Klimaneutralität – nicht ohne Windenergie

22. Oktober 2015 - 08:51 Uhr
von Eike Müller und Nina Harrendorf
zu  Wissenswertes zur Windenergie

Klimaschutz findet vor Ort statt. Da sind sich Stadt und Region Hannover einig und haben sich mit dem „Masterplan 100 Prozent für den Klimaschutz“ aufgemacht, die Energiewende regional zu gestalten. Es werden verschiedene Szenarien dargestellt, mit denen die Region Hannover klimaneutral werden kann. Alle haben eins gemeinsam: die Nutzung der Windenergie ist ein wichtiger Faktor. Laut den Berechnungen im Masterplan werden 2050 ca. 3.200 GWh Windstrom pro Jahr notwendig sein. Dazu müssen 1.150 Megawatt (MW) Leistung installiert werden. Das ist beinahe das Vierfache vom Ist-Zustand.

Ein weiter Weg – aber machbar

Derzeit drehen sich etwas mehr als 250 Anlagen mit einer Gesamtleistung von rund 342 MW in der Region Hannover (Stand Ende 2014). Alle zusammen produzieren jährlich 521 Gigawattstunden klimafreundliche Energie und können damit rechnerisch ca. 150.000 Zwei-Personen-Haushalte versorgen. Auch wenn diese Anlagen jedes Jahr stolze 324.000 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen vermeiden, so liegt der Anteil der Stromproduktion aus Windenergie derzeit nur bei etwa zehn Prozent am Gesamtstromverbrauch in der Region. Ein Grund hierfür ist sicherlich die mit etwas mehr als 100 Metern geringe durchschnittliche Gesamthöhe der Windenergieanlagen. Außerdem sind zu viele leistungsschwache Anlagen darunter: Im Schnitt weisen sie lediglich eine installierte Leistung von rund 1,4 MW auf. Das ist weniger als die Hälfte heute marktüblicher Windenergieanlagen.

Auf der folgenden Karte ist der Ausbaustand in der Region Hannover von Ende 2013 zu erkennen:

Windenergie-Standorte Region Hannover

 

Doch wie soll nun das Ziel – 1.150 MW bis 2050 – erreicht werden?

Neben der Förderung von Energiegenossenschaften zur Akzeptanzsteigerung und des Repowerings von veralteten Windenergieanlagen setzt die Region Hannover beim Ausbau der Windenergienutzung von jeher auf das Regionale Raumordnungsprogramm (RROP). Mit der Ausweisung von Vorranggebieten für die Windenergienutzung stellt die Region sicher, dass auf diesen Flächen die Windenergienutzung immer erste Priorität hat („Vorrang vor anderen Nutzungen“). Einzige Ausnahme: andere besonders wichtige Belange, sog. öffentliche Belange

Was bedeutet das RROP?

Windenergieanlagen sind typisch für den Außenbereich, heißt es. Deshalb und weil der Ausbau der Windenergienutzung gewollt ist, hat der Bundesgesetzgeber die sog. Privilegierung für Windenergieanlagen ins Baugesetzbuch aufgenommen. Damit jedoch kein „Wildwuchs“ stattfindet, hat der Gesetzgeber gleichzeitig den sog. Planvorbehalt eingeführt. Hiervon macht auch die Region Hannover Gebrauch, in dem sie im RROP die Vorranggebiete ausweist und damit gleichzeitig bestimmt, dass außerhalb dieser Flächen in der Regel keine Windenergieanlagen neu gebaut werden dürfen.

Derzeit wird das RROP neu aufgestellt und die Vorranggebiete für die Windenergienutzung neu ermittelt. Dem aktuellen Entwurf von Juli 2015 liegt eine tiefgehende Prüfung zugrunde, um die konfliktärmsten Gebiete zu ermitteln. Dabei wird die gesamte Region Hannover „gescannt“ – und zwar in drei Schritten:

  • Zunächst werden Bereiche ermittelt, in denen eine Windenergienutzung unter keinen Umständen denkbar ist, z.B. in Siedlungen oder in Naturschutzgebieten (sog. harte Tabuzonen). Diese Bereiche werden ohne weitere Betrachtung für die Windenergienutzung ausgeschlossen.

    Harte Tabuzonen im Regionalen Raumordnungsprogramm Beispiele für Tabuzonen: Siedlungsbereich (grau), Einzelsiedlung (rot), Puffer von 800 Meter um Siedlungsbereiche und 600 Meter um Splittersiedlungen und Einzelhäuser im Außenbereich (orange). Quelle: Regionales Raumordnungsprogramm Region Hannover 2015 - Entwurf

  • Danach werden sogenannnte weiche Tabuzonen ermittelt: Zonen, in denen aus planerischen oder Vorsorgegründen keine Windenergienutzung stattfinden soll. Dies können zum Beispiel größere Siedlungsabstände sein als sie der Gesetzgeber vorsieht. So ist das Land Niedersachsen der Auffassung, dass aus rechtlicher Sicht mindestens 400 Meter Abstand zur Wohnbebauung einzuhalten ist. Die Region Hannover setzt aus Vorsorgegründen den doppelten Abstand zu Ortslagen an. Ebenso schließt die Region alle Landschaftsschutzgebiete aus, die immerhin fast die Hälfte der gesamten Regionsfläche ausmachen.
  • Nach diesen Prüfungsschritten bleiben in der Region 54 sogenannte Potenzialflächen übrig.
  • Jede dieser Flächen wird nochmal streng auf eine Eignung hin überprüft. Wichtige Belange sind bei diesem Prüfungsschritt die Fauna (Vögel und Fledermäuse) sowie alles weitere, was eine Rolle spielen könnte: militärische Belange, kommunale Planungen etc. Diese Prüfung wird ausführlich in Steckbriefen dokumentiert.
  • Flächen, die auch diesen Schritt positiv durchlaufen haben, werden im Entwurf des RROP als Vorranggebiete ausgewiesen.

    Flächensteckbrief

    Beispiel für einen Steckbrief (Ausschnitt Seite 1 des Gebietes Wedemark 02). Quelle: Regionales Raumordnungsprogramm Region Hannover 2015 - Entwurf

Im letzten Schritt ist die Region Hannover rechtlich verpflichtet, zu prüfen, ob ausreichend Flächen für die Windenergienutzung zur Verfügung gestellt werden („der Windenergie substanziell Raum verschaffen“). Eine Planung, bei der nur sehr wenige kleine Flächen ausgewiesen werden, ist unzulässig.

Ein weiterer, sehr wichtiger Schritt im Aufstellungsverfahren ist die Beteiligung der Öffentlichkeit. Jede Bürgerin und jeder Bürger hat das Recht, eine schriftliche Stellungnahme in einem vorgesehenen Zeitraum abzugeben. Dieser Zeitraum wird öffentlich bekannt gegeben. Die Region gibt allen Bürgerinnen und Bürgern noch bis zum 4. November 2015 die Möglichkeit dazu und muss sich anschließend mit jeder Stellungnahme auseinandersetzen und nachvollziehbar begründen, warum sie den Anregungen oder Bedenken folgt oder eben nicht folgt. Sollten wichtige Änderungen an der Planung vorgenommen werden, muss eine neue Auslegung des Plans erfolgen. Dabei kann bestimmt werden, dass Stellungnahmen nur zu geänderten Teilen abgegeben werden dürfen. Am Ende des Planungsprozesses steht dann noch die endgültige Abwägung durch das zuständige politische Gremium.

Wie sieht das vorläufige Ergebnis im Entwurf des RROP für die Windenergienutzung aus?

1,4 Prozent der Regionsfläche sind im RROP-Entwurf als Vorranggebiet für Windenergienutzung ausgewiesen. Klingt wenig, ist aber im Vergleich zu anderen Planungsräumen ein beachtlicher Wert, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass in einem Verdichtungsraum viele konkurrierende Nutzungsansprüche aufeinandertreffen. Schwerpunkte der Ausweisung sind Neustadt a. Rbge. sowie der Osten und Südosten der Region. Insgesamt sind 31 Vorranggebiete auf einer Fläche von 3.176 Hektar ausgewiesen. Darauf könnten etwa 290 Windenergieanlagen der Drei-Megawatt-Klasse (heutiger Stand der Technik) errichtet werden. Die Steigerung zu den heutigen ca. 250 Anlagen wäre also durchaus maßvoll. Allerdings muss der Abstand der Windenergieanlagen untereinander aufgrund größerer Rotordurchmesser ebenfalls wesentlich größer sein. Damit steigt der Platzbedarf. Und auch die Höhe der Anlagen ändert sich: Heutige Anlagen sind um die 200 Meter hoch.

Zurück zur Frage, welchen Teil des Weges zur Klimaneutralität die Region Hannover in den nächsten zehn Jahren zurücklegt – zumindest im Bereich Windenergienutzung: 290 Windenergieanlagen à drei MW machen insgesamt 870 MW. Damit wären immerhin 75 Prozent der benötigten Leistung erreicht. Ausruhen kann man sich auf dieser Bilanz leider nicht, denn vergessen werden darf nicht, dass nur die konfliktärmsten Gebiete ausgewiesen werden. Die fehlenden 25 Prozent Windenergieleistung sind wahrscheinlich deutlich schwerer zu generieren.


Gastautoren Eike Müller und Nina Harrendorf

Eike Müller von der Klimaschutzagentur Region Hannover

Nina Harrendorf von der Klimaschutzagentur Region Hannover

Eike Müller ist bei der Öffnet den Link in einem neuen FensterKlimaschutzagentur Region Hannover als Projektleiter für das Handlungsfeld Windenergie zuständig, Nina Harrendorf gehört als Pressereferentin zum Team Kommunikation. Die gemeinnützige Agentur, zu deren elf Gesellschaftern Windwärts gehört, unterstützt seit 2001 ganz konkret die Umsetzung der Klimaschutzziele in der Region Hannover: Beratungsangebote zur Gebäudemodernisierung, zum Stromsparen, zur Effizienzsteigerung oder Wind- und Solarenergie helfen Privathaushalten, Unternehmen und Kommunen ihren Energieverbrauch und damit auch ihren CO2-Ausstoß zu vermindern. Das spart Geld und schützt das Klima. Bei zahlreichen Veranstaltungen in der Region ist die Agentur vor Ort und beantwortet Fragen zu Fördermitteln, erneuerbaren Energien und zum Energiesparen.