Geschichten

NEW 4.0: Der Norden probt die Energiewende

Reeperbahn, Hafen und Industrieanlagen auf der einen; Deiche, fast 3.000 Windmühlen und viel Meer auf der anderen Seite. Hamburg und Schleswig-Holstein, zwei Partner, die unterschiedlicher kaum sein könnten, haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam die Energiewende umzusetzen. Bis 2035, so der ehrgeizige Plan, will sich die Modellregion mit ihren 4,5 Millionen Einwohnern zu 100 Prozent mit regenerativem Strom versorgen.

Mit dem Förderprogramm

„Schaufenster intelligente Energie – Digitale Agenda für die Energiewende“ (SINTEG)

fördert das Bundeswirtschaftsministerium in Modellregionen neue Ansätze für einen sicheren Netzbetrieb bei hohen Anteilen fluktuierender Stromerzeugung aus Wind- und Sonnenenergie. Dazu werden fünf großflächige „Schaufenster“ aufgebaut, um Wissen, Erfahrungen und Aktivitäten systemübergreifend zu bündeln. Die Schaufenster sollen die technischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Herausforderungen der Energiewende der nächsten Jahrzehnte angehen und in der Praxis getestete Musterlösungen liefern. Sie sollen als „Blaupause“ für die Weiterentwicklung der Energiewende dienen. Insgesamt werden mehr als 500 Millionen Euro investiert.

NEW 4.0 heißt das Großprojekt, das als eines von vier Schaufenstern im Förderprogramm Sinteg ausgewählt wurde. Die Idee: Während in Hamburg ein großer Verbrauchsschwerpunkt liegt, in dem lediglich drei Prozent des Bedarfs durch erneuerbare Energien bereitgestellt werden, kann Schleswig-Holstein seinen Bedarf – rein rechnerisch – fast vollständig aus regenerativen Quellen decken und wird damit immer häufiger zum Stromexporteur. Es gilt also, sich zu verbinden, sodass Angebots- und Nachfrageseite miteinander in Einklang kommen und damit die Gretchenfrage der Energiewende zu lösen. NEW 4.0 heißt das Großprojekt, das als eines von vier Schaufenstern im Förderprogramm Sinteg ausgewählt wurde. Die Idee: Während in Hamburg ein großer Verbrauchsschwerpunkt liegt, in dem lediglich drei Prozent des Bedarfs durch erneuerbare Energien bereitgestellt werden, kann Schleswig-Holstein seinen Bedarf – rein rechnerisch – fast vollständig aus regenerativen Quellen decken und wird damit immer häufiger zum Stromexporteur. Es gilt also, sich zu verbinden, sodass Angebots- und Nachfrageseite miteinander in Einklang kommen und damit die Gretchenfrage der Energiewende zu lösen.
Mehr als 60 Partner arbeiten in 100 Teilprojekten bei NEW 4.0 zusammen. Und weil es unmöglich ist, sie alle hier angemessen zu würdigen, sollen zwei Projekte vorgestellt werden, die zeigen, wie wichtig Flexibilität für die Energiewende ist – und dass nicht nur die großen Player im Stromgeschäft dafür gebraucht werden.
Enko und die Netzampel
Enko, das ist kein friesischer Vorname, sondern steht für Energie und Koordination. Dahinter verbirgt sich eine Plattform von Schleswig-Holstein Netz und ARGE Netz, mit deren Hilfe die Abregelung von überschüssigem Windstrom, das sogenannte Einspeisemanagement, verringert werden soll. Denn die Kosten für diese auch etwas flapsig Eisman genannten Maßnahmen sind hoch: 2018 beliefen sie sich deutschlandweit auf rund 635,4 Millionen Euro
(https://netzampel.energy/home)

Wie funktioniert das Ganze nun? Auf Enko können Verbraucher dem Netzbetreiber einen zusätzlichen Stromverbrauch anbieten, wenn sich regional ein Netzengpass abzeichnet. Solche Verbraucher sind beispielsweise Blockheizkraftwerke, Strom- oder Wärmespeicher. Aber auch Industriekunden, die ihre Produktion an Zeiten anpassen können, in denen viel Grünstrom im Netz ist, können ein Gebot machen. Der Anschlussnetzbetreiber entscheidet dann, wer den Zuschlag bekommt. Die Auswahl erfolge nach netztechnischen und netzwirtschaftlichen Gesichtspunkten, so Enko.

Damit der Anbieter aber unkompliziert erfährt, wo Netzengpässe drohen, hat Enko eine Netzampel entwickelt. Sie zeigt an, in welchen Gemeinden des NEW 4.0-Gebietes zu viel Strom auf das Netz zukommt und die Netzbetreiber regionale Entlastung honorieren.

Stadtwerke Norderstedt: dynamische Steckdosen mit überschüssigem Windstrom
Stecker rein, Schalter auf „ein“ – und schon startet das angeschlossene Gerät, sei es ein Staubsauger oder eine Waschmaschine. Doch die Steckdosen, die die Stadtwerke Norderstedt ihren Kunden zu einem Sondertarif anbieten, funktionieren anders. Sie liefern nur dann Strom, wenn überschüssiger Windstrom im Netz ist, dafür beim günstigsten Tarif für 5 Cent pro Kilowattstunde.

Jeder Kunde – und das sind mittlerweile mehr als 800 – bekommt als Basis vier solcher Steckdosen. Sie schalten sich automatisch durch die Verbindung zum Funknetz mehrmals am Tag abhängig von der Verfügbarkeit der überschüssigen Windenergie ein und aus. Planbar sind die Stunden nicht. Sicher ist nur, dass der Zeitraum mindestens eine Stunde lang ist.

Per App erfährt der Kunde, dass der Tarif aktiv ist, im selben Moment gehen die Steckdosen an. An einer längerfristigen Prognose arbeiten die Stadtwerke derzeit mit der Schleswig-Holstein Netz AG und ihrer Netz-Ampel.

Für die Kunden bedeutet das, sie können entweder Wasserbetten, oder Elektro-Autos dauerhaft an die Steckdose anschließen – sie laden dann, wenn Strom fließt. Oder aber sie beginnen mit Staubsaugen oder Wäsche waschen, wenn sie die Nachricht bekommen haben.

Zur Halbzeit zieht Thorsten Meyer, Leiter des Energiewendeprojekts SINTEC / NEW 4.0 bei den Stadtwerken Norderstedt, eine positive Bilanz: Insgesamt konnten die Stadtwerke über alle Steckdosen und alle Kunden gerechnet 67 Megawattstunden verschieben. Im Durchschnitt sparen die Kunden 6 bis 7 Euro im Monat.

 

Vom Schaufenster zum Norddeutschen Reallabor
Die Förderung der Sinteg-Schaufenster läuft noch bis Ende 2020. Doch dann will man in der Modellregion in vielen Punkten erst richtig loslegen. Und deshalb ist die Anschlussförderung schon gesichert. Aus NEW 4.0 wird „Reallabor der Energiewende“. Mit den Reallaboren sollen zukunftsfähige Energietechnologien unter realen Bedingungen und im industriellen Maßstab erprobt werden. Das Bundeswirtschaftsministerium fördert die insgesamt 20 Reallabore mit jährlich bis zu 100 Millionen Euro.