Eine Woche im Lausitzer Braunkohlerevier

Verbrannte Erde im Schatten der F60

Der Braunkohleabbau zerreißt die Lausitz. Seit über 100 Jahren leiden nicht nur die Landschaft, sondern auch die Menschen, die ihre Heimat lieben, aber von der Kohle leben. Wir, Mark Mühlhaus (Fotos) und Claudia Krieg (Text), waren sieben Tage lang auf Spurensuche in einer Gegend, in der der Widerstand wächst, der Raubbau auf Kosten von Natur, Klima und Menschen aber trotzdem weitergeht.

Der Braunkohleabbau zerreißt die Lausitz. Foto: © Mark Mühlhaus | attenzione | Agentur Focus

Von Proschim nach Welzow über Neupetershain und Wolkenberg – 3. Etappe im Gebiet des geplanten Tagebaus „Welzow-Süd – Teilgebiet II“

Am nächsten Tag treffen wir in Welzow Hannelore Wodtke und Petra Franz, zwei dynamische Frauen, denen man ihr beherztes Engagement gegen den Aufschluss eines weiteren Tagebaus unmittelbar anmerkt. Wir fahren in das zwei Kilometer entfernte  Neupetershain und beschließen, unser Interview in einem Café zu führen – keine 100 Meter von der Tagebaukante des noch laufenden Tagebaus Welzow entfernt; wir können die Bagger und die Förderanlagen hören. Ohne Umschweife erklären uns Frau Wodtke und Frau Franz, warum sie nur zu gern zu einem Interview bereit sind: „Weil wir kämpfen müssen: Für die Gesundheit der Menschen hier, für eine Zukunft der Lausitz mit Arbeit und Entwicklungsmöglichkeiten. Durch unsere Häuser gehen Risse, in unseren Gärten verdorren Bäume und Pflanzen, weil das Grundwasser so weit abgesenkt wurde. Die Menschen können nicht schlafen, weil ihnen die Bagger regelrecht durch den Schlaf fahren.“

3.535 Umsiedlungen – langsam wird auch Welzow vom Tagebau bedroht

Momentan, so sieht es in ihren Augen aus, stirbt die Region und damit auch die Kleinstadt Welzow bereits wegen des jetzigen Tagebaus einen langsamen Tod.
Der Klinger See, entstanden durch die Überflutung des ehemaligen Abbaugebietes bei Jänschwalde-Nord. Foto: © Mark Mühlhaus | attenzione | Agentur Focus

Seit seinem Aufschluss in den 1960er Jahren wurden die Orte Gosda, Jessen, ein Teil von Pulsberg, Roitz/Josephsbrunn, Stradow, Groß Buckow, Radewiese, Straußdorf und Wolkenberg/Dolland abgebaggert. 1972 wurde er in Betrieb genommen. Nach der politischen Wende kamen die Umsiedlungen von Kausche/Klein Görigk, Geisendorf/Sagrode und Haidemühl/Karlsfeld-Ost hinzu. Die aktuelle Grube allein verursachte damit insgesamt  3.535 Umsiedlungen. Anfang der 1990er Jahre gelang es, den Ort Steinitz durch Proteste vor Abriss zu bewahren.

Langsam bewegt sich die große F60-Förderbrücke nun auf Welzow zu. In einem zukünftigen Tagebau Welzow-Süd II möchte Vattenfall im Zeitraum von 2026 bis 2042 rund 200 Millionen Tonnen Braunkohle fördern.

Verbrannte Erde und hohle Phrasen zur Rekultivierung

Kilometerlanger Abraum des Tagebaus Welzow in der Lausitz. Foto: © Mark Mühlhaus | attenzione | Agentur Focus

Später stehen wir mit Hannelore Wodtke und Petra Franz am westlichen Rand des Tagebaus Welzow. Die endlose Mondlandschaft vor uns verschwimmt am dunstigen Horizont mit dem Kohlestaub, der über die Szenerie wirbelt. Hannelore Wodtke lächelt: „Wissen Sie, ich finde das auch faszinierend. Aber es ist und bleibt doch etwas sehr Gewalttätiges.“ Es ist das Zerstörerische, so scheint es auch Mark und mir, das es so gespenstisch macht, es sind nicht die Möglichkeiten der Technik und das beeindruckende Schauspiel der sich fast hundert Meter tief in den Boden wühlenden Schaufeln am Grund der Grube.

Aber zurück bleibt verbrannte Erde, die zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Rekultivierung? Fehlanzeige. Wir fahren durch die alten Kippenflächen, auf denen nun schon seit Jahrzehnten niedriger Wald mehr oder weniger vor sich hin wuchert, auch wenn die angepflanzte Struktur noch sichtbar ist. Wir suchen den Weinberg Wolkenberg. Tatsächlich, so sagen auch die Tagebaugegnerinnen,  kann Wein als Flachwurzler auf dem ausgebeuteten Boden wachsen. Aber die Rede von der Möglichkeit landwirtschaftlicher Nutzung sei angesichts der Tausenden von brachliegenden trockenen Flächen ein ähnlicher Euphemismus wie eine zukünftige „Wasserlandschaft Lausitz“, von der niemand sagen kann, ob es überhaupt jemals gelingen wird, die sauren Seen freizugeben.

Am nächsten Tag fahren wir weiter nach Rohne und Mulkwitz. Warum in diesen alten wendischen Dörfern der Widerstand erlahmt ist, lesen Sie morgen in unserer 4. Etappe