Infraschall – neue Gerüchte, neue Fakten

04. Mai 2015 - 16:17 Uhr
von Dr. Stefan Dietrich
zu  Blog, Wissenswertes zur Windenergie

Die Gegner der Windenergie und der Energiewende treiben ja immer wieder mal eine andere Sau durchs Dorf, um ihre Ablehnung vermeintlich rational zu begründen. Bislang hat keines dieser angeblichen Argumente einer näheren Betrachtung standgehalten. Dennoch haben sich „Dauerbrenner“ etabliert, die vermutlich in der Hoffnung immer wieder vorgebracht werden, dass schon irgendetwas in der Debatte hängen bleibt, wenn gewisse Dinge einfach oft genug behauptet werden. Ein solcher Dauerbrenner ist die angebliche Gesundheitsgefährdung, die durch von Windenergieanlagen erzeugten Infraschall bestehen soll. Beweise gibt es dafür keine, aber nun hat ein Journalist neue „Kronzeugen“ aufgetrieben, nämlich Nerze. Allerdings gibt es auch Handfesteres zum Thema, weil die Frage zugleich Gegenstand der Forschung ist.

Plötzliches Interesse an Nerzen

Anfang März Öffnet den Link in einem neuen Fensterberichtete Daniel Wetzel in der konservativen Tageszeitung „Die Welt“ von einer dänischen Nerzfarm, in der sich die dort gehaltenen Tiere gegenseitig totbissen. Als Grund dafür gibt der Züchter nahe gelegene Windenergieanlagen an. Ob es nun wirklich daran liegt, oder obÖffnet den Link in einem neuen Fenster andere Missstände der nicht gerade als artgerecht geltenden Nerzzucht zum Tod der Tiere geführt haben, ist nicht Gegenstand des Artikels. Die Angaben des Züchters werden nicht überprüft, stattdessen sind die Nerze der Aufhänger, um über Windenergiegegner in Dänemark und vermeintliche Gesundheitsgefahren zu berichten. Es kommen zwar durchaus Stimmen zu Wort, die bezweifeln, dass Windenergieanlagen krank machen, durch geschickt gesetzte Fragezeichen oder Begriffe wie „abwiegeln“ wird deren Argumentation aber subtil in Zweifel gezogen, während die Aussagen der Gegner ohne solche Kommentare abgedruckt werden.

Amerikanischer Nerz Angeblich von Windenergie geschädigt: der Nerz

Foto: CC-BY 4.0/gbohn/flickr

Ich möchte hier aber keine Medienschelte betreiben, sondern die Behauptungen aus Dänemark überprüfen. Soweit bekannt ist, gibt es keinen Beweis für einen Zusammenhang zwischen den Windenergieanlagen und dem Verhalten der Nerze, auch der Artikel beruft sich nur auf den Züchter selbst. Die naheliegende Frage, warum in einem Land, in dem 17 Millionen Nerze in Nerzfarmen gehalten werden und Öffnet den Link in einem neuen Fensterder Anteil der Windenergie an der Stromerzeugung fast 40% beträgt, keine weiteren Fälle bekannt sind, wird nicht gestellt. Nach Angaben des dänischen Windenergieverbandes haben mehrere befragte Nerzzüchter, von denen manche ihre Farmen seit Langem in der Nähe von Windparks betreiben, auf Nachfrage von keinen ähnlichen Erfahrungen berichtet, und auch das Dänische Landwirtschafts-Forschungszentrum wusste zumindest 2011 von keinen Problemen dieser Art zu berichten. Aber solche Informationen passen natürlich nicht in das Horrorszenario des Artikels.

Erkenntnisse gibt es – man muss sie aber auch wahrnehmen wollen

Es geht in dem Artikel aber nicht nur um Nerze, sondern auch um Menschen. Auch dabei fehlt es an Belegen für die Behauptungen einzelner Personen, stattdessen wird unter anderem ein Brief einer obskuren Anti-Windenergie-Organisation namens „World Council for Nature“ an die dänische Regierung als Beleg herangezogen, in dem auf das „Wind-Turbinen-Syndrom“ verwiesen wird. Dabei handelt es sich aber um eine von einer amerikanischen Psychologin erfundene „Krankheit“, die medizinisch und wissenschaftlich nicht nachweisbar ist.

Anstatt mit solchen Räuberpistolen kann man sich auch mit tatsächlichen Erkenntnissen beschäftigen, denn das Thema wird nicht zuletzt wegen der öffentlichen Debatten ja durchaus erforscht. So hat die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) im Dezember 2014 einenÖffnet den Link in einem neuen Fenster Zwischenbericht zu den Ergebnissen eines Messprojekts zu „Tieffrequente[n] Geräuschen[n] und Infraschall von Windkraftanlagen und anderen Quellen“ vorgelegt, das in den Jahren 2013 und 2014 durchgeführt wurde. Gemessen haben die Experten des LUBW und der Wölfel Beratende Ingenieure GmbH an bislang vier Anlagen unterschiedlicher Bauart, Leistung und Höhe, wobei die größte der Anlagen eine Gesamthöhe von 200 Metern und eine Leistung von 3,2 MW aufweist und damit zu den größten Anlagen zählt, die hier zu Lande betrieben werden. Das erste Fazit der Messungen ist eindeutig: Der von Windenergieanlagen ausgehende Infraschall kann gut gemessen werden, und der Infraschallpegel liegt selbst im Abstand von 150 bis 300 Metern um die Anlagen unterhalb der menschlichen Wahrnehmungsschwelle. In 700 Metern Abstand konnte festgestellt werden, dass sich der Infraschall-Pegel nicht mehr nennenswert erhöht, wenn die Windenergieanlage eingeschaltet wird. In dieser Entfernung wird der gemessene Infraschall im Wesentlichen vom Wind selbst erzeugt. Wie im Bericht weiter ausgeführt wird, decken sich diese Ergebnisse mit den Befunden verschiedener Studien in anderen Ländern, die im Wesentlichen zu den gleichen Ergebnissen kommen. So stellte beispielsweise die australische Umweltbehörde in einer 2013 veröffentlichten Untersuchung fest, dass der Infraschall an Wohnhäusern in der Nähe von Windparks nicht höher ist als an Orten, an denen keine Windenergieanlagen stehen.

Sehr interessant ist auch, dass in diesem Messprojekt nicht nur Infraschall an Windenergieanlagen untersucht wurde, sondern auch aus anderen Quellen, wie etwa dem Straßenverkehr. Dort treten nämlich deutlich höhere Schallpegel im tieffrequenten Bereich auf als im Umfeld von Windenergieanlagen. Und am größten ist die Belastung innerhalb eines fahrenden Autos. „Die gemessenen Werte liegen sowohl im Infraschallbereich als auch im weiteren tieffrequenten Bereich um mehrere Größenordnungen über den ansonsten im Straßenverkehr oder an den Windenergieanlagen gemessenen Werten.“ Wer also wirklich besorgt ist, dass Infraschall den Menschen schadet, sollte nicht Windenergieanlagen bekämpfen, sondern das Autofahren. Davon aber liest man bei den Windenergiegegnern nichts.

Die Beweislage ist eindeutig

Zum Abschluss sei mir noch ein weiterer Ausflug in wissenschaftliche Gefilde erlaubt. Im November 2014 erschien im arbeits- und umweltmedizinischen Fachmagazin „Journal of Occupational and Environmental Magazine“ (JOEM) Öffnet den Link in einem neuen Fensterein Aufsatz von mehreren Medizinern, Ingenieuren und Psychologen, die die vorliegende und wissenschaftlichen Standards entsprechende Literatur zum Thema Windenergieanlagen und Gesundheit ausgewertet haben. Auch hier sind die Ergebnisse eindeutig: Es ist kein eindeutiger Zusammenhang nachweisbar zwischen Schallemissionen von Windenergieanlagen (egal in welcher Frequenz) und Krankheiten oder anderen Anzeichen der Gesundheitsschädigung. Insbesondere bei Infraschall gibt es keinen Beleg dafür, dass Menschen, die in der Nähe von Windenergieanlagen leben, dadurch gesundheitlichen Risiken ausgesetzt sind. Die subjektiv empfundene Belästigung durch Windenergieanlagen steht nachweisbar nicht im Zusammenhang mit den tatsächlichen Schallimmisionen durch die betreffenden Anlagen, sondern eher mit der persönlichen Einstellung gegenüber der Windenergie im Allgemeinen und den sichtbaren Anlagen im Besonderen.

Es zeigt sich: Trotz aller aufgeregter Diskussionen um Nerze und angebliche Gefahren hat sich die Sachlage nicht verändert. Eine Gesundheitsgefährdung durch von Windenergieanlagen erzeugten Infraschall ist trotz aller Versuche bislang nicht nachgewiesen worden. Das wird die Windenergie-Gegner aber vermutlich weiterhin nicht davon abhalten, das einfach zu behaupten, und einige Politiker werden versuchen, daraus ihr eigenes Süppchen zu kochen. Dem müssen alle, die an einer rationalen Auseinandersetzung interessiert sind, weiter Fakten und Vernunft entgegenhalten.


Autor Dr. Stefan Dietrich

Dr. Stefan Dietrich

Als Windwärts Pressesprecher bin ich dafür zuständig, dass die Medien und Menschen vor Ort immer gut über unsere Projekte informiert sind. Das heißt, ich informiere die Lokalpresse über Genehmigungen, Baufortschritte, Inbetriebnahmen u.ä. und empfange Besichtigungsgruppen in unseren Wind- und Solarparks. Darüber hinaus habe ich die aktuellen Entwicklungen der Branche im Blick (den Dr. habe ich schließlich in Politikwissenschaft gemacht).

Dr. Stefan Dietrich bei Öffnet den Link in einem neuen FensterGoogle+ Xing



No tags available.