Überraschende Erkenntnisse zur Energiewende im Urlaubsland Portugal

16. September 2014 - 12:01 Uhr
von Kathrin Hoffmann
zu  Branche der erneuerbaren Energien

In diesem Sommer bin ich in den Genuss von vier Wochen Urlaub gekommen. Zwei davon habe ich in Portugal an der Algarve verbracht. Überraschenderweise war dort die Nutzung erneuerbarer Energien für mich sehr sichtbar und auf besondere Art und Weise erlebbar. Auf den Hügeln entlang der Küste dreht sich eine Vielzahl an Windenergieanlagen und auch blaue Solarmodule schimmern hier und dort in der Landschaft. Das besondere Highlight allerdings war meine Unterkunft – ein Häuschen auf einem Hügel nahe der Küste, das komplett autark mit erneuerbaren Energien versorgt wird. Das habe ich zum Anlass genommen, mich etwas näher mit der Energiesituation in Portugal zu beschäftigen.

Portugal deckte im 1. Halbjahr 2014 mehr als 70% des Strombedarfs über erneuerbare Energien

Von Portugal ist selten die Rede, wenn es um die Energiewende geht. Dabei liegt Portugal mit idealen Windverhältnissen und bis zu 300 Sonnentagen im Jahr im Spitzenbereich der EU-Länder beim Einsatz von erneuerbaren Energien. 2013 lag der Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch bei 58% und im ersten Halbjahr 2014 wurden im westlichsten Land Europas bereits Öffnet den Link in einem neuen Fenster73% der Elektrizität aus erneuerbaren Energien gewonnen. Den Schwerpunkt bilden Wasserkraft mit 41% und Windenergie mit 26%. Über Biomasse wird 5% und über Solarenergie erstaunlicherweise nur 1% des Strombedarfs gedeckt. Die restlichen 27% des Stroms werden durch Kohle- (16%) und Gaskraftwerke (11%) bereitgestellt. Atomkraftwerke gibt es in Portugal nicht. Starken Protesten in den 1970er Jahren ist es zu verdanken, dass der Bau eines Atomkraftwerks in der Nähe von Lissabon verhindert wurde und Portugal bis heute auf Kernkraftwerke verzichtet.

Nach anfänglichem Boom wird die Energiewende inzwischen auch in Portugal behindert

Portugal hatte sich einst in der Umwelt-, Klima- und Energiepolitik ehrgeizige Ziele gesetzt, die teilweise über internationale und europäische Vorgaben hinausgingen. Mit massiven Fördermaßnahmen der Sozialisten startete Portugal seine Energiewende und stieg in die Riege der größten Windenergieproduzenten auf. Öffnet den Link in einem neuen FensterDoch ähnlich wie in Deutschland drückt nun die konservative Regierung auf die Bremse. Natürlich musste die Energiewende wegen der schweren Staatsschuldenkrise und den wirtschaftlichen Problemen ins Stocken kommen. Doch die Einschnitte der seit Juni 2011 regierenden Mitte-Rechts-Koalition sind übertrieben und blockieren unnötig den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien. Neue Projekte bekommen fast keine Lizenzen mehr und die Regierung weigert sich, neue Verträge zu schließen, die eine Einspeisevergütung garantieren. Unter dem Politikwechsel leiden nicht nur Energieunternehmen, sondern auch die privaten Haushalte. Staatliche Fördermaßnahmen wurden gestrichen, und die Mehrwertsteuer, die beim Kauf von Solaranlagen anfällt, ist von 13 auf 23% angestiegen.

Eigenversorgung mit 100% erneuerbaren Energien in Portugal keine Seltenheit

Auch wenn Portugal aktuell nicht mehr mit seiner Energiepolitik glänzen kann, sind die Früchte der bisherigen Bemühungen im Bereich erneuerbare Energien doch sehr sichtbar. In den ländlichen Regionen Portugals gibt es viele Häuser an sehr abgelegenen Orten – so auch meine Urlaubsunterkunft. Mitten auf einem kargen Berg, zwei bis drei Kilometer vom nächsten kleinen Dörfchen entfernt, gibt es weder Strom- noch Wasserleitungen, die das Haus versorgen. So wie meine Unterkunft sind viele ländliche Häuser auf Eigenversorgung angewiesen. Das Wasser wird meist über einen Brunnen gewonnen und beim Strom greifen die Portugiesen schon seit Jahrzehten auf Wind- und Solarenergie zurück. Das Häuschen, das ich bewohnen durfte, wird als eine von mehreren Wohnungen mit Strom aus einer kleinen Photovoltaik- und einer kleinen Windkraftanlage namens Oskar versorgt. Zum Ausgleich der fluktuierenden Stromerzeugung sind beide Anlagen an einen Speicher angeschlossen. Für heißes Wasser sorgt eine Solarthermieanlage und für den Winter gibt es zum Heizen einen Kamin. Doch nicht nur die Wohnanlagen werden mit erneuerbaren Energien versorgt, auch der dazu gehörige Pool sowie die Wasserpumpe werden mit Solarenergie betrieben bzw. beheizt. In Notfällen und als Backup kann ein Dieselgenerator angeschmissen werden. Für mich war es sehr spannend eine wirklich autarke Versorgung mit 100% erneuerbaren Energien live zu erleben. In Deutschland gibt es zwar auch einzelne Verbraucher Öffnet den Link in einem neuen Fensteroder sogar ganze Orte, die sich zu 100% mit erneuerbaren Energien versorgen, doch in den seltesten Fällen findet diese Versorgung tatsächlich autark statt. Dafür ist das Stromnetz in Deutschland zu gut ausgebaut. Solche Praxisbeispiele sollten auch den letzten Kritikern, die sagen, “100% erneuerbare Energien – das kann nicht funktionieren!”, den Wind aus den Segeln nehmen und uns ein Vorbild für größere Dimensionen der Energiewende sein!


Autorin Kathrin Hoffmann

Kathrin Hoffmann

Online-Kommunikation und die große bunte Welt der Social Media – das ist mein Zuhause. Bei Windwärts sorge ich unter anderem für spannende Beiträge in diesem Blog, bunte Bilderwelten auf Öffnet den Link in einem neuen FensterFlickr, inspirierende Filme auf Öffnet den Link in einem neuen FensterYoutube und informative Präsentationen auf Öffnet den Link in einem neuen FensterSlideshare. Ich schaue auch gerne mal über den Tellerrand und freue mich über jeden Austausch, der Ideen voranbringt und Horizonte erweitert.

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