Anti-Kohle-Kette: ein Sommerwochenende in der Lausitz

29. August 2014 - 14:20 Uhr
von Alexander Klimm
zu  Windwärts unterwegs

  • Anti-Kohle-Kette von Kerkwitz in Deutschland nach Grabice in Polen

Bis jetzt sah es so aus, als könnte der Energiekonzern Vattenfall mit seinen Braunkohleplänen Erfolg haben: Anfang März beschließt die sächsische Landesregierung aus CDU und FDP den Plan für den neuen Tagebau Nochten II. Kurze Zeit später genehmigt die rot-rote Landesregierung in Brandenburg den Braunkohleplan für den neuen Tagebau Welzow-Süd II. Unterdessen laufen die Planungen für den Tagebau Jänschwalde-Nord weiter. Damit könnten die riesigen Braunkohlekraftwerke in der Lausitz bis weit in die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts hinein gesundheits- und klimaschädlichen Strom erzeugen. Dabei verstopft Braunkohlestrom schon heute häufig die Netze und passt sich nicht flexibel an die fluktuierenden erneuerbaren Energien an. Die deutschen Klimaschutzziele werden so wohl eher nicht erreicht – und der Umbau des Stromsystems auf Basis erneuerbarer Energien würde behindert.

Grund genug, mich am 23. August gemeinsam mit Klimaschützern aus Hannover, Hildesheim und Hameln mit einem Reisebus auf den Weg in die Lausitz zu machen. Dort wollen wir uns unter dem Motto „Gemeinsam für die Energiewende“ mit tausenden Menschen versammeln, um im deutsch-polnischen Grenzgebiet nordöstlich von Cottbus eine Öffnet den Link in einem neuen Fensterkilometerlange Menschenkette zu bilden. Als wir mittags ankommen, reihen sich viele bereits ein in die acht Kilometer lange Kette von Kerkwitz in Deutschland bis Grabice in Polen: zwei Orte, die direkt betroffen wären und von der Landkarte verschwänden.

Mitten im Grenzfluss Neiße wird die Menschenkette verbunden

Einige sind zu Fuß und auf Fahrrädern aus der direkten Umgebung gekommen. Andere haben sich in Autos, Bussen und Zügen aus ganz Polen und Deutschland sowie 25 weiteren Ländern auf den Weg gemacht. Wir selbst stehen kurze Zeit später in Groß Gastrose, direkt am Grenzfluss Neiße. Schon bei der Ankunft ist zu spüren: Die Bewohner dieser Gegend sind Ursprung und Teil des Protests. Aus allen Orten sind sie gekommen, um die zum Teil Weitgereisten mit selbst gemachter Linsensuppe und leckerem Himbeerkuchen willkommen zu heißen. Auf diese Weise gestärkt und beseelt bildet die Menschenkette den Auftakt für ein wunderbares Wochenende.

Die für den motorisierten Verkehr gesperrte Landstraße ist so gut besucht, dass an manchen Stellen gut und gerne zwei Ketten hätten stehen können. Verschiedenste Sprachen und Dialekte sind zu hören, der erste Satz auf Deutsch oder Englisch lautet meist: Wo kommt ihr her? Wie lang seid ihr gefahren? Kurze Zeit später macht die Nachricht die Runde: Über 7500 Menschen haben die Kette geschlossen und das auf ganz besondere Art und Weise. Einige Aktivisten stehen mitten in der Neiße, um die beiden Streckenabschnitte in Deutschland und Polen dort zu verbinden. Und das an einem geschichtsträchtigen Datum: dem 75. Jahrestag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes, der unter anderem die Aufteilung Polens vorgesehen hatte. Heute kommen Deutsche und Polen friedlich zusammen, um gemeinsam die Heimat zahlreicher Bewohner der Lausitz zu beschützen.

Mit einem Festival feiern alle den grenzübergreifenden Protest

Direkt im Anschluss geht es per Bus in das Öffnet den Link in einem neuen FensterLausitzer Klima- und Energiecamp bei Kerkwitz, wo wir die Zelte aufschlagen. Kurze Zeit später sitzen wir wieder im Bus und machen uns auf den Weg an einen anderen außergewöhnlichen Ort: das Gelände des ehemaligen Grenzübergangs bei Sekowice (Gubinek). Hier finden die Öffnet den Link in einem neuen FensterAbschlusskundgebung und das Endcoal-Festival statt. Der Weg vom Busparkplatz führt über die Grenzstraße und wird von militärisch anmutenden Sicherheitsleuten flankiert. Aktionen dieser Art sind sie vermutlich nicht gewohnt.

Wie erwartet bleibt es friedlich – und zu den fröhlichen Bassläufen der Öffnet den Link in einem neuen FensterAsian Dub Foundation können auch die uniformierten Sicherheitskräfte nicht anders als mit zu wippen. Auch im Publikum gibt es kaum jemanden, der sich dem Stilmix des politisch engagierten Kollektivs aus London entziehen kann. Umgekehrt ist die Band hörbar begeistert von der Stimmung, dem Engagement der Menschen und dem außergewöhnlichen Auftrittsort. Unentwegt würdigen sie den zivilen Protest und betonen, wie sehr ganz besonders diese Zeilen aus einem ihrer frühen Songs zu dem Tag passen:

 No borders, only true connection |
 This generation has no nation |
 Grass roots pressure the only solution

Angesichts dieser Stimmung will Petrus nicht den Buhmann spielen: Es ist warm und es regnet nur dann, wenn wir auf dem Weg zum nächsten Ziel im Bus sitzen. Das gilt auch für den darauf folgenden Tag, an dem wir am Öffnet den Link in einem neuen FensterBraunkohletagebau Jänschwalde haltmachen. Zu hören ist nur der Wind, ansonsten herrscht Stille angesichts der kilometerweit sichtbaren Abbaggerung, die immer weiter an Sinn verliert.

Damit die Lausitz eine Zukunft hat: den Strukturwandel anpacken

Es ist höchste Zeit, für die notwendige Strukturänderung zu sorgen und zukunftsfähige Konzepte vor allem für den in der Braunkohlewirtschaft arbeitenden Teil der Bevölkerung zu schaffen. Hierbei spielen die erneuerbaren Energien eine wichtige Rolle. Bereits heute sind Windräder und Photovoltaikanlagen ein selbstverständlicher Teil der Landschaft. Orte wie Proschim südlich von Cottbus machen es vor: Der ebenfalls von der Abbaggerung bedrohte Ortsteil von Welzow erzeugt schon jetzt mehr Energie aus erneuerbaren Energien als er verbraucht. Nicht weit entfernt in der Gemeinde Lauchhammer betreibt der Windenergieanlagenhersteller Vestas ein Rotorblattwerk– passenderweise auf dem Areal einer ehemaligen Brikettfabrik.

Die Rückfahrt wollte aufgrund zahlreicher Staus nicht so recht zu dem Wochenende passen, aber nichtsdestotrotz: Ich behalte meinen Ausflug in die Lausitz und deren wunderbaren und engagierten Bewohnern in bester Erinnerung. Und die Lausitzer wissen nun ein buntes und breites Bündnis hinter sich, deren Protest selbst an Grenzen nicht haltmacht.


Autor Alexander Klimm

Alexander Klimm

Nach meiner Selbständigkeit als Eventmanager und anschließendem Bachelor in Public Relations verbinde ich bei Windwärts diese beiden Fäden. Daraus webe ich mit Vorliebe ganzheitliche Kommunikationslösungen für unser Unternehmen und unsere Projekte. Ein besonderer Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf dem Dialog zwischen unserem Unternehmen und den Beteiligten an den Projektstandorten.

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