Ein Girokonto für den Strom

28. November 2014 - 08:50 Uhr
von Dr. Stefan Dietrich
zu  Branche der erneuerbaren Energien

Die Stromerzeugung aus Solar- und Windstrom ist vom Wetter abhängig. So banal diese Feststellung auch ist, für das gesamte System der Stromversorgung ist das eine ganz besondere Herausforderung. Erneuerbare Energien übernehmen nach und nach die Leitfunktion in der Energieversorgung, und das aus vielen guten Gründen. Gleichzeitig verändert sich damit das bisherige System der Stromversorgung, das auf zentrale Kraftwerke und die so genannte „Grundlast“ abgestellt hat, die steuerbar und verlässlich immer vorhanden ist. Gefragt sind nun flexible Lösungen, um ein nicht nur umweltfreundliches, sondern auch weiterhin zuverlässiges System der Stromversorgung auf Basis dezentraler erneuerbarer Energien zu entwickeln. Dabei geht es darum, die schwankende Stromeinspeisung mit dem Stromverbrauch in Einklang zu bringen und das Ganze intelligent zu steuern. Um diesem Ziel näher zu kommen, hat die Öffnet den Link in einem neuen FensterMVV Energie AG gemeinsam mit der Universität Stuttgart und dem Batteriehersteller ads-tec in Mannheim das Projekt „Strombank“ gestartet. Was sich hinter diesem Titel verbirgt, weiß am besten Dr. Robert Thomann, der Projektleiter bei MVV Energie. Daher habe ich ihm ein paar Fragen dazu gestellt.

Herr Dr. Thomann, worum geht es bei der „Strombank“? Welche Idee steckt dahinter?

Die Stromerzeugung aus Windenergie- und Solaranlagen findet dezentral statt. Daran sind auch viele Privathaushalte beteiligt, vor allem in Form von Photovoltaikanlagen auf den Hausdächern. Die Menschen stellen sich zunehmend die berechtigte Frage, warum dieser Strom dennoch durch über weit verzweigte Netze transportiert und am Ende irgendwo verbraucht wird, wenn er doch an Ort und Stelle für saubere Wäsche oder einen gemütlichen Fernsehabend sorgen kann. Der wichtigste Grund dafür ist, dass der Strom nur dann erzeugt wird, wenn auch die Sonne scheint oder der Wind weht. Das sind aber nicht unbedingt die Zeiten, in denen der Strom auch tatsächlich gebraucht wird. Das muss über das Gesamtsystem ausgeglichen werden.

In der jüngsten Vergangenheit sehen wir einen wachsenden Trend zur Eigenversorgung mit Strom aus Photovoltaikanlagen. Bisher müssen sich Haushalte oder Unternehmen, die das tun wollen, dafür einen eigenen Stromspeicher anschaffen, um die Schwankungen in der Stromerzeugung auszugleichen. Wir sind davon überzeugt, dass das auch anders zu lösen ist. Als Muster gilt da ein Bereich, in dem „Einnahmen“ und „Ausgaben“ ebenfalls nicht parallel stattfinden: im Bankwesen. Dass das Gehalt einmal im Monat kommt, Ausgaben aber jeden Tag getätigt werden, wird dort über Girokonten geregelt. Ich zahle dann ein, wenn ich etwas bekomme, und nehme etwas raus, wenn ich es brauche. Dieses Modell haben wir uns zum Vorbild genommen und uns gefragt, ob das auch bei der Stromversorgung funktionieren kann.

Wie funktioniert die Strombank?

Teilnehmen können private Haushalte und Gewerbebetriebe, die über eigene dezentrale Erzeugungskapazitäten verfügen. In der ersten Phase sind dies 14 Haushalte und drei Betriebe mit insgesamt 16 Photovoltaik- und drei Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen. Letztere sind zwar gasbetrieben, erzeugen aber neben Strom auch Wärme und sind damit hoch effizient.  Durch die Integration der KWK-Anlagen haben wir unterschiedliche Erzeugungsformen im Projekt und können sehen, wie sich Wetter und Jahreszeiten auswirken. Herzstück der Strombank, sozusagen der „Tresor“, ist ein zentraler Batteriespeicher. In diesem Quartierspeicher kann nicht selbst verbrauchter Strom „eingezahlt“ werden, oder die Kunden können gespeicherten Strom „abheben“. Über eine spezielle App können die Teilnehmer jederzeit auf ihre Kontodaten zugreifen.

Wichtig ist, dass die Teilnehmer nicht zu weit voneinander entfernt sein sollten. Wir möchten mit dem Projekt ja einen lokalen Ausgleich von Erzeugung und Verbrauch erreichen, der ohne lange Stromtransporte und die damit verbundenen Verluste auskommt.

Funktioniert die Strombank nur für PV- und KWK-Anlagen, oder kann auch Windenergie eingebunden werden?

Grundsätzlich funktioniert die Strombank mit allen dezentralen Erzeugungsanlagen. In der gegenwärtigen Projektphase ist die Bank allerdings nicht für große Windenergieanlagen oder gar Windparks geeignet, da diese ja ausschließlich der Stromerzeugung dienen und in den allermeisten Fällen nicht direkt von einem Stromverbraucher betrieben werden. Kleinwindanlagen wären als Kunden der Strombank auch heute schon willkommen. Je vielfältiger der Mix an Erzeugungsanlagen, desto besser.

Wann können wir mit Ergebnissen des Projektes rechnen?

Die ersten Daten aus den teilnehmenden Haushalten fließen bereits, Anfang Dezember nehmen wir den Batteriespeicher in Betrieb. Da wir aber hauptsächlich PV-Anlagen angeschlossen haben, und der Winter im Allgemeinen nicht die Hauptjahreszeit für die Solarstromerzeugung ist, wird es erst im Frühjahr so richtig spannend. Das Endergebnis des Projektes steht dann nach Abschluss und Auswertung eines gesamten Jahreszyklus fest, also Ende 2015.

Wird es in Zukunft große Strombanken geben, so wie es heute große Geldhäuser gibt?

Die Strombank ist für den lokalen, dezentralen Ausgleich von Erzeugung und Verbrauch in einem begrenzten Quartier gedacht, sozusagen unter Nachbarn. Darin liegt ihre Stärke. Um die Analogie zu den Banken noch einmal zu strapazieren: Es geht nicht um eine internationale Investmentbank, sondern um eine örtliche Genossenschaftsbank oder Sparkasse. Allerdings können sich auch diese Geldinstitute zusammenschließen, genau wie die Strombanken der Zukunft ein Netzwerk bilden können. Das wäre der Baustein eines zellulares Energiesystems, in dem die Strombanken im Mittelpunkt stehen. Ich denke, dass die Idee der Strombank für die dezentrale, erneuerbare Stromerzeugung wie geschaffen ist, die die Zukunft der Stromversorgung prägen wird. Durch die intelligente Vernetzung von dezentraler Stromerzeugung und Stromverbrauch können wir die Nachteile der fluktuierenden Stromerzeugung aus Solar- und Windenergie ausgleichen – und die Vorteile nutzen.