Wild West ist vorbei – die Flächenakquise bei Windwärts

30. Januar 2015 - 16:15 Uhr
von Stefan Dietrich
zu  Windwärts – Einblicke ins Unternehmen

Vor kurzem haben wir im Blog mit einer Serie begonnen, in der wir die unterschiedlichen Tätigkeitsbereiche hier im Unternehmen vorstellen. Von Tanja Kemski haben wir erfahren, wie geeignete Flächen für Windparks identifiziert werden. Nun stellt sich die Frage, wie es weitergeht, wenn eine Fläche gefunden ist, die für die Nutzung der Windenergie in Frage kommt. Beantworten kann das Axel Behmann aus der Abteilung Akquise, mit dem ich mich unterhalten habe.

Axel, wie bist du zur Windenergie und zu Windwärts gekommen?

Ich habe zuerst Industriekaufmann gelernt und danach hier in Hannover Geografie studiert. Mein Schwerpunkt war Wirtschaftsgeografie, und eigentlich wollte ich etwas in Richtung Wirtschaftsförderung machen. Dann bekam ich aber die Gelegenheit, nach dem Studium bei einem Projektentwickler für Windenergie im Ruhrgebiet einzusteigen, wo ich verschiedene Aufgaben übernahm, darunter auch Flächenakquise. Das war für mich ein Sprung ins kalte Wasser, aber ich habe eine ganze Menge gelernt und auch manches Fettnäpfchen mitgenommen. Von da bin ich dann zu juwi gegangen, für die ich von Hannover aus Standortakquise gemacht habe. Als sich mir die Chance bot, zu Windwärts zu wechseln, habe ich diese genutzt. Seitdem bin ich hier in der Flächenakquise tätig.

Was sind deine Aufgaben als Akquisiteur?

Ich bekomme vom Scouting eine Fläche benannt, entweder mit bereits bestehenden Kontakten zu den Eigentümern und der Gemeinde oder auch ohne. Es gibt im Wesentlichen drei Kategorien von Flächen: solche die bereits in einem Regionalen Raumordnungsprogramm (RROP) und/oder Flächennutzungsplan (F-Plan) festgelegt wurden, Flächen, die sich in Landkreisen oder Gemeinden befinden, die eine Neuaufstellung ihres RROP’s oder F-Plans durchführen, und Potenzialflächen auf der „Grünen Wiese“, die sich aber für Windenergienutzung eignen könnten.

Im ersten Schritt nehmen wir Kontakt zu den Grundstückseigentümern und oft auch schon zu den Gemeinden auf. Bei den folgenden Terminen stellen wir auf Basis unseres Standortkonzeptes unser Projekt vor und besprechen unser Angebot. Was sich dann in der Regel anschließt ist eine längere Verhandlungsphase, wo es gilt, gemeinsam mit den Eigentümern oder deren Vertretern die Perspektive für den Standort zu definieren. Dabei ist es wichtig, dass sie Windwärts als verlässlichen und vertrauensvollen Partner kennen lernen.

Vor Ort gibt es widerstreitende Interessen und eine Gemengelage, mit der wir umgehen müssen. Die Gemeinden wollen die Entwicklung steuern, viele Bürger sind eher skeptisch. Da müssen wir uns gut überlegen, wen wir zuerst ansprechen und ob wir die Gemeinde gleich mit ins Boot holen. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt. Es ist sehr wichtig, den Menschen eine Geschichte zu der Fläche erzählen zu können. Wir müssen eine konkrete Vorstellung davon haben, wie das laufen soll, am besten schon einen zeitlichen Rahmen skizzieren. Als Akquisiteur muss ich die Leute dazu bringen, sich gedanklich mit dem Projekt auseinanderzusetzen und sich im Fall der Fälle auch zwischen verschiedenen Angeboten zu entscheiden. Die beste Legitimation für einen Projektierer vor Ort sind nun mal unterschriebene Verträge.

Gibt es eine besondere Herangehensweise von Windwärts?

Wir wollen nicht wie der viel zitierte Autoverkäufer auftreten, sondern als echter Partner, der gemeinsam mit den Menschen das Projekt umsetzen möchte. Es macht die Sache auch für uns einfacher, wenn wir offen und ehrlich mit den Leuten reden und absehbare Probleme ansprechen. Dann sehen sie, dass Probleme gelöst werden können. Wenn die Eigentümer das Gefühl haben, dass wir diejenigen sind, mit denen sie das Projekt umsetzen möchten, dann haben wir viel erreicht und können dann auch die Verträge machen und weiterarbeiten.

Deine Aufgabe besteht also in erster Linie darin, die Grundstückseigentümer von Windwärts zu überzeugen?

Im Grunde ja. Es geht im Wesentlichen darum, die Leute zu begeistern und sie dazu zu bringen, dass sie sagen, ja, wir machen das mit Windwärts und unterzeichnen auch den Vertrag. Dafür müssen wir immer offen sein für Probleme, Fragen und auch Änderungsideen. Es geht auch darum, gemeinsam Ideen zu entwickeln, wie wir die Akzeptanz vor Ort fördern können, etwa durch Bürgerwindprojekte oder bestimmte Ausgleichsmaßnahmen. An Ideen mangelt es da ja nicht, und es wird auch immer wichtiger. Dabei muss natürlich immer die Machbarkeit bedacht werden.

Ihr informiert auch die Bürger vor Ort?

Ja. Da gibt es ja ein ganzes Portfolio von Instrumenten, von Briefen und Informationsflyern bis zu verschiedenen Veranstaltungsformen wie Bürgerstammtischen, Diskussionsrunden und Bürgerwerkstätten. Das Schlimmste, was meiner Meinung nach passieren kann, ist, dass die Leute nicht wissen, was Sache ist. Wir müssen es irgendwie hinbekommen, dass jeder weiß, die machen da dieses Projekt und das sind die Infos dazu. Ansonsten kursieren Gerüchte und komische Parolen. Es ist wichtig, klarzumachen, dass alles nach Recht und Gesetz von statten geht und Fragen wie zum Beispiel Schall und Schattenwurf vom Gesetzgeber geregelt sind. Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Leute denken, wir könnten tun und lassen, was wir wollen, weil wir irgendwie privilegiert seien. Diese Diskussion müssen wir jedes Mal wieder von vorne anfangen. Dazu kommt, dass die letzten beiden Jahre desaströs waren, wenn man sich die Medienberichterstattung anschaut. Da muss man fast schon den Hut vor der Lobbyarbeit der großen Energieversorger ziehen, was in der Presse alles kaputtgeschrieben wurde. Da fingen wir teilweise wieder bei Null an, weil die bis dahin gute Stimmung gekippt ist. Wir müssen die Leute aber mitnehmen und ihnen vermitteln, dass wir in einer spannenden Zeit leben, in der Neues entwickelt wird, das uns in die Zukunft führt. Viele wollen aber einfach des Status Quo bewahren, damit sich ja nichts verändert. Das ist die schwierige Nuss, die wir knacken müssen, wir müssen die Leute eigentlich für die Windparks begeistern. Das ist aber sehr schwierig.

Was hat sich in deinem Aufgabenbereich denn im Laufe der Jahre geändert?

Früher waren die Landwirte erst mal skeptisch. Die Windenergie war neu, sie wussten nicht so recht, was da passiert. Die Gemeinden dagegen wollten alle etwas tun, weil das politisch en vogue war, und die Bürger waren meistens interessiert und neugierig, worum es da ging. Mittlerweile hat sich das völlig gedreht. Die Grundstückseigentümer haben wir jetzt bis auf wenige Ausnahmen immer sofort auf unserer Seite, während die Gemeinde und die Landkreise heute deutlich skeptischer und restriktiver sind. Sie wollen die Entwicklung über Raumordnungsprogramme und Flächennutzungspläne steuern, was grundsätzlich natürlich sinnvoll ist, da sie mit Interessenskonflikten umgehen müssen. Dadurch sind aber die Gebiete eingeschränkt worden, in denen überhaupt etwas möglich ist. Dementsprechend ist der Konkurrenzdruck gestiegen. Die Bürger sind heute vielfach eher reserviert, so nach dem Motto „Ich finde das super, aber bitte nicht bei mir vor der Haustüre“.

Außerdem ist in letzter Zeit eine Tendenz zu sehen, dass die Eigentümer sich organisieren und einen Anwalt beauftragen, mit dem wir dann überwiegend sprechen. Früher war das so, dass ein Akquisiteur bei jedem Landwirt auf dem Sofa saß und jedem einzeln das Vorhaben erklärt hat, und dann gab es noch eine Versammlung, um es noch einmal allen gemeinsam vorzustellen. Heute ist es oft so, dass wir gar nicht mehr dazu kommen, mit jedem Einzelnen zu sprechen. Das Arbeiten ist deutlich organisierter als früher, und die Grundstückseigentümer sind besser informiert. Die Rechtsanwälte haben ja dann auch noch ihre eigenen Vorstellungen.

Das Abenteuerliche an der Sache ist vorbei, das „Wild-West-Feeling“ der frühen Jahre gibt es nicht mehr. Alles ist organisierter und juristischer geworden. Es geht um Interessenskonflikte, seien es Wirtschafts- oder Naturschutzinteressen, und die Interessenvertreter sind alle deutlich fitter geworden in dem Thema. Alle haben in den vergangenen Jahren dazugelernt, und aus der witzigen Idee der Anfangszeit ist ein Wirtschaftszweig mit Substanz geworden, der einen großen Anteil unserer Energieversorgung leisten soll. Daher kommen nun diese Interessenskonflikte ins Spiel, und viele sagen auch, das wollen wir nicht. Die Windenergie ist insofern zu einer „normalen“ Branche geworden.

Welche Herausforderungen erwartest du für die Zukunft?

Da ist natürlich das neue EEG ab 2017, das ja angekündigt ist. Da weiß ich nicht so genau, was uns erwartet und wie schnell das auch wieder verändert wird. Ich hoffe, dass die Energiewende gedanklich endlich von allen angenommen wird, und dass nicht versucht wird, die erneuerbaren Energien auf Biegen und Brechen in das alte Modell hineinzupressen. Die politische Aufgabe ist es, einen neuen Strommarkt zu entwickeln, der eben auch der starken Rolle der Erneuerbaren angepasst ist. Wenn wieder klar ist, dass wir die Energiewende wollen und dass es dafür auch Gründe gibt, dann wird für uns auch wieder vieles klarer. Die Politik muss erklären, was passiert und warum, das findet aber zu wenig statt. Denn Gründe für Windparks gibt es mehr als genug.


Autor Dr. Stefan Dietrich

Dr. Stefan Dietrich

Als Windwärts Pressesprecher bin ich dafür zuständig, dass die Medien und Menschen vor Ort immer gut über unsere Projekte informiert sind. Das heißt, ich informiere die Lokalpresse über Genehmigungen, Baufortschritte, Inbetriebnahmen u.ä. und empfange Besichtigungsgruppen in unseren Wind- und Solarparks. Darüber hinaus habe ich die aktuellen Entwicklungen der Branche im Blick (den Dr. habe ich schließlich in Politikwissenschaft gemacht).

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