Erneuerbare Energien - eine weltweite Erfolgsgeschichte

20. Juni 2016 - 14:13 Uhr
von Dr. Stefan Dietrich
zu  Wissenswertes zur Windenergie

  • Windenergie weltweit Seychellen
  • Windenergieanlagen auf den Seychellen, Foto: Andrew Moore/flickr

Auf die Gefahr hin, dass aufmerksame Leser dieses Blogs (und wer ist das nicht?) nun aufstöhnen und sich fragen, ob ich nichts anderes mehr habe, über das ich schreiben kann – der diesjährige Öffnet den Link in einem neuen Fenster„Global Status Report“ von REN 21 ist erschienen, dem „Renewable Energy Policy Network for the 21st Century“. Das bedeutet auch, dass ich Ihnen in einer überschaubaren Zusammenfassung darlege, was die Forscher auf 270 Seiten über die weltweite Entwicklung der erneuerbaren Energien im vergangenen Jahr zusammengetragen haben. Was die an und für sich erfreuliche Lektüre gerade in diesen Tagen etwas beklemmend macht: Während rund um die Welt die erneuerbaren Energien an Boden gewinnen, setzt die Politik im früheren Pionierland Deutschland auf das Ausbremsen der Energiewende. Das zeigen die derzeit in Berlin und darüber hinaus diskutierten Vorschläge für die Novellierung des EEG deutlich. Andere ergreifen Chancen, wir gefährden unsere bisherigen Erfolge, weil einflussreiche Interessengruppen die Oberhand gewinnen. Das verstehe, wer will. Doch nun zurück zu den Erfolgen der Erneuerbaren im vergangenen Jahr.

Aufschwung der Erneuerbaren hält an

„Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran!“, so hieß es 1980 im bis heute bekanntesten Song der Band Fehlfarben. Mit diesen Worten kann man auch den gerade erschienenen, diesjährigen „Global Status Report“ zur weltweiten Entwicklung der erneuerbaren Energien überschreiben. Denn obwohl noch sehr viel zu tun ist, war 2015 doch ein bemerkenswertes Jahr, in dem wir die bis dato größte Erweiterung der Erzeugungskapazitäten für Strom und Wärme aus erneuerbaren Energien verzeichnen konnten. Insbesondere im Stromsektor hat die Welt mit einer neu installierten Erzeugungskapazität von 147 Gigawatt (GW) einen bedeutenden Fortschritt erzielt. Damit wurden weltweit mehr erneuerbare als fossile Stromerzeugungskapazitäten installiert. Der Zuwachs im Wärmebereich fiel mit 38 GWth zwar bescheidener aus, angesichts des rapide fallenden Ölpreises, des Preisrückgangs der anderen fossilen Brennstoffe und der anhaltenden enormen Subventionen für fossile Energieträger ist das aber dennoch ein schöner Erfolg.

Im Vergleich sind die Fortschritte im Stromsektor deutlich beeindruckender. 147 GW Leistung sind eine ganze Menge, das entspricht dem 33-fachen der Leistung von Deutschlands größtem Kraftwerk, dem Braunkohlekraftwerk Neurath in der Nähe von Düsseldorf. Nur dass eben keine 33 Kohlekraftwerke gebaut wurden und so der Ausstoß von Unmengen von Schadstoffen vermieden werden kann (der Stadt Grevenbroich brachten die auf ihrem Gebiet gelegenen Braunkohlekraftwerke Neurath und Frimmersdorf in der Vergangenheit auch schon den zweifelhaften Titel derÖffnet den Link in einem neuen Fenster „dreckigsten Stadt Europas“ ein). Die Zukunft der Stromerzeugung ist erneuerbar, diese Erkenntnis hat sich mittlerweile rund um den Globus verbreitet, und vielerorts handeln die Verantwortlichen nun auch dementsprechend: Mehr als 60% aller im vergangenen Jahr neu errichteten Stromerzeugungskapazitäten nutzen die Kraft von Sonne und Wind, Biomasse, Erdwärme und Wasser. Die Gründe sind vielfältig, und Umwelt- und Klimaschutz sind nicht der einzige Beweggrund, ja vermutlich nicht einmal der wichtigste. Es geht auch und vor allem umʼs Geld: So war die Windenergie 2015 in vielen Märkten die kostengünstigste Möglichkeit, neue Kapazitäten anʼs Netz zu bringen, etwa in Brasilien, Kanada, Mexiko, Südafrika oder der Türkei.

Den höchsten Zubau gab es wie bereits in den Vorjahren in China zu verzeichnen, wo der wachsende Energiebedarf auch zu umfangreichen Investitionen in erneuerbare Energien geführt hat. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde weist mittlerweile in fast allen Sektoren die höchste installierte Kapazität und die höchsten jährlichen Wachstumsraten auf. Lediglich bei der Stromerzeugung aus Biomasse belegt China nur den zweiten Platz hinter den USA, und bei der geothermischen Stromerzeugung fehlen schlicht und ergreifend die geologischen Voraussetzungen. Mit deutlichem Abstand wurden im Jahr 2015 die USA, Japan, Großbritannien und Indien auf die Plätze verwiesen, was die Investitionen in erneuerbare Energien angeht. Deutschland ist längst nicht mehr der Vorreiter und schafft es 2015 nur beim Zubau von Windenergiekapazitäten auf das „Treppchen“.

Rund um die Welt geht es voran

Der Ausbau der erneuerbaren Energien gerade im Stromsektor ist längst keine Domäne der Industrieländer des Nordens und Westens mehr. Wichtigster Wachstumsmotor ist mittlerweile Asien, was nicht nur dem äußerst hohen Ausbautempo in China geschuldet ist, sondern auch den Zubauzahlen in Japan und Indien und den wachsenden Märkten in vielen anderen Ländern von Pakistan bis Vietnam. Auch Lateinamerika gehörte 2015 zu den am schnellsten wachsenden Märkten, und in Afrika wurden die 1 GW-Schwelle für Photovoltaik und die 3 GW-Marke für Windenergie überschritten. Es ist erfreulich zu sehen, dass auch und gerade sogenannte „Entwicklungs“- und „Schwellenländer“ auf erneuerbare Energien setzen und so gewisse Probleme gar nicht erst erzeugen, die mit der fossil befeuerten Industrialisierung einhergehen.

Dass die Notwendigkeit des Ausbaus der erneuerbaren Energien mittlerweile in den meisten Ländern und Regionen gesehen wird, lässt eine besondere Statistik erkennen: Betrachtet man die Investitionen pro Kopf, dann finden sich nicht mehr die üblichen Verdächtigen in der Spitzengruppe, also China, die USA und Deutschland. An der Spitze dieser Rangliste liegt mit Mauretanien eines der ärmsten Länder der Welt, gefolgt von Honduras, Uruguay, Marokko und Jamaika. Diese Länder verfügen über enorme natürliche Ressourcen (Sonne, Wind und Wasser), und sie nutzen sie zusehends.

Der Umstieg auf erneuerbare Energien und die damit verbundene Chance, nicht nur eine nachhaltige Energieversorgung zu etablieren, sondern auch viele Regionen dieser Erde erstmals verlässlich mit Energie zu versorgen, ist auch ein weltweites Konjunkturprogramm. Das zeigt sich unter anderem darin, dass rund um den Globus mittlerweile mehr als 8 Millionen Menschen direkt oder indirekt in diesem Sektor beschäftigt sind.

Jobs in den Erneuerbaren Energien 2016 Quelle: REN21

Etwas mehr als 3,5 Millionen davon, also fast die Hälfte, arbeiten in China, was angesichts des rapiden Wachstums der Erneuerbaren im Land nicht verwunderlich ist. In der EU gab es im vergangenen Jahr 644.000 Jobs im Sektor der erneuerbaren Energien, wobei mehr als die Hälfte auf Deutschland entfiel, nämlich 355.000. In Europa insgesamt und speziell in Deutschland arbeiten die meisten davon in der Windenergie, in Deutschland fast 150.000 Menschen. Allerdings ist in der EU seit einigen Jahren ein Rückgang an Arbeitsplätzen zu verzeichnen, was in erster Linie an politischen Änderungen liegt, die die teilweise erst aufgebauten Strukturen schon wieder gefährden. Der politische Kahlschlag bei der Förderung in Spanien hat beispielsweise ebenso zu Arbeitsplatzverlusten geführt wie das schrittweise Ausbremsen der Energiewende in Deutschland.

Windenergie – ein globale Erfolgsgeschichte

Als Windenergieunternehmen schauen wir naturgemäß genauer hin, wenn es um unser eigenes Geschäftsfeld geht. Erfreulicherweise kann REN21 von einem neuen Rekordjahr berichten. Mehr als 63 GW an neuer Kapazität bedeuten ein Marktwachstum von 22% gegenüber 2014. In den Ausbau der Windenergie wurden weltweit etwa 98 Milliarden Euro investiert, wobei fast die Hälfte der neuen Anlagen in China installiert wurde. In einer Volkswirtschaft, in der ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 7% als Rekord-Tief in die Annalen eingeht, ist der Energiehunger groß. Der Ausbau der Windenergie ist aus vielen Gründen eine gute Möglichkeit, den steigenden Strombedarf (teilweise) zu decken. Neben den vergleichsweise geringen Kosten der Technologie und der fast schon legendären Luftverschmutzung in Teilen des Landes sprechen auch industriepolitische Erwägungen dafür. Der diesbezügliche Erfolg zeigte sich 2015 nicht nur darin, dass unter den Top Ten der Windenergieanlagen-Hersteller fünf chinesische Unternehmen zu finden waren. Mit einem Marktanteil von 12,5% hat darüber hinaus die chinesische Goldwind erstmals den Spitzenplatz unter den Herstellern erobert – und das fast ausschließlich durch den Heimatmarkt. Ich möchte hier sicherlich nicht einer Übernahme der chinesischen Wirtschaftspolitik das Wort reden, aber es könnte industriepolitisch vielleicht doch sinnvoller sein, in Deutschland den Ausbau der Windenergie weiter voranzutreiben statt ihn auszubremsen. Da sollten manche der Entscheider in Berlin noch einmal darüber nachdenken.

Ausbau der Windenergie 2016 Quelle: REN21

Ein deutliches Wachstum konnten auch die Windenergieländer Nummer 2 und 3 verzeichnen, die USA und Deutschland. Indien hat sich mit einem Zuwachs von 2,6 GW am erneut stagnierenden Spanien vorbei auf den vierten Platz der Weltrangliste geschoben, was die gesamte installierte Leistung angeht. Damit blieb das Land aber hinter den Erwartungen zurück, was in erster Linie am mangelhaften Zustand der Stromnetze lag. In Europa haben neben Deutschland auch Polen, Frankreich und Großbritannien mehr als 1 GW an Leistung zugebaut, wobei Polen einen neuen Rekord aufstellte (das haben auch Finnland und Litauen geschafft). In Polen kam es zu Vorzieheffekten, weil die rechtsnationale Regierung bereits angekündigt hatte, den Windenergieausbau zugunsten der Kohle zu beschneiden. Es ist ja weltweit zu beobachten, dass Rechtspopulisten und andere unangenehme Gesellen die Windenergie nicht besonders mögen, egal ob es die AfD ist, Donald Trump oder eben die polnische Regierungspartei PiS. Das wäre mal eine politikwissenschaftliche Untersuchung wert, an dieser Stelle können wir diesen Gedankengang aber nicht weiterverfolgen. Bezeichnend ist es aber auf jeden Fall.

Rangliste Zubau Windenergie 2016 Quelle: REN21

Die Liste der Länder it nennenswerten Zubauzahlen ist lang und umfasst alle Kontinente. Kanada und Brasilien sind ebenso zu nennen, wie Mexiko, Uruguay und Panama, Südafrika, Ägypten und Äthiopien oder Australien. Neu in der Riege der Windenergie-Länder sind Guatemala und der Südsee-Inselstaat Samoa, während in Jordanien der erste größere Windpark in Betrieb genommen wurde.

 

Schlaglicht auf Bürgerenergie

Wie in jedem Jahr haben die Autoren des Berichts auch dieses Mal ein Sonderthema aufgegriffen. Für den aktuellen Bericht haben sie das Thema Erneuerbare Energien im Gemeinschaftsbesitz ausgewählt. Was uns aus Deutschland gut bekannt ist, wo etwa die Hälfte der Erzeugungsanlagen für erneuerbare Energie in Bürgerhand ist, ist tatsächlich zunehmend ein globales Phänomen. So gibt es europaweit mehr als 2.800 Energiegenossenschaften, und alleine in Schottland nahmen im Jahr 2015 Anlagen mit einer Gesamtleistung von mehr als 500 MW ihren Betrieb auf, die den Menschen vor Ort gehören – übrigens ein erklärtes Ziel der schottischen Regierung. In Australien wurden bereits 45 Bürgerenergieprojekte umgesetzt, weitere 70 sind in Planung, und auch in den USA und Kanada gewinnt Bürgerenergie an Bedeutung. In Asien haben Gemeinschaftsprojekte eine lange Tradition, vor allem bei der Errichtung und dem Betrieb von Kleinwasserkraftwerken, so wird in Nepal etwa 15% des Stroms durch solche Kraftwerke erzeugt. In Lateinamerika spielt Bürgerenergie eine wichtige Rolle für die Elektrifizierung ländlicher Räume, etwa in Costa Rica, wo vier Genossenschaften mit insgesamt mehr als 180.000 Mitgliedern fast 15% des Energiemarktes bedienen.

Die Gründe für das lokale Engagement sind überall auf der Welt ähnlich. Es geht um wirtschaftliche Vorteile gerade für die ländliche Bevölkerung, einen stärkeren Einfluss der Bürgerinnen und Bürger auf die Energieerzeugung, besseren Zugang zur Energieversorgung, Umwelt- und Gesundheitsschutz bis hin zu einem stärkeren Zusammengehörigkeitsgefühl durch gemeinsame Projekte. Aber auch die Herausforderungen und Hindernisse für die Bürgerenergie ähneln sich. Die politischen Rahmenbedingungen werden laufend geändert, die Finanzierung ist oft schwierig, und einflussreiche Interessengruppen arbeiten auf allen Ebenen daran, bestehende Energiesysteme zu verteidigen, von denen sie profitieren. Es zeigt sich überall auf der Welt, dass eine langfristig angelegte Politik, die stabile Rahmenbedingungen setzt, die wichtigste Voraussetzung für erfolgreiche Bürgerenergieprojekte ist. Sie muss halt gewollt sein, und das ist leider nicht immer und überall der Fall.

Wer ist REN21?

Das Öffnet den Link in einem neuen Fenster„Renewable Energy Policy Network for the 21st Century“ REN21 ist ein weltweites Netzwerk von internationalen Organisationen, nationalen Regierungen, Nicht-Regierungs-Organisationen, Wissenschaftlern und Branchenverbänden. Das Netzwerk wurde 2005 gegründet und hat es sich zum Ziel gesetzt, durch Konferenzen, Berichte wie den Global Status Report und weitere Netzwerk-Aktivitäten den Wissensaustausch und die Entwicklung politischer Strategien und Maßnahmen zu fördern. Die Liste der im Leitungsgremium des Netzwerks, dem Steering Committee, vertretenen Institutionen ist lang und illuster: Dort finden sich unter anderem die Weltbank, mehrere UN-Organisationen, die EU-Kommission, die Internationale Energie-Agentur, Greenpeace und der WWF sowie mehrere nationale Regierungen, etwa die deutsche, brasilianische, südafrikanische und indische. Den Global Status Report haben eine ganze Reihe von Autoren aus unterschiedlichen Organisationen verfasst. Für die Zahlen und Beiträge aus Deutschland zum Beispiel waren in erster Linie zwei Wissenschaftler vom Zentrum für Solarenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) verantwortlich.



Autor Dr. Stefan Dietrich

Dr. Stefan Dietrich

Als Windwärts Pressesprecher bin ich dafür zuständig, dass die Medien und Menschen vor Ort immer gut über unsere Projekte informiert sind. Das heißt, ich informiere die Lokalpresse über Genehmigungen, Baufortschritte, Inbetriebnahmen u.ä. und empfange Besichtigungsgruppen in unseren Wind- und Solarparks. Darüber hinaus habe ich die aktuellen Entwicklungen der Branche im Blick (den Dr. habe ich schließlich in Politikwissenschaft gemacht).

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