Wer die Windenergie an Land bremst, bremst die Energiewende

13. November 2013 - 13:12 Uhr
von Lothar Schulze
zu  Branche der erneuerbaren Energien

Die Windenergie an Land ist das Rückgrat der Energiewende. Sie trägt knapp zur Hälfte der erneuerbaren Energieproduktion bei und ist die kostengünstigste Form der erneuerbaren Energien. Wer die Windenergie an Land ausbremst, bremst die gesamte Energiewende aus. Mit großer Sorge lese ich daher das im Zuge der Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD entstandene Öffnet den Link in einem neuen FensterPapier der Arbeitsgruppe Energie, das am Wochenende im Internet verbreitet wurde. Entgegen unseren Erwartungen an die neue Bundesregierung verspricht das Papier nicht den erhofften Rückenwind für die Energiewende, geschweige denn den erforderlichen Masterplan für ihre Umsetzung. Es stellt auch keine Lösungen für das Grundproblem der steigenden EEG-Umlage – die wachsende Differenz zwischen niedrigen Preisen an der Strombörse und den garantierten Vergütungssätzen für Strom aus erneuerbaren Energien in Aussicht. Vielmehr offenbart es in vielen Punkten Stückwerk:

Drastische Kürzungen bei der Windenergie an Land – der tragenden Säule der Energiewende?

Die Abschnitte zum Ausbau der erneuerbaren Energien sehen insbesondere bei der kostengünstigen und erfolgreichen Windenergie starke Einschnitte vor. Die Vergütung an windstarken Standorten – vor allem im Norden – soll drastisch gesenkt werden, gleichzeitig soll sich der Ausbau auf die guten Standorte konzentrieren. Wie passt das zusammen? Mit diesen Maßnahmen würde die große Koalition den Windenergieausbau und die Energiewende massiv einschränken und bremsen.
Die Überförderung der Windenergie, von der im Papier die Rede ist, gibt es im Bereich des niedersächsischen Binnenlands nicht. Unsere Wirtschaftlichkeitsberechnungen zeigen auf, dass schon im südlichen Niedersachsen nur noch knappe Margen möglich sind. Dieser Trend verstärkt sich, je weiter man nach Süden geht. Hier wäre eigentlich eine Erhöhung der Vergütung nötig. Nach meiner Einschätzung werden die geplanten Maßnahmen den Ausbau der erneuerbaren Energien bremsen, nicht aber die genannte Zielsetzung der Entschärfung der Kostendynamik erreichen.

Die Dynamik der EEG-Umlage muss gestoppt werden, nicht der Ausbau der erneuerbaren Energien

Die Kostendynamik ist vor allem durch die 2010 eingeführte Ausgleichsmechanismusverordnung entstanden – durch die Vermarktung des Erneuerbaren-Energie-Stroms an der Strombörse mit einer für die erneuerbaren Energien ungeeigneten Preisbildungsmethode. Erneuerbare Energien machen daher den Strom an der Börse billiger und für die Verbraucher teurer. Diese absurde Situation führt zu einem inzwischen vom tatsächlichen Ausbau der erneuerbaren Energien losgelösten Anstieg der EEG-Umlage. Die EEG-Umlage ist seit 2008 um das Fünffache (+350%) gegenüber der produzierten Strommenge aus erneuerbaren Energien (+70%) und das Vierfache gegenüber der Gesamtsumme aller EEG-Vergütungssätze (+80%) gestiegen. Das zeigt: Die Kostendynamik ist nicht durch den Ausbau der erneuerbaren Energien bedingt, sondern die EEG-Umlage ist durch ein vollkommen ungeeignetes System der Verramschung von Erneuerbaren-Energie-Strom an der Spotmarktbörse in Leipzig explodiert. Die Dynamik der EEG-Umlage muss gestoppt werden!

Entwicklung der EEG-Umlage im Vergleich zum Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch

Entwicklung der EEG-Umlage im Vergleich zum Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch

,,Den Strommarkt“ gibt es nicht – für eine faire Integration der erneuerbaren Energien muss der Strommarkt transformiert werden

Die angekündigten Einschnitte bei der Windenergie bringen uns der Lösung dieses Problems keinen Schritt weiter. Die Lösungsperspektive liegt darin, den Wälzungsmechanismus und die Marktintegration der erneuerbaren Energien zu reformieren. Dabei bleiben die tatsächlichen Vergütungskosten der EEG-Anlagen weiterhin bestehen, aber der Umlagemechanismus, der heute zu einer Vervielfachung der Kosten für die Verbraucher führt, kann überwunden werden. Zu diesem Lösungsansatz hat der Öffnet den Link in einem neuen FensterWirtschaftsverband Windkraftwerke das „Marktmodell Energiewende“ veröffentlicht.

Weitere konkrete Anmerkungen zum Papier der AG Energie:

  • Ausbaukorridore und Planungssicherheit: Die angebliche Planungssicherheit durch Ausbaukorridore schafft in Wirklichkeit Planungs-Unsicherheit. Die Projektentwicklung von Windparks dauert ca. 3 - 7 Jahre. Wenn heute nicht sicher ist, dass nach dieser Zeit eine Umsetzung des Projektes innerhalb des Korridors möglich sein wird, ist das Risiko der teuren und aufwändigen Projektentwicklung für eine große Zahl von Akteuren nicht mehr zu leisten. (Zeile 166)
  • Verknüpfung mit dem Netzausbau: Die geforderte Verknüpfung des Ausbaus erneuerbarer Energien mit dem Netzausbau lässt nach den bisherigen Erfahrungen eine massive Verzögerung erwarten. Der Netzausbau stockt seit Jahren und bleibt weit hinter den Erfordernissen zurück. (Zeile 170)
  • Ausschreibungssystem: Mit Ausschreibungssystemen lassen sich die Kosten nachweislich nicht vermindern. Siehe das Beispiel Großbritannien. Dort sind die Windverhältnisse im Vergleich deutlich besser und trotzdem liegt der Durchschnittspreis für Windstrom weit über der EEG-Vergütung für Windstrom in Deutschland. (Zeile 227)
  • Marktprämie: Die Einführung einer gleitenden Marktprämie schafft Unsicherheiten und erhöht die für eine positive Investitionsentscheidung erforderliche Erlösaussicht, weil höhere Risiken eingepreist werden müssen. Die Vielfalt der Akteure kann so keinesfalls erhalten bleiben. (Zeile 244)
  • Berücksichtigung der Netzsituation bei der Standortwahl: Nicht die Erneuerbaren müssen dem Netzausbau, sondern der Netzausbau muss den erneuerbaren Energien folgen! Wenn bei der Standortwahl für Neuanlagen die örtliche Netzsituation ausschlaggebend sein soll, ist das eine Ausbaubremse und ein Risiko bei der Projektentwicklung. (Zeile 254)

Bereits die bisher vorliegenden Ergebnisse der AG Energie führen zu einer sofort spürbaren Verunsicherung der Branche der erneuerbaren Energien, der mittelständischen Planer und Betreiber von Windkraftprojekten, der Investoren und Banken. Dies kann nicht im Sinne der künftigen Bundesregierung sein. Wenn die Energiewende gelingen soll, braucht sie genau diese Akteure.


Autor Lothar Schulze

Lothar Schulze

Vor fast 20 Jahren habe ich mit Roger Lutgen, Heiner Menzel, Uwe Baumann und Gerhard Schäfer die Windwärts Energie GmbH gegründet. Was mich damals antrieb, bewegt mich noch heute: zu zeigen, dass eine regionale Energieversorgung mit erneuerbaren Energien möglich ist. Als Windwärts-Geschäftsführer bin ich auch dafür verantwortlich, dass unsere Gründungsidee die Leitidee unseres Unternehmens bleibt.

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