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Was macht die Corona-Krise mit dem Klimaschutz?

Auch wenn kurzfristig Energieverbrauch und Emissionen sinken: Langfristig kann der Klimaschutz unter der Corona-Krise leiden, wenn nicht jetzt die richtigen Weichen gestellt werden.

Es sind beeindruckende Bilder: Satellitenaufnahmen der Nasa zeigen die Konzentration von Stickoxiden (NO₂) in der Luft über China – vor und während des Corona-Lockdowns.

Stickstoffdioxid-Emissionen in China vor und nach Inkrafttreten von Ausgangsbeschränkungen © Bild: NASA/CAMS

Der Unterschied könnte kaum größer sein. Die Stickoxidkonzentration, hervorgerufen durch Autoverkehr, fossile Kraftwerke oder Fabriken, ist massiv zurückgegangen.

Eine gute Nachricht für die dort lebenden Menschen, gilt doch Stickoxid als Verursacher von Atemwegsproblemen und Auslöser von Sommersmog. Lachgas (N₂O) gehört zu den Treibhausgasen, die für die Erderhitzung verantwortlich gemacht werden.

Deutschland könnte doch noch seine Klimaziele 2020 erreichen

Außerdem sinken die CO₂-Emissionen: Der CO₂-Ausstoß allein in Deutschland könnte nach Berechnungen des Instituts Agora Energiewende durch die Krise um etwa vier bis zwölf Prozent zurückgehen. Hinzu kommt der milde, windreiche Winter, sodass das schon verloren geglaubte Klimaziel für 2020 doch noch erreicht werden dürfte.

Nützen also die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens? Ja, könnte man auf den ersten Blick sagen. Nicht nur die Bilder aus China geben dafür Hinweise, auch in Deutschland wird die Luft besser, gibt es weniger Verkehrslärm, ist der viel gescholtene Flugverkehr stark zurückgegangen.

Der Preis für die gesunkenen Emissionen ist hoch

Doch so einfach ist es nicht. Zum einen bezahlen wir für diese Verbesserungen einen hohen Preis: In Deutschland stehen vielen Menschen vor dem finanziellen Ruin. In ärmeren Ländern droht Menschen gar eine Verelendung, weil Tagelöhner durch Ausgangsperren keine Arbeit mehr finden oder soziale Absicherung ein Fremdwort ist.

Zum zweiten braut sich eine ungünstige Gemengelage zusammen: Durch den plötzlichen Nachfragestopp bei Erdöl gab es erstmals in der Geschichte negative Preise: Händler bezahlten Kunden dafür, dass sie ihnen das Öl abnahmen. Erste Stimmen werden laut, die Stromerzeugung aus Erdöl wieder für eine gute, weil günstige Idee halten. Gleichzeitig braucht die Industrie mit ihrer gedrosselten Produktion weniger CO₂-Zertifikate aus dem europäischen Emissionshandel ETS. Die Folge: Die Zertifikate werden deutlich billiger. Und an der deutschen Strombörse rauschen angesichts gesunkener Nachfrage und guter Wind- und Sonnenernte ebenfalls die Preise in den Keller, mit der paradoxen Folge, dass die EEG-Umlage steigt und den Strom für einfache Verbraucher teurer macht.

Der BDI fordert bereits die Überprüfung der Klimaziele

Holger Lösch, stellvertretender BDI-Hauptgeschäftsführer, fordert deshalb, die Klimaziele der EU 2030 auf den Prüfstand zu stellen und zu reduzieren, anstatt sie, wie eigentlich geplant, anzuheben. Staatliche Haushalte, Unternehmensbilanzen und private Haushalte würden künftig erheblich reduzierten Spielraum für Investitionen jeder Art haben, so Lösch. Aus dem Green Deal der EU – dem Versprechen, den Kontinent bis 2050 klimaneutral umzubauen – müsse daher ein Smart Deal werden. Unterstützung kommt von der Autoindustrie und aus Teilen der CDU. Tenor: Am wichtigsten sei zunächst die Überwindung der Wirtschaftskrise, erst danach könne man wieder an den Klimaschutz denken.

Die Stiftung 2° – Deutsche Unternehmen für Klimaschutz im Internet

Andere Unternehmen machen sich für den Klimaschutz stark

Doch es gibt auch andere Stimmen und sie sind nicht nur zahlreich, sondern kommen aus sehr unterschiedlichen Ecken der Gesellschaft. So forderte die Stiftung 2° – deutsche Unternehmer für Klimaschutz ‒ zum Auftakt des Petersberger Klimadialogs Ende April ein Klima-Konjunkturprogramm: Wirtschaftspolitische Maßnahmen zur Bewältigung der Corona- und der Klimakrise sollten eng verzahnt sowie relevante Konjunktur- und Investitionsprogramme systematisch klimafreundlich ausgerichtet werden. Der Appell zählte 68 Unterzeichner, darunter der Kreuzfahrtanbieter Aida, das Möbelhaus IKEA und die Drogeriekette Rossmann.

Wer wird sich am Ende durchsetzen?

Nun bleibt es abzuwarten, wer sich am Ende durchsetzt. Ein Zeichen, dass es ‒ anders als nach der Finanzkrise ‒ diesmal die Befürworter des nachhaltigen Wirtschaftens sind, setzte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer Rede zum Klimadialog: „Wir bleiben aufgefordert, die nationalen Beiträge bis 2030 zu verbessern, weltweit Langfriststrategien bis 2050 zu entwickeln und für eine entsprechende Klimafinanzierung zu sorgen.“ Wenn Staaten nun über Konjunkturprogramme für die angeschlagene Wirtschaft diskutieren, werde es wichtig sein, „immer den Klimaschutz ganz fest im Blick zu haben“, so Merkel.

Bleibt zu hoffen, dass Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft ab 1. Juli nutzen kann, den Green Deal der EU voranzubringen und dass die große Koalition trotz anderslautender Ankündigungen, nicht doch wieder den Klimaschutz dem Wirtschaftswachstum unterordnet.