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Klimakrise: Droht ein Revival der Atomkraft?

Spätestens seit Bill Gates neue Atomreaktoren als Mittel gegen den Klimawandel propagiert, ist die Diskussion um die Zukunft der Atomenergie wieder voll entbrannt.

Der Kampf um die Zukunft der Atomenergie ist auch ein Kampf der Bilder. Auf der einen Seite: Einsatzkräfte in dichten Schutzanzügen, verzweifelte Menschen in Notunterkünften, zerstörte Landschaften, bekannt aus Tschernobyl und Fukushima. Doch es gibt auch andere Bilder: Sie zeigen sympathische Frauen aller Altersstufen, viele mit Kindern. Sie tragen handgemalte Schilder und bunte T-Shirts oder posieren in der Natur. Sie wollen das Beste für ihre Kinder und die Natur. Und das ist ihrer Meinung nach Atomenergie.

Die Diskussion um Atomenergie hat wieder Fahrt aufgenommen

Wer glaubt, dass dies nur die Ansicht einer versprengten Gruppe ist, der irrt. Die Diskussion um die Nutzung der Atomenergie hat aktuell wieder Fahrt aufgenommen. Das Argument: Atomkraftwerke liefern die CO2-freie Energie, die es braucht, um den Klimawandel zu stoppen und gleichzeitig unseren Lebensstandard zu sichern.

Prominentester Vertreter dieser These ist Milliardär Bill Gates, der sich mit seinem Buch „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“  für Atomkraft stark macht. Eine neue Generation von modularen kleinen Atomreaktoren (SMR) könne mit beherrschbaren Risiken praktisch ohne strahlende Abfälle so viel Strom erzeugen, dass der weltweite Strombedarf problemlos gedeckt wird, ohne dass wir unseren Lebenswandel wirklich ändern müssten. Dass er selbst „einige 100 Millionen Dollar“ in diese Technologie investiert hat, verschweigt er nicht.

Doch auch von Seiten der UNO gibt es Unterstützung für die Kernkraftnutzung. So veröffentlichte die UNECE (United Nations Economic Commission for Europe) jüngst ein Papier, in dem sie das Erreichen der Klimaziele vom Nutzen der Atomkraft abhängig machte. Für den Ersatz von Kohle, Gas und Atomkraft sei die Zeit zu knapp.

Auch in Deutschland gibt es Befürworter der Atomenergie

Selbst in Deutschland, wo der Atomausstieg längst beschlossene Sache ist, gibt es Stimmen, die Kernenergie als CO2-frei preisen – und das nicht nur in der AfD.

Das Europäische Institut für Klima und Energie (EIKE) schürt unter dem Leitsatz “Nicht das Klima ist bedroht, sondern unsere Freiheit“ Ängste vor einer Zukunft mit erneuerbaren Energien. Die Nutzung neuer Technologien der Kernenergie erscheint da als Ausweg.

Der Glaube, Kernenergie sei eine CO2-freie Energieerzeugungsart, reicht dabei bis in die Spitzen der Politik. 2019 bezeichnete der Kanzlerkandidat der Union Armin Laschet den Atomausstieg als Fehler. Man hätte wegen der CO2-Ziele zunächst aus der Kohle aussteigen müssen.

Und erst kürzlich argumentierte Theo Sommer, ehemaliger Chefredakteur und Herausgeber der Wochenzeitung Die Zeit, angesichts des steigenden Strombedarfs durch die Energiewende und die Sektorenkopplung seien Atomkraftwerke unverzichtbar.

EU diskutiert klimafreundliche Atomkraft


Eine wichtige Weichenstellung läuft zudem auf europäischer Ebene. Mit der sogenannten Taxonomie-Verordnung will die EU mehr Geld in nachhaltige Investitionen lenken. Heftigen Streit gab es darum, ob auch Investitionen in Kernenergie oder Erdgas als klimafreundlich gelten sollen. Im April wurde ein Paket veröffentlicht, bei dem die strittigen Punkte zunächst ausgeklammert sind. Die endgültige Entscheidung fällt im Herbst. Für die Atomenergie könnte das einen großen finanziellen Schub bedeuten.

Experten: Kernenergie rettet das Klima nicht


Klimaschutzexperten sind sich hingegen weitgehend einig, dass Kernenergie zur Rettung des Klimas nicht taugt. Atomstrom sei keineswegs CO2-frei, urteilt das Bundesumweltamt. Bei Uranabbau, Brennelementherstellung, Kraftwerksbau und -rückbau bis zur Endlagerung sei ein erheblicher Energieeinsatz nötig, wobei Treibhausgase emittiert werden.

Die Risikofreiheit der modularen Kleinreaktoren, die von Bill Gates und anderen Befürwortern propagiert werden, sei nicht gewährleistet, schreibt das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung in einem aktuellen Gutachten. Zwar ginge von den kleineren Reaktoren aufgrund ihrer Größe ein geringeres Risiko aus. Doch allein die Menge, die von diesen Reaktoren errichtet werden müsste, steigere das Risiko wieder um ein Vielfaches – ein Nullsummenspiel. Dazu kommt: Noch steckt diese Technologie in den Kinderschuhen. Bis sie wirklich einsatzbereit ist, werden noch Jahre vergehen, die wir zur Rettung des Klimas nicht haben.

Frankreich: Atomaufsicht billigt Laufzeitverlängerung (ARD-Tagesschau)

Die Argumente gegen Atomkraft werden nicht entkräftet


Ist also die Laufzeitverlängerung, wie sie Frankreich jetzt vornimmt, die Lösung? Kaum, denn hier bleiben die bekannten Risiken:

  • Es gibt kein funktionierendes Endlager für strahlenden Atommüll.
  • Uranabbau verursacht große Umweltschäden und trägt häufig zu Menschenrechtsverletzungen bei.
  • Die Gefahr eines Super-GAUs ist real.

Bislang konnten diese Risiken nicht entkräftet werden. Und neue Bilder von Menschen in Schutzanzügen, die ganze Landstriche abriegeln, möchte sicher niemand sehen.