Grundlast? Die Zeiten sind vorbei!

07. August 2014 - 11:54 Uhr
von Dr. Stefan Dietrich
zu  Branche der erneuerbaren Energien

Es war einmal ein System der Stromversorgung, da war alles schön geordnet. Da gab es zum Beispiel eine Grundlast. Dafür liefen Tag und Nacht Atom- und Kohlekraftwerke, die immer gleich viel Strom produzierten. Diese Kraftwerke gehörten ein paar großen Firmen, und die haben damit richtig viel Geld verdient. Dann aber kamen die frechen erneuerbaren Energien, und viele, die nicht mehr wollten, dass Stromerzeugung große Schäden verursacht und Gefahren mit sich bringt, sagten sogar, dass der gesamte Strom aus erneuerbaren Quellen kommen müsste. Da erhob sich großes Wehgeschrei, und die, die mit dem alten System viel Geld verdient haben, und die, denen alles egal war, solange sie nur keine Windräder in der Landschaft sehen mussten, riefen: „Was ist mit der Grundlast? Erneuerbare Energien sind nicht grundlastfähig.“ So schallte es durchs Land, und viele glaubten, was sie da hörten.

Zeiten ändern sich – wer hätte es gedacht!

Was hier so märchenhaft-ironisch dargestellt wird, ist natürlich eine ernste Debatte. Denn die fehlende „Grundlastfähigkeit“ der Stromerzeugung aus fluktuierenden erneuerbaren Energien, also Sonnen- und Windenergie, war und ist ein beliebtes Argument gegen den weiteren Ausbau dieser Technologien. Dahinter steckt die Überzeugung, dass wir Stromerzeugungskapazitäten brauchen, die ständig Strom ins Netz einspeisen können, weil ein bestimmter Grundbedarf rund um die Uhr vorhanden ist.

Diese Kapazitäten und der von ihnen erzeugte Strom wird Grundlast genannt. Im fossil-nuklearen System der Stromversorgung ist dies ein zentrales Konzept, das durch die Mittel- und die Spitzenlast ergänzt wird. Vom Gedanken her ist dieses System nachfrageorientiert, das heißt, dass Kraftwerkskapazitäten zur Verfügung stehen müssen, um einen Lastgang abzudecken, also einen Bedarf, der sich aus typischen Verbrauchsmustern ergibt. Dass auch in diesem Fall das einfach gestrickte Modell von Angebot und Nachfrage nicht der Realität entspricht, wissen wir zwar spätestens, seit die Nachtspeicherheizungen in den Markt gedrückt wurden, um den nachts nicht gebrauchten Atomstrom aufzunehmen. Dennoch wurde das System über die Jahrzehnte so aufgebaut.

Heute befinden wir uns aber in einer komplett anderen Situation. Mittlerweile liefern die erneuerbaren Energien mehr als ein Viertel des gesamten Stroms hier zu Lande, und ein großer Teil davon kommt aus Wind- und Solarenergie. Die weitere Entwicklung ist ebenfalls klar: Dieser Anteil wird weiter ausgebaut werden, bis eines Tages die Vollversorgung erreicht wird, was aus ökologischen und ökonomischen Gründen ja auch das einzig Vernünftige ist. Mit dem steigenden Anteil der Erneuerbaren ist nun das herkömmliche System des Strommarktes an seine Grenzen geraten. Dennoch ist das Mantra der „fehlenden Grundlastfähigkeit“ immer wieder zu vernehmen, wenn von interessierter Seite vermeintliche Argumente gegen Wind- und Solarenergie gesucht werden. Dabei wird andersrum ein Schuh draus: Dem „Grundlast“-Denken fehlt die „Erneuerbaren-Fähigkeit“ und damit auch die Zukunftsfähigkeit.

Von der Grund- zur Residuallast

Mit Blick Richtung Zukunft kommen nun andere Begriffe und Konzepte ins Spiel. „Zieht man von der Stromnachfrage die Einspeisung durch erneuerbare Energien ab, erhält man die sogenannte „Residuallast“, die durch regelbare Kraftwerke gedeckt werden muss. Charakteristisch für die Residuallast ist, dass sie sich wesentlich schneller ändern kann als die Nachfrage und dass sie bei hoher Durchdringung mit erneuerbaren Energien sehr klein werden kann – unter Umständen sogar negativ.“ Öffnet den Link in einem neuen FensterSo schreibt es das Büro für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestags (TAB) in einem Bericht für den Bundestag. Das TAB führt weiter aus, „dass die Differenzierung in Lastbereiche mit wachsender Durchdringung des Systems mit fluktuierender Einspeisung aus erneuerbaren Energien zunehmend obsolet wird.“ Damit wird auch die Grundlast überflüssig. Stattdessen benötigen wir flexible Kraftwerke und ein insgesamt deutlich flexibleres System, um die Residuallast abdecken zu können.

Ein solches flexibles System der Stromversorgung ist, neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien, eine weitere Säule der Energiewende. Dazu gehören ein Lastmanagement, also eine angebotsorientierte Steuerung des Stromverbrauchs, ebenso wie die Wärmeerzeugung aus Strom (Power-to-Heat), die Optimierung und gegebenenfalls der Ausbau der Verteilnetze und langfristig auch der flächendeckende Einsatz von Speichern. Ein wesentlicher Bestandteil ist die Flexibilisierung der konventionellen Stromerzeugungskapazitäten, die bis zum Erreichen der Vollversorgung aus erneuerbaren Energien noch benötigt werden. Grundlastkraftwerke, die für einen wirtschaftlichen Betrieb auf eine hohe Zahl von Volllaststunden angewiesen sind und daher auf Gedeih und Verderb Strom erzeugen müssen, ganz egal, wie hoch die benötigte Residuallast ist, werden mehr und mehr zum Störfaktor der Energiewende. „In Zukunft muss sich das gesamte Energiesystem auf die schnellen und starken Schwankungen der dargebotsabhängigen Stromeinspeisung einstellen“, schreibt der Sachverständigenrat der Bundesregierung für Umweltfragen (SRU) in seinem Öffnet den Link in einem neuen FensterSondergutachten „Den Strommarkt der Zukunft gestalten.“. In diesem Gutachten weist der SRU darauf hin, dass „[d]er heutige Kraftwerkspark […] allerdings mit den genannten Erfordernissen nicht kompatibel [ist]“. Das Problem ist nicht die mangelnde Grundlastfähigkeit der Erneuerbaren, sondern eine Überkapazität an Grundlast, die überhaupt nicht mehr benötigt wird. Diese Situation hat groteske Konsequenzen. Zum einen wird überflüssiger Kohlestrom auf Kosten der Umwelt exportiert, zum anderen steigen trotz des Ausbaus der erneuerbaren Energien seit einiger Zeit die CO2-Emissionen. Dieses Öffnet den Link in einem neuen Fenster„Energiewende-Paradox“ entsteht dadurch, dass Gaskraftwerke von alten Kohlekraftwerken aus dem Markt gedrängt werden. Die niedrigen Preise für CO2 im europäischen Emissionshandel und niedrige Kohlepreise haben die Wirtschaftlichkeit der alten Kohlekraftwerke erhöht. Während die dringend benötigten flexiblen Gaskraftwerke abgestellt oder gar nicht erst gebaut werden, jagen die unflexiblen Kohlekraftwerke, deren nicht benötigte Dauerproduktion auch zum Anstieg der Stromexporte geführt hat, Unmengen an Schadstoffen in die Luft.

Kein Platz mehr für „Grundlast“

Vorschläge aus der Wissenschaft für ein flexibleres System der Stromversorgung, das die erneuerbaren Energien in den Mittelpunkt stellt, liegen mittlerweile viele vor. Bei den Energiepolitikern der Bundesregierung scheinen aber nach wie vor eher Lobbyisten Gehör zu finden. Dort wird vor allem über Kapazitätsmärkte gesprochen, die aber eher ein Instrument sind, Öffnet den Link in einem neuen Fensterum den Energieversorgungsunternehmen die Profite zu sichern. Auch diese Pläne hängen noch an der veralteten Vorstellung einer „Grundlast“, die gewährleistet sein müsse.

Diese „Grundlast“ wird zusehends zum ideologischen Bollwerk gegen eine zukunftsfähige Energieversorgung. Wer sich weigert, über ein intelligentes und flexibles System der Stromerzeugung und des Stromverbrauchs nachzudenken und stattdessen das Mantra der „fehlenden Grundlastfähigkeit“ der Erneuerbaren bemüht, zeigt damit vor allem, dass er die Energiewende blockieren möchte und gedanklich noch nicht im Hier und Jetzt angekommen ist. Eine ernsthafte Debatte über die Zukunft der Energieversorgung sieht anders aus.


Autor Dr. Stefan Dietrich

Dr. Stefan Dietrich

Als Windwärts Pressesprecher bin ich dafür zuständig, dass die Medien und Menschen vor Ort immer gut über unsere Projekte informiert sind. Das heißt, ich informiere die Lokalpresse über Genehmigungen, Baufortschritte, Inbetriebnahmen u.ä. und empfange Besichtigungsgruppen in unseren Wind- und Solarparks. Darüber hinaus habe ich die aktuellen Entwicklungen der Branche im Blick (den Dr. habe ich schließlich in Politikwissenschaft gemacht).

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