Von alten Anlagen und neuen Aufgaben

18. Juni 2018 - 11:54 Uhr
von Silvia Augustin
zu  Windwärts – Einblicke ins Unternehmen

Strom kann nur produziert werden, wenn die Windparks laufen. Dafür sorgt bei Windwärts die technische Betriebsführung. In einer mehrteiligen Serie berichtet unser technischer Leiter Daniel Schmitz von täglichen Aufgaben und ungewöhnlichen Ereignissen.

  • In der ersten Folge haben wir Daniel Schmitz und die Abteilung technische Betriebsführung bei Windwärts vorgestellt.
  • In der zweiten Folge beschreibt Daniel, wie sich seine Arbeit im Laufe der Jahre verändert hat und wagt einen Blick in die Zukunft.

Daniel Schmitz: Die technische Betriebsführung hat im Laufe der Zeit viele neue Aufgaben bekommen. Früher wurden die Windparks einfach überwacht: Regelmäßig Sichtinspektionen durchführen, Fristen für die wiederkehrenden Prüfungen einhalten und  Wartungsunternehmen kommen lassen. Das war das Tagesgeschäft. Die rasante Entwicklung der Anlagentechnik merken wir in der technischen Betriebsführung deutlich. Früher hat eine Windkraftanlage pro Tag zwei oder drei Meldungen abgesetzt. Heute sind es pro Tag zwei- bis dreihundert Meldungen. Jedes Projekt hat inzwischen sehr individuelle Anforderungen. Schließlich machen unsere regenerativen Energieanlagen inzwischen einen wesentlichen Bestandteil des Kraftwerkparks im europäischen Stromnetz aus.

Gewachsen ist auch der Dokumentationsaufwand z.B. in Hinblick auf diverse Auflagen. Kraniche, Feldhamster, Fledermäuse, Schall, Schattenwurf und Flughinderniskennzeichnungen sind wichtige Themen. Wir müssen strenge Auflagen einhalten. Viele Behörden verlangen in regelmäßigen Abständen detaillierte Informationen darüber, wie wir das umsetzen.

Was sind Subsysteme und was können diese leisten?

Daniel Schmitz: Vergleichsweise neu ist z.B. die Eisansatzerkennung. Wir überwachen, ob sich im Winter Eis an den Rotorblättern bildet. Das Eis stört die Anlage und wird im schlimmsten Fall abgeworfen und damit zur Gefahr für die Umgebung. Die Eisansatzerkennung oder andere zusätzliche Überwachungsaufgaben werden oftmals über Subsysteme realisiert. Diese gehören nicht direkt zur Anlagensteuerung, sondern laufen parallel und greifen im Zweifelsfall ein. Es gibt Anlagen ohne eigene Eisansatzerkennung – das Subsystem wird bei einem Dritten eingekauft. Das System gibt dann eine Meldung raus: Eisansatz ja oder nein. Die Anlagensteuerung reagiert darauf, aber ob das Subsystem richtig funktioniert, weiß oftmals nicht mal der Hersteller. Dann ist die technische Betriebsführung manchmal schneller als er darüber im Bilde, was die Subsysteme können und was nicht. Bei der Anlagenüberwachung gibt es also eine ganz große Bandbreite an Themen, die wesentlich umfangreicher sind als früher.

Mehr Professionalität sorgt für neue Aufgaben

Auch das Reporting hat sich extrem gewandelt. Früher war es darauf ausgelegt mitzuteilen, wie viele Kilowattstunden die Anlage gemacht hat. Wir haben mit der Prognose verglichen, wie viele Kilowattstunden sie eigentlich hätte machen können, und die wesentlichen Störungen dokumentiert. Heutzutage ist das Reporting viel ausgefeilter. Es gibt zum Beispiel Kunden, die eine Komponentenanalyse verlangen, um zu erkennen, welche Bauteile am häufigsten ausfallen und präventiv getauscht werden sollten. Diese umfangreiche Kombination aus Komponentenanalyse, Fehlerstatistik und Reporting ist auch der Tatsache geschuldet, dass sich die Branche professionalisiert hat. Inzwischen sind ganz andere Teilnehmer im Markt als vor zwanzig Jahren. Früher war der typische Anlagenbetreiber der Landwirt oder eine Gruppe von Betreibern, die sich gesagt haben: „Lass uns doch mal Windkraft machen, klingt irgendwie nach einer coolen Sache.“ Alle haben ein bisschen Geld in die Hand genommen und eine kleine Anlage gebaut. Das waren in der Regel Anlagen mit einer Leistungsklasse zwischen 50 und 250 kW. Heute leisten moderne Anlagen mehrere Megawatt. Auch sind relativ viele institutionelle Investoren auf den Plan getreten, deren Fokus auf der Renditeerwartung liegt. Für uns in der technischen Betriebsführung sind damit neue Herausforderungen verbunden. Diese Kunden haben ganz andere Anforderungen an ihre Berichtserstellung, die ihren Branchenvorgaben folgen muss. Ob diese Vorgaben sinnvoll sind oder nicht ist dabei leider oftmals zweitrangig. Aber der Kunde ist schließlich König. Neue Aufgaben sind auch im Bereich der Vermarktung und der Netze hinzugekommen, denn Windparks können nicht mehr einfach nur ihrem Strom einspeisen. Wir kümmern uns um die Direktvermarktungsschnittstellen – das sind die Schnittstellen zur Leistungsregelung für das Energieversorgungsunternehmen. Wir erstellen die Dokumentation der Daten vom Netzverknüpfungspunkt zum Direktvermarkter, und laden sie natürlich auch in unser Betriebsführungssystem. So kann der Betreiber kontrollieren, wie viele Kilowattstunden tatsächlich am Netzverknüpfungspunkt gemessen worden sind und ob sie auch zur Abrechnung passen.

Die Zukunft wird modularer, transparenter und flexibler

Es werden auch in Zukunft Änderungen auf uns zukommen. Langfristige Rund-um-sorglos-Verträge wird es in dieser Form nicht mehr geben. Jeder Betreiber hat inzwischen einen anderen Anspruch an seine Betriebsführung. Das liegt auch an den neuen Marktteilnehmern, die einiges selbst leisten können. Deswegen wird sich die Flexibilisierung der Betriebsführung fortsetzen. Wir werden immer mehr modulare Leistungspakete so zusammenschnüren, wie der Kunde sie braucht und laufend dem Rahmen der behördlichen und gesetzlichen Bedingungen anpassen. Die Branche wird transparenter werden. Wir haben vielen Kunden, die zu uns gewechselt sind, weil sie sich insbesondere durch unsere Transparenz sehr, sehr gut aufgehoben fühlen. Die Betriebsführer in der Branche dürfen sich nicht mehr davor scheuen, sich auch durch die Betreiber kontinuierlich überprüfen zu lassen. Denn es ist ja nicht unser Geld, das da draußen auf der Wiese steht; es sind nicht unsere Anlagen, sondern es sind Anlagen, die uns anvertraut worden sind. Es ist also das gute Recht des Eigentümers, uns zu jeder Zeit zu überprüfen.

Neue Aufgaben durch Netzdienstleistungen

Die Schnittstelle zu den Verteilnetzbetreibern und Übertragungsnetzbetreibern wird weiter professionalisiert. In den nächsten Jahren werden die Windenergieanlagen dem Stromnetz nicht mehr nur Wirkleistung zur Verfügung stellen, sondern auch Blindleistung. Für viele Kaufleute sind das Böhmische Dörfer. Aber schon seit der Systemdienstleistungsverordnung 2009 müssen neue Anlagen eine gewisse dynamische Netzleistung realisieren. Derzeit ist das ein autonomer Prozess, den die Anlagen durch die entsprechende Programmierung in der Software automatisch erledigen. Zukünftig wird es so sein, dass die Übertragungsnetz- und Verteilnetzbetreiber die Leistung zur Netzstützung auch aktiv anfordern werden, das heißt sie werden die Windkraftanlage ansteuern, um ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger Blindleistung zu bekommen. Für uns in der technischen Betriebsführung wird dann die Herausforderung sein, dem Verteilnetzbetreiber den Eingriff nachzuweisen. Denn wenn mehr Blindleistung zur Verfügung gestellt wird, kann weniger Wirkleistung eingespeist werden. Laut EEG wird aber nur die Wirkleistung vergütet. Es gibt hier noch Regelungslücken im Gesetz. Auch mit den Netzbetreibern müssen wir Regelungen finden, damit alle Player wissen, welche Einsätze sie füreinander dokumentieren müssen. Und ganz besonders spannend wird es dann wenn so ein Blindleistungsregler mal ausfällt. Derzeit können uns nicht einmal die Anlagenhersteller zuverlässig sagen wie deren Anlagen dann reagieren. Im Zweifel wird dann plötzlich so viel Blindleistung wie möglich zur Verfügung gestellt. Die wirtschaftlichen Folgen wären enorm. In Hinblick auf das Thema Wirkleistungsregelung können wir auf Erfahrungen aus der Direktvermarktung zurückgreifen. Der Direktvermarkter regelt auch die Windkraftanlage ab, wenn der Strompreis an der Börse negativ wird. Die Strommenge am Markt wird künstlich verknappt, damit der Preis wieder steigt. Anschließend muss sauber und vernünftig nachgewiesen werden, wer die Anlage abgeregelt hat. War es der Direktvermarkter aus ökonomischen Interessen oder war es der Verteilnetz- oder Übertragungsnetzbetreiber, der seine Stromnetze vor Überlast schützen musste? Solche Regeleinsätze finden immer häufiger statt, weil der Netzausbau stockt. Wir erstellen dann in der Betriebsführung die erforderlichen Abrechnungen nach dem sog. Spitz- oder Pauschalverfahren damit der Anlagenbetreiber den Ertragsausfall wegen mangelhaftem Netzausbau erstattet bekommt.

Herausforderung: Qualität der neuen Anlagentechnik und der Subunternehmer

Zwei letzte Punkte, die ich als ganz wichtig ansehe: Wir erleben, dass die Anlagentechnik immer weiter voranschreitet, aber wenig erprobte Technik im Feld aufgebaut wird. Es wird immer mehr beim Kunden getestet. Für uns ist es dann eine große Herausforderung, die Anlagentechnik im Griff zu behalten. In China nachgebaute Bauteile eines Triebstranges für eine Multimegawattanlage haben bislang nicht die Qualität der Originalbauteile. Zudem sind die Teile scheinbar nicht sorgfältig genug getestet worden. Aus Kostengründen ist das für den Hersteller natürlich attraktiv. In der technischen Betriebsführung müssen wir in solchen Fällen die Gewährleistungsansprüche der Eigentümer gegenüber dem Hersteller durchsetzen. Alle Anlagenhersteller setzen für bestimmte Instandhaltungsaufgaben Subunternehmer ein. Deren Qualität ist sehr unterschiedlich. Wir kontrollieren natürlich deren Qualifikation, da wir ja im Namen des Anlageneigentümers für den sicheren Betrieb der Anlagen einstehen. Die Anlagenhersteller versichern immer, dass sie nur entsprechende Fachkräfte einsetzen und sich von der Qualität des Subunternehmens überzeugt haben. Aber die Kollegen Servicemonteure, die dann tatsächlich vor Ort an der Windkraftanlage arbeiten, kommen dann zum Teil doch mit sehr interessanten Kenntnissen über die Anlagentechnik an. Wenn wir sie abfragen, haben wir schon manches Mal unsere Zweifel, ob sie wirklich so von den Anlagenherstellern geschult wurden, wie es erforderlich wäre.


Autorin Silvia Augustin

Silvia Augustin

In der Öffentlichkeit ein möglichst umfassendes Bild davon zu zeichnen, wer Windwärts ist und was Windwärts macht – das ist mein Anspruch an unsere Kommunikation. Als Pressesprecherin bin ich die richtige Ansprechpartnerin für alle Fragen rund um Windwärts als Unternehmen und in Sachen Öffentlichkeitsarbeit bin ich die erste Adresse für Interessenten im Bereich Spenden, Sponsoring und Umweltbildung.

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