Geschichten

Erneuerbare Energien und Tourismus: Chance oder Risiko?

Foto: CC BY-SA Comrade Foot aka Jens Rost

Die zunehmende Nutzung erneuerbarer Energiequellen und die damit einhergehende steigende Anzahl an Wind-, Solar- und Biogasanlagen beinhalten vermehrt Berührungspunkte zwischen erneuerbaren Energien und Tourismus. Die Frage, ob diese Berührungspunkte als Chance oder Risiko anzusehen sind, wird bundesweit heftig diskutiert. Unstrittig ist, dass Erneuerbare-Energien-Anlagen Einfluss auf das Landschaftsbild nehmen und dieses wiederum ein wesentlicher Faktor für die touristische Attraktivität ist. Ob die Beeinflussung des Landschaftsbildes als positiv oder negativ bewertet wird, ist dagegen eine Frage der Perspektive. Aus Sicht der Befürworter bereichern erneuerbare Energien moderne Kulturlandschaften und dienen Einheimischen und Touristen als Sinnbild für eine fortschrittliche, energiebewusste Gesellschaft. Aus Sicht der Kontrahenten beeinträchtigen erneuerbare Energien das Landschaftsbild historisch gewachsener Kulturlandschaften und verdrängen die touristische Nachfrage der nach vermeintlicher Ursprünglichkeit suchenden Urlauber. Wie aber sehen das die Reisenden selbst? Die Akteure der Energie- und Tourismuswirtschaft in Schleswig-Holstein wollten es wissen. Unter Federführung der IHK Schleswig-Holstein gaben sie eine repräsentative Studie in Auftrag, deren Ergebnisse am 9. Juli 2014 in Husum erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurden.

Einflussanalyse Erneuerbare Energien und Tourismus in Schleswig-Holstein zeigt: Akzeptanz der Touristen ist groß

„Urlauber in Schleswig-Holstein beurteilen Windkraftanlagen, Biogasstandorte und Solarflächen zwar nicht immer als schön, aber gestört fühlen sich nur wenige“ – so lautete die positive Botschaft, die das Kieler  Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa GmbH (NIT) als Fazit der „Einflussanalyse Erneuerbare Energien und Tourismus in Schleswig-Holstein“ zu verkünden hatte. In drei Teilstudien – Reiseanalyse, Gästebefragung, Gruppendiskussion – befragte das NIT Schleswig-Holstein-Urlauber, welche Anlagen sie wahrnehmen, warum sie sich gestört fühlen und ob sie deshalb zukünftig wegbleiben wollen. Anschließend wurden die Antworten der Schleswig-Holsteiner mit denen von Gästen in anderen Urlaubsländern verglichen. Auffällig war, dass Urlauber in Schleswig-Holstein die Windenergieanlagen zwar häufiger wahrnehmen als in anderen norddeutschen Urlaubsländern, das Störungsgefühl und die Meidungsabsicht im Vergleich aber sogar geringer ausgeprägt sind. 65 Prozent der Schleswig-Holstein-Urlauber gaben an, Windkraftanlagen wahrgenommen zu haben, aber nur 6 Prozent fühlten sich gestört. Damit liegt das Störgefühl auf dem Niveau von Hochhäusern oder Autobahnen. Aufgrund Erneuerbarer-Energien-Anlagen nicht wiederkommen wollten lediglich zwischen 1 Prozent (an der Ostsee) und 2 Prozent (an der Nordsee). „Diese Vermeidungsrate liegt genau auf dem Niveau, das wir schon in der Gästebefragung Schleswig-Holstein im Jahr 2011 für Landschaftsbildveränderungen gemessen haben“, kommentiert Projektleiter Kai Ziesemer vom NIT. Schlechtes Wetter, ein ungünstiges Preis-Leistungsverhältnis und unschöne Ortsbilder führten bei deutlich mehr Gästen zu Ablehnung.

Die Ergebnisse der Studie stimmen beide Branchen positiv – die der erneuerbaren Energien und die des Tourismus. Nicole Knudsen, Leiterin des Landesbüros des Bundesverbands Windenergie e.V., sagt: „Die Studie hat gezeigt, dass auch bei den Gästen die Symbolwirkung einer Windenergieanlage überwiegt. Wir zeigen hier in unserem Land, wie Energiewende lebt.“ Und Dr. Jörn Klimant, Vorsitzender des Tourismusverbandes Schleswig-Holstein e. V., stellt fest: „In Schleswig-Holstein ist es offenbar bisher gelungen, den Ausbau der Erneuerbaren Energien bei den Gästen positiv zu besetzen. Allerdings bedeutet dies keinen Freifahrschein für einen ungezügelten Ausbau. Alle Beteiligten sind aufgefordert, die weitere Entwicklung sensibel zu beobachten und ausgewogen zu begleiten." Aus gutem Grund zählt es somit zu den vom NIT aufgezeigten Handlungsoptionen, den Dialog zwischen Tourismuswirtschaft, Energiewirtschaft und Landesplanung zu intensivieren.

Was die Zukunft bringen könnte: Turbine Cities und Windrad-Lofts

Foto: © ACO Severin Ahlmann (architektur-wasser.de)

Die gemeinsame Zukunft von erneuerbaren Energien und Tourismus beschäftigt nicht nur Ingenieure und Tourismuswissenschaftler. Das Büro Onoffice, eine lose, internationale Architektendenkergemeinschaft, entwickelte beispielsweise die Vision einer Turbine City, die Windkraft und Wohnen auf spektakuläre Weise miteinander verbindet. Die Idee ist, an der windreichen Küste Norwegens einen Zusammenschluss mehrerer bewohnbarer Turbinen zu realisieren, der mitten im offenen Meer liegt und ein Hotel, ein Museum und verschiedene Wellnesseinrichtungen integriert. Die Intention der Architekten war es, die Vorurteile der norwegischen Bevölkerung gegenüber Windkraftanlagen auf dem Meer abzubauen, indem sie als Touristenattraktion hautnah erlebt werden können.

Urlaub im Dienste der Wissenschaft: die Casas Bioclimaticas

Foto: © Morphocode (morphocode.com/wind-turbine-loft)

Während sich das Leben in der Turbine City im Fuße der Windenergieanlagen abspielt, wollen sich die Architekten von  Morphocode die zunehmende Größe der Offshore-Windenergieanlagen zunutze machen und als Verdopplung der Rotornabe sogenannte Wind Turbine Lofts integrieren.

Speziell für die mit der Instandhaltung beauftragten Arbeiter soll Wohnraum mit einzigartiger Aussicht, ungestörter Lage und kurzen Arbeitswegen entstehen. In den Ohren der Arbeiter ist dieses Szenario sicher Zukunftsmusik – ziemlich laute sogar. Warum aber sollte es nicht für touristische Zwecke weiterentwickelt werden? Angesichts der Faszination, die sowohl die Technik als auch die Gestalt der Windenergieanlagen auf viele Menschen ausüben, gibt es hier noch viel Potenzial. Was nach heutigem Stand der Technik möglich ist, zeigt das Institut für Technologien und Erneuerbare Energien (ITER) auf Teneriffa.

Das Institut für Technologien und Erneuerbare Energien (ITER) liegt an der Südküste Teneriffas, am Rande des Naturparks Montaña Pelada. Zu den zentralen Aufgaben des Zentrums zählen die Forschung und Entwicklung im Bereich erneuerbarer Energien, Umwelt und Technik sowie die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Zusätzlich zu drei Windparks, einem Windtunnel, zahlreichen Photovoltaikanlagen und einem ökologischen Lehrpfad betreibt das ITER seit 2010 ein ökologisches Dorf mit 24 bioklimatischen Ferienhäusern und einem öffentlichen Besucherzentrum.

Die Casas Bioclimaticas sind das Ergebnis eines internationalen Architekturwettbewerbs, bei dem aus rund 400 Entwürfen die 25 besten ausgewählt wurden. Kein Wunder also, dass es das Institut mit diesem Projekt unter die architektonisch erlesenen Adressen auf  www.urlaubsarchitektur.de geschafft hat. Allen Häusern gemeinsam ist, dass sie Energieeffizienz mit nachhaltigem Bauen verbinden. In puncto Design, Materialien, Technologie und Architektur gleicht dagegen keines dem anderen: Im El Muro teilt eine Steinmauer das Haus in eine Tag- und eine Nachthälfte, im El Rio plätschert ein offener Bach durch das Wohnzimmer und das Las Bovédas macht sich halb im Boden versenkt das Höhlenprinzip zunutze. Die Andersartigkeit der Häuser ist ebenso gewollt, wie die der Urlaubsgäste. Denn in Kombination der individuellen bioklimatischen Konzepte der Häuser mit dem individuellen Nutzungsverhalten der Urlaubsgäste werden mittels integrierter Sensoren Messwerte zu Temperatur, Ventilation und Feuchtigkeit generiert und anhand einer vergleichenden Studie für zukünftige nachhaltige Bauvorhaben nutzbar gemacht. So wird Urlaub in den Casas Bioclimaticas unbemerkt zum Urlaub im Dienste der Wissenschaft.

Stadt, Land, Fluss: erneuerbare Energien erleben

Ein Blick auf die Topografie der Energiereiseziele in Deutschland zeigt: Erneuerbare Energien und Tourismus sind längst keine Gegensätze mehr. Allein der Reiseführer „Deutschland – Erneuerbare Energien erleben“ bündelt in der 2014 erschienenen Neuauflage mehr als 190 Reiseziele in ganz Deutschland. Unterschieden wird dabei nicht nur nach Bundesländern, sondern – neu – auch nach Metropolregionen wie Hamburg, München und Berlin. Darin spiegelt sich die Ablösung der erneuerbaren Energien als Phänomen des ländlichen Raumes durch den schrittweisen Einzug in Ballungsräume und Städte wider. Hinzu kommt, dass Erneuerbare-Energien-Anlagen zum Wahrzeichen einer klimaschutzpolitischen Haltung avanciert sind.

Die Zentrale von Greenpeace Deutschland beispielsweise bezog im September 2013 die neuen Büroräume in den Elbarkaden der Hamburger Hafencity und freut sich seitdem über drei Windenergieanlagen auf dem Dach des Gebäudes. Sie sind äußerliches Symbol eines fortschrittlichen Energiekonzepts, bei dem erneuerbare Energien optimal zum Einsatz kommen, und zugleich Anziehungspunkt der tagtäglich in die Hafencity strömenden Touristen.

Die Frage der Zukunft scheint also weniger zu sein, ob erneuerbare Energien die touristische Nachfrage verdrängen, indem sie das Landschafts- und Stadtbild verändern, sondern vielmehr, wie erneuerbare Energien touristisch attraktiv realisiert werden können – egal, ob Stadt, Land oder Fluss.