Eine Woche im Lausitzer Braunkohlerevier

Ein widerspenstiges Dorf

Der Braunkohleabbau zerreißt die Lausitz. Seit über 100 Jahren leiden nicht nur die Landschaft, sondern auch die Menschen, die ihre Heimat lieben, aber von der Kohle leben. Wir, Mark Mühlhaus (Fotos) und Claudia Krieg (Text), waren sieben Tage lang auf Spurensuche in einer Gegend, in der der Widerstand wächst, der Raubbau auf Kosten von Natur, Klima und Menschen aber trotzdem weitergeht.

Johannes Kapelle, Aktivist gegen den Braunkohleabbau. Foto: © Mark Mühlhaus | attenzione | Agentur Focus

Von Haidemühl nach Proschim – 2. Etappe im Gebiet des geplanten Tagebaus „Welzow-Süd – Teilgebiet II“

Schon 1987, noch zu DDR-Zeiten, sollte Proschim umgesiedelt werden. Aber das Dorf wehrte sich damals, die Umsiedlung fand nicht statt. So ist es bis heute geblieben, auch wenn der Druck seitens des Kohleabbaus nicht nachlässt. 

Eine Frau pflegt die Blumen, die an einem Protestschild stehen. „Wer Dörfer antastet ist für uns nicht wählbar“ steht auf dem Schild am Dorfrand von Proschim, das für den Abbau Welzow-Süd devastiert werden soll. Foto: © Mark Mühlhaus | attenzione | Agentur Focus

Johannes Kapelle hat uns auf seinen wendischen Vier-Seiten-Hof eingeladen und war trotz unseres überfallartigen Auftauchens und trotz seiner Beinverletzung („Beim Sturz vom Apfelbaum zugezogen...“) ohne Umstände zum Interview bereit. Frau Kapelle kocht uns Kaffee, wir sitzen zu viert in der Küche des alten Gebäudes. Kapelle erzählt mit Blick aus dem Fenster, das zur Dorfstraße zeigt: „Es sind längst nicht alle in Proschim gegen den Tagebau! Nein, die Fronten sind vielmehr verhärtet, denn viele, denen die Kohle Arbeit gibt, können sich nicht gegen sie aussprechen – auch wenn sie selbst nicht wegziehen wollen.“

Der Organist der Proschimer Dorfkirche, eine der herausragenden Figuren des hiesigen Protests, nimmt es den Menschen nicht übel, wenn die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes so groß ist, dass sie sich nicht deutlich positionieren. Sein Groll gilt dem Konzern, der mit diesen Ängsten kalkuliert und sie auch gegen den Tagebau-Protest ausspielt. Dennoch bleibt der Widerstand in Proschim beständig – zuletzt mit der Einladung zum 3. Lausitzer Klimacamp, einer überregionalen und sehr aktivistischen Form des energiepolitischen Protests, das im Juli 2013 stattfand. Aber auch die lokale Bewegung, die Proschim als eines der schönsten Dörfer in der Lausitz erhalten will, hat gute Argumente: In Proschim versucht man – theoretisch und praktisch – die Rede von der angeblichen Notwendigkeit des fortdauernden Kohletagebaus zu widerlegen.

Energiewende in Bürgerhand“ in Proschim – trotz oder gerade wegen des angrenzenden Braunkohletagebaus

Mehrere Energiehöfe gibt es im Dorf, viele haben ihr Heizsystem auf Holz umgestellt, Trecker fahren mit Rapsöl. Johannes Kapelle hat ein kleines Windrad im Garten, das mehrere Höfe versorgen kann, andere Mitstreiter, wie die Familie Rösch, die über große Weideflächen und Tierbestände verfügt – und damit einer der größeren nachhaltigen Arbeitgeber der Umgebung ist – haben eine Biogasanlage für das Dorf angelegt. Auf der schon etwas älteren  Website von Proschim kann man sich den „Krabat-Energiepark“, den die Befürworter einer anderen Energiewirtschaft ins Leben gerufen haben, näher ansehen.

Das Zauberwort, so Kapelle, laute für ihn ganz klar: „Bildung. Ländliche Erwachsenenbildung. Wir müssen doch gemeinsam darüber lernen, wie wir sauberes Wasser gewinnen, wie wir Energiesparverfahren einsetzen. Dann können wir gemeinsam zu einer Vorstellung für eine Zeit nach der Kohle kommen und verstehen, dass es ein Leben ohne Kohle geben kann.“ Deswegen organisieren die Proschimer Energiewendler Reisen in andere Orte, die sich ähnlich orientieren, berichten fleißig und ohne moralinsauren Unterton über erfolgreiche Energiewendeprojekte. Weil die lokalen Medien einseitig berichten, haben sie gemeinsam mit anderen Interessierten ein eigenes Blatt gegründet: In der „Form frei“ können alle zum Thema Tagebau schreiben, egal, auf welcher Seite sie stehen – nur fundiert und offen für andere Positionen soll es sein. Das, so sagen viele unserer Gesprächspartner, könne man von der örtlichen Presse, namentlich der Lausitzer Rundschau, leider nur selten erwarten.

Was passiert, wenn der Tagebau immer näher an das Dorf heranrückt, können Sie morgen, in unserer 3. Etappe von Proschim nach Welzow, lesen.