Viel Lärm um nichts? Uni Halle-Wittenberg liefert neue Erkenntnisse zur Wahrnehmung von Windpark-Geräuschen

25. Juli 2014 - 18:04 Uhr
von Silvia Augustin
zu  Wissenswertes zur Windenergie

Eine Windenergieanlage macht Geräusche. Ursache dafür sind einerseits der mechanische Triebstrang (Getriebe, Generator etc.) und andererseits der sich drehende Rotor. Per Definition ist ein Geräusch nichts anderes als ein vom Gehör wahrnehmbarer Schall. Sobald ein Geräusch aber das Wohlbefinden des Hörers beeinträchtigt, handelt es sich dabei um Lärm. Bei den Planungen eines Windparks zählt es daher zur Routine, auf Basis des Bundesimmissionsschutzgesetzes (BImschG) und der Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm) die Verträglichkeit für Mensch und Umwelt zu prüfen. Eine Genehmigung für den Bau der Anlagen gibt es nur, wenn alle gesetzlichen Anforderungen erfüllt werden. Und doch ist landauf, landab immer wieder zu vernehmen, Windenergieanlagen seien eine Geräuschbelästigung – speziell für die Anwohner. Stimmt’s? Wissenschaftler der Öffnet den Link in einem neuen FensterMartin-Luther-Universität Halle-Wittenberg wollten es wissen und kamen zu einem überraschenden Ergebnis: Windpark-Geräusche werden von den meisten Anwohnern nicht als Belästigung, sondern vergleichbar mit Verkehrslärm wahrgenommen.

Interdisziplinäres Forschungsprojekt kombiniert erstmals Stresspsychologie und Akustik

Gefördert von der Öffnet den Link in einem neuen FensterDeutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) haben Umweltpsychologen der Universität Halle-Wittenberg über einen Zeitraum von zwei Jahren untersucht, inwieweit Geräuschemissionen von Windenergieanlagen die Anwohner beeinträchtigen und welche Handlungsempfehlungen daraus gegebenenfalls abzuleiten sind. Einzigartig ist der interdisziplinäre Ansatz der Studie, der in Zusammenarbeit mit dem Öffnet den Link in einem neuen FensterDeutschen Windenergie-Institut (DEWI) stresspsychologische und akustische Gesichtspunkte miteinander verbindet. Zusätzlich wurden erstmals technische Einflussmöglichkeiten auf die Geräuschwahrnehmung erprobt.

Windpark Wilstedt: Anwohner stehen Wissenschaftlern zwei Jahre lang Rede und Antwort

Ausgangspunkt der Studie ist die im Frühjahr 2012 durchgeführte Befragung der Anwohner eines umstrittenen Windparks im niedersächsischen Wilstedt. Insgesamt nahmen 212 Anwohner an der Befragung teil und beantworteten in persönlich geführten Interviews je 450 Einzelfragen. Die Fragen bezogen sich unter anderem auf die Lästigkeit der Windparkgeräusche, etwaige physische und psychische Auswirkungen sowie typische Merkmale einer Belästigungssituation wie Tageszeit, Windverhältnisse oder Art der gestörten Tätigkeit. Darüber hinaus erhielten alle Teilnehmer einen Audiorekorder, um die störenden Geräusche aufzunehmen, und Beschwerdebögen, um die subjektive Wahrnehmung zu dokumentieren. Ergänzend wurden ab Herbst 2013 für ein halbes Jahr Maßnahmen zur Geräuschminderung erprobt. Im monatlichen Wechsel liefen nachts zwischen 22 und 2 Uhr entweder drei, neun oder keine der Windenergieanlagen in einem geräuschärmeren Modus. Während dieser Testphase gaben 42 Teilnehmer 14-tägig Auskunft zu ihrer Geräuschwahrnehmung. Nach Abschluss der Testphase nahmen 133 der ursprünglichen Teilnehmer an einer zweiten ausführlichen Befragung teil. Abschließend wurden die Ergebnisse bei einer Vergleichsstichprobe mit 13 anderen Windparks verifiziert. Die durchschnittliche Belästigung der Vergleichsstichprobe ließ keinen Unterschied zu Wilstedt erkennen, sodass die Ergebnisse der Studie nach Einschätzung der DBU auf andere Windparks übertragbar sind (Öffnet den Link in einem neuen Fensterdetaillierte Informationen zur Studie).

Geräusch oder Lärm? Die Einstellung gibt den Ton an

Die Ergebnisse der von der Universität Halle-Wittenberg durchgeführten Studie zeigen: Die Betriebsgeräusche eines Windparks werden von 30 Prozent der Anwohner nicht gehört und nur jeder Zehnte fühlt sich gestört. Projektleiterin Öffnet den Link in einem neuen FensterProf. Dr. Gundula Hübner stellt fest: „Mehrheitlich bewerten die Befragten den Windpark eher positiv. Von ihm geht grundsätzlich keine Belästigung aus. Eine Minderheit von zehn Prozent erlebt zwar eine ziemlich starke Geräuschbelästigung, insgesamt aber werden die Windparkgeräusche vergleichbar mit Verkehrslärm empfunden.“ Als Hauptverursacher für eine als belästigend empfundene Wahrnehmung der Geräusche vermutet Hübner anhand der Audioaufnahmen eine sogenannte Amplitudenmodulation. Das sind schwankende Geräusche, die durch ihre Unregelmäßigkeit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und als belastend empfunden werden können. Diese gelte es weiter zu erforschen. Als positive Entwicklung über den Zeitraum des Forschungsprojekts stellt sie heraus, dass die ohnehin geringe Ausgangsbelästigung sogar leicht abnahm und der Anteil der Personen mit geräuschbedingten Stressbeschwerden von zehn auf sieben Prozent gesunken sei.

Zusammenfassend stellt Projektmitarbeiter Öffnet den Link in einem neuen FensterJohannes Pohl fest: „Ob die Windpark-Geräusche als störend wahrgenommen werden, hängt kaum von dem tatsächlichen Geräuschpegel ab. Ob ein Geräusch als Lärm wahrgenommen wird oder nicht, ist hauptsächlich von der Einstellung der befragten Person zu der Geräuschquelle geprägt.“ Als Hübner die Ergebnisse der Studie Ende Juni im Akteursforum Windenergie der Öffnet den Link in einem neuen FensterKlimaschutzagentur Region Hannover präsentierte, appellierte sie entsprechend an die teilnehmenden Projektierer, Landschaftsplaner etc.: „Reden sie mit den Leuten, beziehen sie sie mit ein.“ Angesichts zahlreicher planerischer Auflagen ist der Grad der Mitwirkung der Anwohner sicher begrenzt. Trotzdem sahen wir uns darin bestätigt, weiterhin auf einen aktiven Dialog mit allen Beteiligten zu setzen – sei es durch Projektwebsites, Bürgerversammlungen, Bürgerwerkstätten oder schlichtweg das persönliche Gespräch.


Autorin Silvia Augustin

Silvia Augustin

In der Öffentlichkeit ein möglichst umfassendes Bild davon zu zeichnen, wer Windwärts ist und was Windwärts macht – das ist mein Anspruch an unsere Kommunikation. Als Pressesprecherin bin ich die richtige Ansprechpartnerin für alle Fragen rund um Windwärts als Unternehmen und in Sachen Öffentlichkeitsarbeit bin ich die erste Adresse für Interessenten im Bereich Spenden, Sponsoring und Umweltbildung.

Silvia Augustin bei Öffnet den Link in einem neuen FensterÖffnet den Link in einem neuen FensterGoogle+ Öffnet den Link in einem neuen FensterTwitter Öffnet den Link in einem neuen FensterXing