnen hier seit fast 35 Jahren. Ich habe keinen Plan B, wenn ich in zwei Jahren in Pension gehe.“

Solidarität mit Tagebau-Gegnern auf der anderen Seite der Oder

Foto: © Mark Mühlhaus | attenzione | Agentur Focus

Den letzten heißen Augusttag in der Lausitz verbringen wir auf der anderen Seite der Oder. Wir fahren in das kleine Dorf Wielotów. Hierher haben uns Thomas Burchardt und Mathias Berndt auf den Himbeer- und Spargelhof von Dorota Schewior eingeladen. Hier feiern der deutsche Ort Taubendorf, der am Rand vom Tagebau Jänschwalde liegt, und Wielotów ihr gemeinsames Erntedankfest. Wielotów ist wie zwei Dutzend andere polnische Dörfer von einem Tagebau zwischen Gubin, dem polnischen Teil der geteilten Stadt Guben, und dem Ort Brody bedroht.

15 Kilometer liegen zwischen den beiden Ortschaften –  ein Tagebau gigantischen Ausmaßes soll es werden. „Wir versuchen uns zusammenzuschließen mit den polnischen Leuten. Die Solidaritätsbereitschaft ist groß.“ So sitzen trotz der 36 Grad hier etwa 100 Menschen zusammen und klatschen, als Thomas Burchardt ein großes gelbes X an Dorota Schewior überreicht. No Pasaran – auf dass weder der Tagebau Gubin-Brody durch Wielotów, noch Jänschwalde-Nord durch Atterwasch, Grabko und Kerwitz durchkommt.

Mit der 7. Etappe endet unsere Reise durch das Braunkohlerevier Lausitz. Der Protest gegen die Tagebaue, gegen Umweltzerstörung, Klimawandel und Umsiedlung geht weiter.