Geschichten

Enera – ein Netz für die Energiewende

Der Nordwesten Deutschlands gilt nicht unbedingt als Hightech-Region. Vielmehr verbindet man mit dem Landstrich an der Nordsee eine gewisse Gemütlichkeit: Deiche, Schafe, Tee und Ostfriesen-Platt. Doch dieser Eindruck täuscht. Zwischen Ems und Weser ist die Energiewende schon weit vorangeschritten und das katapultiert die Region ganz nach vorn. Im Förderprogramm Sinteg (s. Kasten) ist der Nordwesten als eines der fünf Schaufenster ausgewählt worden. Enera heißt das Projekt, in dem sich mehr als 30 Partner beteiligen, um gemeinsam zu zeigen, wie es gehen kann: Eine zuverlässige Energieversorgung auf Basis der Erneuerbaren zu organisieren, ohne dass die Kosten explodieren.

Die Energieversorgung steht vor einem grundlegenden Wandel. Aus einem statisch am Verbrauch ausgerichteten System muss eines werden, dass auch die Flexibilisierung auf Seiten der Einspeiser verträgt, das sich von einem zentralen in ein dezentrales wandelt. Der Nordwesten Deutschlands verfügt schon jetzt über einen Anteil von 170 Prozent erneuerbarer Energien gemessen am regionalen Verbrauch – und ist damit schon jetzt dort angekommen, wo Deutschland eigentlich erst 2050 sein will.

Mit dem Förderprogramm

„Schaufenster intelligente Energie – Digitale Agenda für die Energiewende“ (SINTEG)

fördert das Bundeswirtschaftsministerium in Modellregionen neue Ansätze für einen sicheren Netzbetrieb bei hohen Anteilen fluktuierender Stromerzeugung aus Wind- und Sonnenenergie. Dazu werden fünf großflächige „Schaufenster“ aufgebaut, um Wissen, Erfahrungen und Aktivitäten systemübergreifend zu bündeln. Die Schaufenster sollen die technischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Herausforderungen der Energiewende der nächsten Jahrzehnte angehen und in der Praxis getestete Musterlösungen liefern. Sie sollen als „Blaupause“ für die Weiterentwicklung der Energiewende dienen. Insgesamt werden mehr als 500 Millionen Euro investiert.

Drei Schwerpunkte: Netz, Markt, Daten

2.600 Quadratkilometer umfasst die Modellregion von Enera, die neben Ostfriesland auch das benachbarte Friesland umfasst. Es gibt mit Aurich, Wittmund und Emden einige Mittelzentren. Auch industrielle Großverbraucher wie das VW-Werk in Emden müssen integriert werden.

Drei Themenschwerpunkte hat sich enera gesetzt: Netz, Markt und Daten. Dahinter steht die Überzeugung, dass diese drei Bereiche für den nächsten großen Schritt der Energiewende stehen. Das Netz muss für die flexiblere Stromversorgung intelligent und dynamisch gestaltet werden, der Markt muss sich für Erneuerbare öffnen und neue Geschäftsmodelle finden. Als Grundlage des Ganzen dienen Daten, die in Echtzeit eine genaue Kenntnis der Versorgungssituation ermöglichen.

Um hier voranzukommen, nehmen die beteiligten Unternehmen viel Geld in die Hand. 171 Millionen Euro sollen im Laufe der kommenden vier Jahre investiert werden, 51 Millionen Euro schießt davon das Bundeswirtschaftsministerium als Förderung hinzu.

Mehr als 200 Millionen Euro werden investiert

Zunächst geht viel Geld in die Hardware. Die EWE als zuständiger Verteilnetzbetreiber liefert rund 30.000 Smart Meter an seine Kunden aus, das Stromnetz wird mit einigen tausend Sensoren bestückt, um stets einen Überblick über die Auslastung zu haben. Ein intelligentes Netz, ein Smart Grid, soll entstehen, das auch Speicher und andere Technologien einbinden kann. In Varel wird ein japanisches Konsortium einen  Hybridbatteriespeicher errichten. Der Windenergieanlagenhersteller Enercon baut am Auricher Klärwerk einen PEM-Elektrolyseur mit einem Megawatt Leistung, um in windstarken Zeiten synthetisches Erdgas herzustellen und ins Gasnetz einzuspeisen.

Foto: Pixabay.com

Zudem hat Enera mit der Strombörse EPEX-Spot eine Kooperation geschlossen, um einen regionalen Handelspunkt einzurichten und das Verteilnetz erstmals am Markt zu beteiligen. Netzengpässe in Richtung Süden können von vornherein vermieden werden, wenn der im Norden zu viel produzierte Strom auch dort gehandelt werden kann – so die Idee dahinter. Auch Speicher könnten günstigen Strom einlagern, bis das Netz in der Lage ist, die gespeicherten Mengen zu transportieren. Marktbasiertes Engpassmanagement lautet das Schlagwort. Digitalisierung ist dabei unverzichtbar – nur Algorithmen sind in der Lage, Daten so schnell auszuwerten und zu handeln, der Mensch überwacht. Überflüssig werde er dabei nicht, meinen Experten: Die Digitalisierung ersetzt nicht den Homo Sapiens, sondern lässt ihn kreativen Input für die Algorithmen von morgen entwerfen.

​​​​​