Eine Woche im Lausitzer Braunkohlerevier

Zwischen Zerstörung und Widerstand

Der Braunkohleabbau zerreißt die Lausitz. Seit über 100 Jahren leiden nicht nur die Landschaft, sondern auch die Menschen, die ihre Heimat lieben, aber von der Kohle leben. Wir, Mark Mühlhaus (Fotos) und Claudia Krieg (Text), waren sieben Tage lang auf Spurensuche in einer Gegend, in der der Widerstand wächst, der Raubbau auf Kosten von Natur, Klima und Menschen aber trotzdem weitergeht.

Der Braunkohleabbau zerreißt die Lausitz. Foto: © Mark Mühlhaus | attenzione | Agentur

Von Lieske nach Haidemühl – 1. Etappe im Gebiet des geplanten Tagebaus „Welzow-Süd – Teilgebiet II“

Ende April 2013 stehen wir am Sedlitzer See, einem von vielen gefluteten Tagebauseen südwestlich von Spremberg: Die Forsythien blühen, das Wasser glitzert einladend, Mark spricht gleich etwas übermütig von Baden gehen. Aber das Schild „Betreten verboten“ macht klar, dass es sich beim Sedlitzer See nicht um einen Badesee handelt – der pH-Wert des Wassers, das die ehemaligen Kohlegruben aufgefüllt hat, liegt in etwa beim Säuregrad von Essig, erzählen uns später unsere Gesprächspartner.

Verlassenes Haus im devastiertem Dorf Heidemühl in Brandenburg, besprüht mit „Vattenfall“. Foto: © Mark Mühlhaus | attenzione | Agentur

Es sind die ersten warmen Tage nach dem langen Winter, Mensch und Natur atmen auf. Am Rand des Sedlitzer Sees liegt das Dörfchen Lieske. Hier holen manche Menschen in diesem Frühjahr wohl besonders tief Luft. Lieske droht zu einem sogenannten „randbetroffenen“ Dorf zu werden. Es soll an der Kante des  zukünftigen Tagebaus „Welzow-Süd – Teilgebiet II“ auf einem bis zu 600 Meter schmalen Damm zwischen dem Sedlitzer See und dem tieferliegenden Tagebau liegen.

Noch ist das Tagebauvorhaben Vattenfalls nicht genehmigt, aber einen halben Kilometer hinter den Häusern setzen im Auftrag des Konzerns schwere Maschinen bereits eine „Dichtwand“ etwa 100 Meter tief in den Erdboden. Die soll Lieske davor bewahren, ins Rutschen zu geraten, wenn sich der Tagebau auf den See zubewegt und die Gefahr besteht, dass durchsickerndes Wasser den schmalen Damm zum Einsturz bringt. Dass diese Dichtwand hält, kann niemand garantieren. Mehrere  Greenpeace-Gutachten warnen vor der Annahme, dass die Maßnahme langfristig die Zerstörung des Dorfes verhindern kann. Aber der Stromkonzern will Fakten schaffen – kein Zweifel darf daran bestehen, dass der jetzige Tagebau Welzow ab 2026 erweitert wird und deswegen soll am besten noch in diesem Jahr eine Entscheidung herbeigeführt werden.
Auch ohne Tagebaugenehmigung – Vattenfall schafft Fakten
So wie jetzt schon einmal prophylaktisch die Dichtwand in Lieske gebaut wird, so wurde vor acht Jahren das ehemalige Glashüttendorf Haidemühl „devastiert“, das heißt unbewohnbar gemacht.
Devastiertes Dorf Haidemühl in Brandenburg mit verlassenen Häusern an der Landstraße. Foto: © Mark Mühlhaus | attenzione | Agentur Focus

Was vom Dorf noch übrig ist, erinnert uns an Geisterstädte nach einem atomaren Supergau – nicht zuletzt, weil Schilder vor „Kontaminiertem Gelände“ warnen: Verlassene Häuser, in denen noch die Gardinen aus den Fenstern wehen, Schriftzüge, die vom Protest zeugen, hier und da Zeichen der Menschen, die einmal hier gewohnt haben: Kinderspielzeug, Gartenwerkzeuge. Wir laufen durch eine Stille, die nur vom entfernt ratternden Tagebau-Geräusch unterbrochen wird. Über lange Jahre wehrten sich hier die etwa 400 Bewohner und Bewohnerinnen gegen den erzwungenen Umzug und die Zerstörung ihres Ortes für den Tagebau Welzow-Süd, der nicht einmal genehmigt war.

„Die Methode der Umsiedlung“, so erzählt Johannes Kapelle aus dem Nachbardorf Proschim, „war folgende: Vattenfall erhob eine Umfrage, die ergab, dass niemand weg will. Dann gab es eine Umfrage, in der nicht mehr stand 'Entweder-Oder', sondern nur noch 'Wo wollen Sie hinziehen?'. Daran nahmen 20 Prozent der Menschen teil. Für ungültig wurden alle die Stimmen erklärt, die sagten 'Wir wollen bleiben'. So sprachen sich 60 Menschen für einen neuen Dorfstandort Sellessen aus. Leuten, die trotzdem nicht gehen wollten, wurde angedroht, dass sie ihre Stelle verlieren würden, man hat Druck ausgeübt – auch durch Einzelgespräche. Am Ende hieß es 'Wir sitzen alle in einem Boot' und alle mussten mit, obwohl sich der Großteil gegen die Umsiedlung aussprach – denn nur dann bekamen nicht nur die, die nach Sellessen ziehen, die Entschädigung, sondern auch die anderen. Und so zog schließlich das ganze Dorf um und bekam sechs Millionen Euro für einen Turm, ein Gemeindehaus, ein Vereinshaus und ein Holzheizhaus. Aber trotz allem: Es ist nicht dasselbe Dorf. Und die Frage bleibt: Warum mussten wir umziehen, wenn doch noch gar nichts passiert ist?“ Johannes Kapelle ist Organist in der Kirche in Proschim.

Auch Proschim, zwei Kilometer von Haidemühl entfernt, ist vom Tagebau Welzow-Süd II bedroht, aber hier liegen die Dinge ein wenig anders. Wie, das können Sie morgen in unserer 2. Etappe von Haidemühl nach Proschim lesen.