Die Energiewende kommt voran – zumindest teilweise

13. Januar 2015 - 09:47 Uhr
von Dr. Stefan Dietrich
zu  Branche der erneuerbaren Energien

Die Energiewende ist eines der großen Projekte, die unser Land verändern, und in diesem Fall tatsächlich zum Besseren. Daher ist es angebracht, regelmäßig zu überprüfen, wie es um sie steht. Zahlen und Fakten gibt es genug, so dass sich niemand mit Schlaglichtern und Momentaufnahmen zufrieden geben muss, die in der öffentlichen Debatte meist im Vordergrund stehen. Nun haben das Wirtschaftsministerium und das „Denk- und Politiklabor“ Agora Energiewende Bilanz gezogen, wie gut oder schlecht die Energiewende in letzter Zeit vorangekommen ist. Was sie herausgefunden haben, und wie die Ergebnisse diskutiert werden, zeigt folgender Überblick.

Trendwende im Stromsektor?

Am besten läuft die Energiewende im Stromsektor, wo die erneuerbaren Energien weiter auf dem Vormarsch sind. Das belegt recht eindrucksvoll Öffnet den Link in einem neuen Fenstereine neue Analyse, die der Think Tank Agora Energiewende vor wenigen Tagen vorgelegt hat. Die Studie klingt ziemlich euphorisch, denn die Analyse beginnt gleich mit einem Paukenschlag: Demnach lagen die erneuerbaren Energien im Jahr 2014 erstmals auf Platz 1 der Stromerzeugung in Deutschland. Mit einem Anteil von 25,8 Prozent an der Stromerzeugung wurde erstmals mehr Strom aus Wind, Sonne, Wasser, Biomasse und Geothermie erzeugt als aus Braunkohle, die es auf 25,6 Prozent schafft und ihren Anteil noch einmal leicht ausbauen kann. Dieses Ergebnis klingt gut, allerdings ist die Frage berechtigt, ob die getrennte Auflistung von Braun- und Steinkohle nicht ein Rechentrick ist, um die Trendwende herbeireden zu können. Darauf weist zum Beispiel Oliver Geden, Energie- und Klimaexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, wiederholt auf Twitter hin. Denn Kohle insgesamt kommt nach wie vor auf 44,8 Prozent – und damit ist das größte Problem der Energiewende auch gleich benannt. Denn auch wenn der Anteil der Steinkohle kontinuierlich abnimmt, bleibt die besonders umweltschädliche Braunkohle auf einem hohen Niveau. Stattdessen verliert auch die Gasverstromung an Boden, obwohl gerade moderne Gaskraftwerke als Flexibilitätsoption wichtig sind für den Übergang in das erneuerbare Zeitalter. So erfreulich das Wachstum der erneuerbaren Energien auch ist: Das System der Stromerzeugung als Ganzes ist vom Ziel noch weit entfernt.

Bergbaulandschaft Jänschwalde Die Braunkohle bleibt wichtig - ein Problem für den Klimaschutz Foto: Mark Mühlhaus/attenzione/Agentur Focus

Unbedingt erfreulich ist aber die Tendenz, dass der Stromverbrauch dauerhaft vom Wachstum entkoppelt wurde. Im Jahr 2014 ist der Stromverbrauch in Deutschland um 3,8 Prozent gesunken, obwohl die Wirtschaftsleistung um 1,4 Prozent gewachsen ist. Damit setzt sich ein Trend fort, denn seit 1990 stieg das Bruttoinlandsprodukt um 40 Prozent, der Stromverbrauch aber nur um fünf. Auch wenn in diesem Trend der Zusammenbruch der Industrie in Ostdeutschland nach dem Ende der DDR eine wichtige Rolle gespielt hat, und auch wenn der Energieverbrauch insgesamt nicht schnell genug zurückgeht, ist das doch ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Eine weitere gute Nachricht ist, dass die Treibhausgasemissionen im Jahr 2014 zurückgegangen sind, und zwar auch diejenigen, die durch die Stromerzeugung entstanden sind. Ein Grund dafür ist die etwas zurückgegangene Kohleverstromung. Das sogenannte „Energiewendeparadox“, dass trotz steigenden Anteils der Erneuerbaren die CO2-Emissionen durch stärkere Kohleverstromung steigen, ist daher im vergangenen Jahr nicht aufgetreten.

Darüber hinaus ist der Strompreis an der Börse weiter gesunken, so dass am Leipziger Spotmarkt die Kilowattstunde im Durchschnitt für 3,3 Cent zu haben war, und die Stromexporte sind erneut gestiegen. Deutschland exportierte im vergangenen Jahr 5,6 Prozent des erzeugten Stroms in Nachbarländer. Der wichtigste Abnehmer war im Übrigen Frankreich, an das Deutschland 10 Terawattstunden lieferte, während 4 Terawattstunden in die Gegenrichtung geliefert werden. Wer immer noch behauptet, dass die Energiewende in Deutschland nur möglich sei, weil wir Atomstrom aus Frankreich importieren, sollte sich diese Zahlen einmal anschauen.

Ein weiteres gutes Zeichen ist, dass es genau so viele Stunden mit negativem Strompreis gab wie im Vorjahr, nämlich 64. Da der Anteil der erneuerbaren Energien gestiegen ist, heißt das, dass der konventionelle Kraftwerkspark etwas flexibler geworden ist. Das ist deshalb gut, weil in der Flexibilisierung der Stromerzeugung die große Herausforderung der kommenden Jahre liegt.

Bundesregierung sieht sich auf dem richtigen Weg – andere haben da ihre Zweifel

Während die Agora nur den Stromsektor unter die Lupe nimmt, muss die Bundesregierung das Gesamtwerk Energiewende im Blick behalten. Daher hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie unter dem Titel „Die Energie der Zukunft“ im Dezember 2014 zum ersten Mal Öffnet den Link in einem neuen Fenstereinen Fortschrittsbericht zur Energiewende vorgelegt. Neben einer Bestandsaufnahme des in den Sektoren Strom, Wärme und Verkehr bisher Erreichten stellt der Bericht noch einmal die Ziele der Energiewende dar und beschreibt, was aus Sicht der Bundesregierung notwendig ist, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Trotz aller schönen Prosa wird in diesem Bericht von Anfang an klar, dass es an ziemlich vielen Ecken und Enden hapert mit der Umsetzung der Energiewende. Daher stellt der Bericht im Ausblick fest: „Vieles ist noch zu tun.“ In der Tat. So hängen wir bei der Senkung des Primärenergieverbrauchs weit hinter den Zielen her. Unter Primärenergie versteht man laut Umweltbundesamt „[d]ie benötigte Energiemenge, die mit den natürlich vorkommenden Energieformen bzw. Energiequellen – etwa aus Kohle, Gas, Öl oder von Sonne, Wind etc. – zur Verfügung steht.“ Der Primärenergieverbrauch sollte nach den Zielen der Bundesregierung bis 2020 gegenüber 2008 um 20 Prozent gesenkt werden. Legt man die tatsächliche Entwicklung der Jahre 2008 bis 2013 zu Grunde, wird aber nur eine Senkung von etwa 7,2 bis 10,1 Prozent erreicht werden, also mit Glück gerade einmal die Hälfte.

Ähnlich ernüchternd ist die Bilanz der Treibhausgasemissionen. Aktuell geht das Wirtschaftsministerium davon aus, dass bei Fortschreibung der bisherigen Entwicklung lediglich eine Senkung um 33 oder 34 Prozent anstatt der als Ziel vorgegebenen 40 Prozent erreicht werden kann.

Das sind natürlich keine zufriedenstellenden Ergebnisse, das muss auch das Wirtschaftsministerium einräumen. Daher hat sich die Regierung auf Maßnahmenpakete verständigt, die es möglich machen sollen, die selbst gesteckten Ziele dennoch zu erreichen. Da die Bedeutung der Aufgabe ja bereits auf den ersten Blick erkennbar sein muss, tragen diese Pakete beeindruckende Namen: Der „Nationale Aktionsplan Energieeffizienz“ (NAPE) und das „Aktionsprogramm Klimaschutz 2020“, durch die die Ziele erreicht werden sollen, klingen nach politischen Meisterleistungen, mit denen die Energiewende vorangebracht werden kann. Ob die Programme dafür wirklich ausreichen, sollen andere beurteilen, was sie auch schon fleißig tun. Allen voran die von der Bundesregierung selbst eingesetzte Expertenkommission, die im November 2014 Öffnet den Link in einem neuen Fensterihre Stellungnahme zum Fortschrittsbericht vorgelegt hat. Die Wissenschaftler haben einiges am Fortschrittsbericht auszusetzen. So vermissen sie jegliche Selbstkritik in dem Dokument, etwa wenn es um die Ursachen für die Zielverfehlungen geht. Schuld sind demnach immer die Anderen (sie sprechen ganz wissenschaftlich von „exogenen Faktoren“), während die Politik der Bundesregierung damit gar nichts zu tun habe. Das sehen die Experten anders, da hätten sie sich mehr Einsicht gewünscht. An den vorgeschlagenen Maßnahmen kritisieren die Experten, sie seien „nicht hinreichend beschrieben und quantifiziert“. In anderen Worten: Die Regierung bleibt vage und schwammig, was die Maßnahmen angeht. Das aber können wir uns angesichts der genannten Zielverfehlungen gar nicht leisten.

Für den Stromsektor, und damit kommen wir nun wieder zu unserem Kerngeschäft, weisen die Experten vor allem darauf hin, dass der im EEG festgelegte Ausbaukorridor für Windenergie von 2.500 Megawatt pro Jahr bedeutet, dass deutlich mehr Kapazität neu errichtet werden müsse. Der Grund dafür liegt darin, dass mehr und mehr ältere Anlagen stillgelegt oder ersetzt werden müssen. Das heißt, dass eine deutliche Beschleunigung des Zubaus an Windenergiekapazität notwendig ist, um die gesteckten Ziele zu erreichen.

Die Energiewende bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Die Agora Energiewende sieht die Energiewende zumindest im Stromsektor auf einem guten Kurs, und in der Tat gibt es einige Entwicklungen, die hoffnungsfroh stimmen. Es gilt nun, den Ausbau der erneuerbaren Energien unvermindert voranzutreiben und in den anderen Sektoren, vor allem bei der Energieeffizienz , die Anstrengungen deutlich zu steigern. Ob die Bundesregierung mit ihren Plänen für diese Aufgabe wirklich gerüstet ist, wird sich zeigen. Die Skepsis ist groß und sicherlich angebracht. Damit will ich nicht kleinreden, dass bereits einiges geschehen ist. Die Herausforderungen werden aber nicht geringer. Wie heißt es in der bereits oben erwähnten Stellungnahme: „Die Expertenkommission übersieht nicht, dass das Ausmaß und die Intensität der Handlungsnotwendigkeiten die Problemlösungskapazität der Regierung wie der Bevölkerung übersteigen könnte.“ Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Übersetzt bedeutet das so viel wie: „Leute, wenn wir die Energiewende wollen, dann müssen wir noch ganz schön viel tun. Da werden wir aber manchem auf die Füße treten müssen, also gibt das Ärger.“ Das ist eine Botschaft, die Politiker nicht gerne hören. Um so wichtiger ist es, dass wir nicht lockerlassen, die Notwendigkeit der Energiewende immer und immer wieder mit klaren Argumenten unterfüttert in die öffentliche Debatte einzubringen. Niemand soll gegen einen Windpark, ein Pumpspeicherwerk oder Energieeffizienzmaßnahmen sein dürfen, ohne dass er erklären muss, wie es denn bitteschön sonst gehen soll. Einfach nur „dagegen“ ist keine Option mehr.


Autor Dr. Stefan Dietrich

Dr. Stefan Dietrich

Als Windwärts Pressesprecher bin ich dafür zuständig, dass die Medien und Menschen vor Ort immer gut über unsere Projekte informiert sind. Das heißt, ich informiere die Lokalpresse über Genehmigungen, Baufortschritte, Inbetriebnahmen u.ä. und empfange Besichtigungsgruppen in unseren Wind- und Solarparks. Darüber hinaus habe ich die aktuellen Entwicklungen der Branche im Blick (den Dr. habe ich schließlich in Politikwissenschaft gemacht).

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