Genossenschaften und Windenergie – eine Verbindung mit Zukunft

17. Oktober 2016 - 10:36 Uhr
von Dr. Stefan Dietrich
zu  Beteiligungsmöglichkeiten

  • Hans Mönninghoff NaturEnergie Region Hannover

Hans Mönninghoff wusste schon immer, welche Art der Stromerzeugung zukunftsfähig ist und welche nicht. Daher war der gelernte Wasserbauingenieur bereits in den 70er-Jahren in Bürgerinitiativen gegen Atomkraft aktiv. Schon Anfang der 80er-Jahre war er als beratender Ingenieur und Mit-Gründer des Energie- und Umweltzentrums am Deister, einem Höhenzug westlich von Hannover, am Bau von Solaranlagen und einer der ersten Biogasanlagen auf einem Hof in Norddeutschland beteiligt. Dieses Engagement führte den gebürtigen Westfalen in die Politik. Im Anschluss an drei Jahre im Niedersächsischen Landtag wurde der Grüne im Jahr 1989 zum Umweltdezernenten der Stadt Hannover berufen, ein Amt, das er bis zu seiner Pensionierung im Sommer 2013 fast 25 Jahre lang ausübte, acht davon zusätzlich als Wirtschaftsdezernent. Seit 1997 war er darüber hinaus Erster Stadtrat und Stellvertreter des Oberbürgermeisters.

Dass jemand mit dieser Vita nach dem Ende der beruflichen Laufbahn nicht einfach den Tag im Schaukelstuhl verbringt, wird sicherlich niemanden überraschen. Mönninghoff engagiert sich unter anderem im Projekt Öffnet den Link in einem neuen Fenster"Kibakwe schöpft Hoffnung", das eine funktionierende Wasserversorgung für die 10.000 Bewohner des Ortes Kibakwe in Tansania aufbaut.

Darüber hinaus ist Mönninghoff einer der drei Vorstände der Öffnet den Link in einem neuen FensterNaturEnergie Region Hannover eG, einer im Jahr 2008 gegründeten Energiegenossenschaft mit derzeit etwa 180 Mitgliedern. Die Genossenschaft betreibt bereits 15 Photovoltaikanlagen und zwei Nahwärmenetze in der Region. Nun engagieren sich die Genossen auch in der Windenergie. Daher Öffnet den Link in einem neuen Fensterhat die NaturEnergie Region Hannover unter anderem eine Vereinbarung mit Windwärts abgeschlossen, die vorsieht, dass die Genossenschaft in drei geplanten Windparks in der Region Hannover je eine Anlage übernehmen kann, wenn die Projekte realisiert werden.

Wir haben mit Hans Mönninghoff über die Idee der Energiegenossenschaften und ihr Interesse an der Windenergie gesprochen.

 

Herr Mönninghoff, warum engagieren Sie sich in einer Energiegenossenschaft?

Logo der NaturEnergie

Aus meiner Sicht sind Energiegenossenschaften ein wesentlicher Baustein einer echten Energiewende. Von Anfang an ging es bei der Energiewende ja nicht nur darum, die Atomkraftwerke abzuschalten oder die Schäden für Umwelt und Klima durch fossile Brennstoffe zu vermindern. Es ging immer auch darum, Oligopole zu brechen und unsere Energieversorgung nicht wenigen Konzernen und politisch fragwürdigen Öl und Gas exportierenden Staaten zu überlassen. Ich bin überzeugt, dass die Energiewende Strukturen von unten braucht, damit sie nachhaltig, demokratisch und politisch wirklich sinnvoll sind.

 

Wie können Genossenschaften genau zu dieser Energiewende von unten beitragen?

Zum einen sind Genossenschaften grundsätzlich demokratisch organisiert. Jedes Mitglied hat eine Stimme, ganz egal, wie viele Anteile er oder sie gezeichnet hat. Darüber hinaus wirken die Investitionen nachhaltig. Genossenschaften spekulieren nicht und investieren nicht in Abschreibungsprojekte oder Ähnliches. Das Geld fließt in gebaute oder genehmigte Anlagen, die tatsächlich umwelt- und klimafreundlichen Strom oder Wärme erzeugen und nicht nur auf dem Papier irgendwelche Bilanzen verbessern. Außerdem bleibt der Wert der gebauten Anlagen erhalten, auch wenn einzelne Genossen ausscheiden. Und last but not least: Das Engagement in Energiegenossenschaften ist politisch sinnvoll, denn wir schaffen eine Energieerzeugung in Bürgerhand. Das ist neben der Umstellung auf Erneuerbare Energien die zweite „Revolution“, die wir in der Energieerzeugung erleben. Als Genossenschaft arbeiten wir aktiv daran mit.

Worin liegen die Vorteile einer Energieerzeugung in Bürgerhand?

Dezentrale Strukturen erhöhen die Effizienz, da Verluste durch lange Transporte von Strom und Wärme vermieden werden. So wird auch die Bedeutung der überregionalen Verteilnetze reduziert, deren Bau ja landauf landab für Streit sorgt. Dazu kommt, dass die Energieversorgung demokratisiert wird, wenn sie zumindest teilweise von den Menschen selbst übernommen wird. Es sind dann die Bürgerinnen und Bürger, die entscheiden, wie Strom und Wärme erzeugt werden und zu welchem Preis – nicht Konzerne und Politiker.

Mitglieder der NaturEnergie Region Hannover eG Für die Energiewende in Bürgerhand: Mitglieder der NaturEnergie Region Hannover eG

Der größte Vorteil aus meiner Sicht ist, dass ein großer Teil der Wertschöpfung in der Region bleibt. Wenn Genossenschaften zum Beispiel in Windenergieanlagen investieren, dann gehören diese Menschen aus der Region, und es können sich alle Bürgerinnen und Bürger daran beteiligen. Wir arbeiten mit regionalen Banken zusammen und können mittlerweile sogar den erzeugten Strom selbst in der Region vermarkten. So stärkt die Energiewende die regionalen Strukturen, und die Gewinne kommen den Menschen vor Ort zugute.

Bislang haben Sie und andere Genossenschaften überwiegend in die Solarenergie investiert. Können Sie auch Windenergie?

Wie die meisten Energiegenossenschaften haben auch wir mit dem Bau und Betrieb von Photovoltaikanlagen begonnen und werden das auch weiterhin tun. Das liegt zum einen an den deutlich geringeren Investitionskosten gegenüber der Windenergie. Zum anderen sind Solaranlagen auf Hausdächern aber auch die Form der Stromerzeugung, die wirklich dezentral und nahe an den Menschen funktioniert. Allerdings genügt die Solarenergie nicht, wenn wir den vollständigen Umstieg auf erneuerbare Energien schaffen wollen. Dafür brauchen wir die leistungsfähige Windenergie, was diese für Genossenschaften auf jeden Fall interessant macht. Allerdings muss jede Genossenschaft, die in die Windenergie einsteigen möchte, zwei wesentliche Fragen klären: Bekommen wir das nötige Eigenkapital zusammen, immerhin kostet eine moderne Windenergieanlage an die fünf Millionen Euro, und was kann eine Genossenschaft in der doch ziemlich komplexen Planung und Errichtung selbst machen, und wofür benötigt sie Partner?

Wie geht die NaturEnergie Region Hannover das Thema Windenergie an?

Wir planen einen Bürgerwindpark mit vier Anlagen bei Eilvese, einem Ortsteil von Neustadt am Rübenberge, im Nordwesten der Region Hannover. Der Standort ist vor Ort unumstritten und natur- und artenschutzverträglich. Bereits heute haben etwa 50 Personen und Unternehmen insgesamt 250 Anteile von jeweils 2.000 Euro gezeichnet, und es gibt einige Interessenten, die größere Summen investieren möchten.

Darüber hinaus haben wir eine Kooperationsvereinbarung mit Windwärts abgeschlossen. Diese sieht vor, dass wir in drei Windparks in der Region jeweils eine Anlage übernehmen können, wenn die Parks errichtet werden. In einem der Projekte hat Windwärts die Flächen bereits gesichert, in den beiden anderen arbeiten sie daran.

Wer sich als Genosse an den Windenergieprojekten beteiligen möchte, hat übrigens die Möglichkeit, einen Mitgliedsantrag abzugeben, der unter dem Vorbehalt steht, dass mindestens eines der Projekte realisiert wird. Das heißt, man wird erst dann Mitglied und muss seine Anteile bezahlen, wenn sichergestellt ist, dass die Genossenschaft tatsächlich Windenergieanlagen betreibt.

Wer sich nicht beteiligen kann oder möchte, kann aber zumindest Strom von Ihnen beziehen…

Das ist richtig. Es haben ja nicht alle das nötige Geld zur Verfügung, oder sie möchten nicht zum Betreiber von Stromerzeugungsanlagen werden. Diesen Menschen (und natürlich auch allen anderen!) bieten wir mit unserem Produkt Öffnet den Link in einem neuen Fenster„Reg I Strom“ die Möglichkeit, die Bürgerenergie als Stromkunde voranzubringen. Unter diesem Namen vertreiben wir genossenschaftlich erzeugten Strom aus erneuerbaren Energien. Den Strom liefern die Öffnet den Link in einem neuen FensterBürgerwerke, ein Zusammenschluss von etwa 50 Genossenschaften – der Strom ist zu 100 Prozent erneuerbar und von Bürgern für Bürger erzeugt. Bürgerenergie ist eben ein schlüssiges Gesamtkonzept.

Die Windenergiebranche steht durch das neue Erneuerbare-Energien-Gesetz EEG vor großen Herausforderungen. Stichworte sind Ausschreibungen, Netzausbaugebiet oder Ausbaukorridore. Was bedeutet das für Energiegenossenschaften?

Wer ein Windenergieprojekt plant, ist in Zukunft mit einem weiteren Risiko konfrontiert. Neben den bekannten Planungsrisiken, die viele Projekte vorzeitig scheitern lassen, kommt nun noch das Risiko dazu, in den Ausschreibungsrunden keinen Zuschlag zu erhalten. Selbst wenn es in einer späteren Runde klappen sollte, dann hat man doch Zeit verloren, und die ist auch in der Windparkplanung Geld. Dadurch sind große Wettbewerber grundsätzlich bevorteilt, weil sie ihr Risiko über ihr Projektportfolio streuen können. Eine Genossenschaft arbeitet im Normalfall an einem einzigen Projekt. Wenn das nicht klappt oder sich verzögert, dann steht die Genossenschaft vor einem großen Problem. Daher erwarten ja viele Beobachter der Branche, dass viele kleinere Entwickler aufgeben müssen.

Der Gesetzgeber hat das auch gesehen und eine Sonderregelung für Bürgerenergiegesellschaften ins Gesetz aufgenommen. Das heißt aber nicht, dass damit alle Risiken wegfielen oder wesentlich kleiner würden. Da sind erfahrene und starke Partner notwendig, aber ich bin überzeugt, dass Genossenschaften die Chancen nutzen können, die das EEG 2017 bietet. Die Bürgerenergie hat nicht nur Freunde in der Energiewirtschaft und der Politik, aber wir werden weiter unermüdlich unseren Teil dazu beitragen, dass wir eine echte Energiewende schaffen.

Herr Mönninghoff, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 



Autor Dr. Stefan Dietrich

Dr. Stefan Dietrich

Als Windwärts Pressesprecher bin ich dafür zuständig, dass die Medien und Menschen vor Ort immer gut über unsere Projekte informiert sind. Das heißt, ich informiere die Lokalpresse über Genehmigungen, Baufortschritte, Inbetriebnahmen u.ä. und empfange Besichtigungsgruppen in unseren Wind- und Solarparks. Darüber hinaus habe ich die aktuellen Entwicklungen der Branche im Blick (den Dr. habe ich schließlich in Politikwissenschaft gemacht).

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