Verbrannte Erde im Schatten der F60 – Eine Woche im Lausitzer Braunkohlerevier

27. November 2013 - 10:45 Uhr
von Gastautorin Claudia Krieg und Fotograf Mark Mühlhaus
zu  Branche der erneuerbaren Energien

  • Die Aktivistinnen Hannelore Wodtke und Petra Franz vor dem Tagebau Welzow.

Der Öffnet den Link in einem neuen FensterBraunkohleabbau zerreißt die Lausitz. Seit über 100 Jahren leiden nicht nur die Landschaft, sondern auch die Menschen, die ihre Heimat lieben, aber von der Kohle leben. Wir, Mark Mühlhaus (Fotos) und Claudia Krieg (Text), waren sieben Tage lang auf Spurensuche in einer Gegend, in der der Widerstand wächst, der Raubbau auf Kosten von Natur, Klima und Menschen aber trotzdem weitergeht.

Von Proschim nach Welzow über Neupetershain und Wolkenberg – 3. Etappe im Gebiet des geplanten Tagebaus „Welzow-Süd – Teilgebiet II“

Am nächsten Tag treffen wir in Öffnet den Link in einem neuen FensterWelzow Hannelore Wodtke und Petra Franz, zwei dynamische Frauen, denen man ihr beherztes Engagement gegen den Aufschluss eines weiteren Tagebaus unmittelbar anmerkt. Wir fahren in das zwei Kilometer entfernte Öffnet den Link in einem neuen FensterNeupetershain und beschließen, unser Interview in einem Café zu führen – keine 100 Meter von der Tagebaukante des noch laufenden Tagebaus Welzow entfernt; wir können die Bagger und die Förderanlagen hören. Ohne Umschweife erklären uns Frau Wodtke und Frau Franz, warum sie nur zu gern zu einem Interview bereit sind: „Weil wir kämpfen müssen: Für die Gesundheit der Menschen hier, für eine Zukunft der Lausitz mit Arbeit und Entwicklungsmöglichkeiten. Durch unsere Häuser gehen Risse, in unseren Gärten verdorren Bäume und Pflanzen, weil das Grundwasser so weit abgesenkt wurde. Die Menschen können nicht schlafen, weil ihnen die Bagger regelrecht durch den Schlaf fahren.“

3.535 Umsiedlungen – langsam wird auch Welzow vom Tagebau bedroht

Momentan, so sieht es in ihren Augen aus, stirbt die Region und damit auch die Kleinstadt Welzow bereits wegen des jetzigen Tagebaus einen langsamen Tod. Seit seinem Aufschluss in den 1960er Jahren wurden die Orte Gosda, Jessen, ein Teil von Pulsberg, Roitz/Josephsbrunn, Stradow, Groß Buckow, Radewiese, Straußdorf und Wolkenberg/Dolland abgebaggert. 1972 wurde er in Betrieb genommen. Nach der politischen Wende kamen die Umsiedlungen von Kausche/Klein Görigk, Geisendorf/Sagrode und Haidemühl/Karlsfeld-Ost hinzu. Die aktuelle Grube allein verursachte damit insgesamt Öffnet den Link in einem neuen Fenster3.535 Umsiedlungen. Anfang der 1990er Jahre gelang es, den Ort Steinitz durch Proteste vor Abriss zu bewahren. Langsam bewegt sich die große F60-Förderbrücke nun auf Welzow zu. In einem Öffnet den Link in einem neuen Fensterzukünftigen Tagebau Welzow-Süd II möchte Vattenfall im Zeitraum von 2026 bis 2042 rund 200 Millionen Tonnen Braunkohle fördern.

 

Verbrannte Erde und hohle Phrasen zur Rekultivierung

Später stehen wir mit Hannelore Wodtke und Petra Franz am westlichen Rand des Tagebaus Welzow. Die endlose Mondlandschaft vor uns verschwimmt am dunstigen Horizont mit dem Kohlestaub, der über die Szenerie wirbelt. Hannelore Wodtke lächelt: „Wissen Sie, ich finde das auch faszinierend. Aber es ist und bleibt doch etwas sehr Gewalttätiges.“ Es ist das Zerstörerische, so scheint es auch Mark und mir, das es so gespenstisch macht, es sind nicht die Möglichkeiten der Technik und das beeindruckende Schauspiel der sich fast hundert Meter tief in den Boden wühlenden Schaufeln am Grund der Grube. Aber zurück bleibt verbrannte Erde, die zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Rekultivierung? Fehlanzeige. Wir fahren durch die alten Kippenflächen, auf denen nun schon seit Jahrzehnten niedriger Wald mehr oder weniger vor sich hin wuchert, auch wenn die angepflanzte Struktur noch sichtbar ist. Wir suchen den Weinberg Wolkenberg. Tatsächlich, so sagen auch die Tagebaugegnerinnen, Öffnet den Link in einem neuen Fensterkann Wein als Flachwurzler auf dem ausgebeuteten Boden wachsen. Aber die Rede von der Möglichkeit landwirtschaftlicher Nutzung sei angesichts der Tausenden von brachliegenden trockenen Flächen ein ähnlicher Euphemismus wie eine zukünftige „Wasserlandschaft Lausitz“, von der niemand sagen kann, ob es überhaupt jemals gelingen wird, die sauren Seen freizugeben.

Am nächsten Tag fahren wir weiter nach Rohne und Mulkwitz. Warum in diesen alten wendischen Dörfern der Widerstand erlahmt ist, lesen Sie morgen in unserer 4. Etappe.


Gastautorin Claudia Krieg

Freiberufliche Redakteurin und Journalistin Claudia Krieg

Claudia Krieg arbeitet als freiberufliche Redakteurin und Journalistin. Ihr Interesse gilt vor allem der Literatur und dem Film, migrations- und geschichtspolitischen Themen, und darin nicht zuletzt einem positionierten Schreiben zu Menschen- und Bürgerrechten. Ihre Texte kann man unter anderem im Blog Öffnet den Link in einem neuen Fensterpreposition lesen.


Fotograf Mark Mühlhaus

Fotograf Mark Mühlhaus

Mark Mühlhaus konzentriert sich darauf, mit Bildern Geschichten zu erzählen. Soziale und historische Themen, Politik der kleinen Leute, Protestformen, Menschen verschiedener Länder und das Thema Energie machen kontinuierlich einen großen Teil seiner photographischen Arbeit aus. Auch unterrichtet er in Kooperation mit Schulen und Stiftungen Photographie. Mark Mühlhaus ist Gründungsmitglied des Kollektivs Öffnet den Link in einem neuen Fensterattenzione photographers und wird von der Agentur Focus vertreten.