Zwischen Zerstörung und Widerstand – Eine Woche im Lausitzer Braunkohlerevier

25. November 2013 - 11:46 Uhr
von Gastautorin Claudia Krieg und Fotograf Mark Mühlhaus
zu  Branche der erneuerbaren Energien

  • Der Sedlitzer See in Brandenburg, ein Flutungssee - entstanden durch den Braunkohleabbau in Brandenburg, mit Schild „Betreten verboten“ in der Nähe von Welzow-Süd. © Mark Mühlhaus/attenzione/Agentur Focus

Der Öffnet den Link in einem neuen FensterBraunkohleabbau zerreißt die Lausitz. Seit über 100 Jahren leiden nicht nur die Landschaft, sondern auch die Menschen, die ihre Heimat lieben, aber von der Kohle leben. Wir, Mark Mühlhaus (Fotos) und Claudia Krieg (Text), waren sieben Tage lang auf Spurensuche in einer Gegend, in der der Widerstand wächst, der Raubbau auf Kosten von Natur, Klima und Menschen aber trotzdem weitergeht.

Von Lieske nach Haidemühl – 1. Etappe im Gebiet des geplanten Tagebaus „Welzow-Süd – Teilgebiet II“

Ende April 2013 stehen wir am Sedlitzer See, einem von vielen gefluteten Tagebauseen südwestlich von Spremberg: Die Forsythien blühen, das Wasser glitzert einladend, Mark spricht gleich etwas übermütig von Baden gehen. Aber das Schild „Betreten verboten“ macht klar, dass es sich beim Sedlitzer See nicht um einen Badesee handelt – der pH-Wert des Wassers, das die ehemaligen Kohlegruben aufgefüllt hat, liegt in etwa beim Säuregrad von Essig, erzählen uns später unsere Gesprächspartner.

Es sind die ersten warmen Tage nach dem langen Winter, Mensch und Natur atmen auf. Am Rand des Sedlitzer Sees liegt das Dörfchen Lieske. Hier holen manche Menschen in diesem Frühjahr wohl besonders tief Luft. Lieske droht zu einem sogenannten „randbetroffenen“ Dorf zu werden. Es soll an der Kante des Öffnet den Link in einem neuen Fensterzukünftigen Tagebaus „Welzow-Süd – Teilgebiet II“ auf einem bis zu 600 Meter schmalen Damm zwischen dem Sedlitzer See und dem tieferliegenden Tagebau liegen. Noch ist das Tagebauvorhaben Vattenfalls nicht genehmigt, aber einen halben Kilometer hinter den Häusern setzen im Auftrag des Konzerns schwere Maschinen bereits eine „Dichtwand“ etwa 100 Meter tief in den Erdboden. Die soll Lieske davor bewahren, ins Rutschen zu geraten, wenn sich der Tagebau auf den See zubewegt und die Gefahr besteht, dass durchsickerndes Wasser den schmalen Damm zum Einsturz bringt. Dass diese Dichtwand hält, kann niemand garantieren. Mehrere Öffnet den Link in einem neuen FensterGreenpeace-Gutachten warnen vor der Annahme, dass die Maßnahme langfristig die Zerstörung des Dorfes verhindern kann. Aber der Stromkonzern will Fakten schaffen – kein Zweifel darf daran bestehen, dass der jetzige Tagebau Welzow ab 2026 erweitert wird und deswegen soll am besten noch in diesem Jahr eine Entscheidung herbeigeführt werden.

Auch ohne Tagebaugenehmigung – Vattenfall schafft Fakten

So wie jetzt schon einmal prophylaktisch die Dichtwand in Lieske gebaut wird, so wurde vor acht Jahren das Öffnet den Link in einem neuen Fensterehemalige Glashüttendorf Haidemühl „devastiert“, das heißt unbewohnbar gemacht. Was vom Dorf noch übrig ist, erinnert uns an Geisterstädte nach einem atomaren Supergau – nicht zuletzt, weil Schilder vor „Kontaminiertem Gelände“ warnen: Verlassene Häuser, in denen noch die Gardinen aus den Fenstern wehen, Schriftzüge, die vom Protest zeugen, hier und da Zeichen der Menschen, die einmal hier gewohnt haben: Kinderspielzeug, Gartenwerkzeuge. Wir laufen durch eine Stille, die nur vom entfernt ratternden Tagebau-Geräusch unterbrochen wird. Über lange Jahre wehrten sich hier die etwa 400 Bewohner und Bewohnerinnen gegen den erzwungenen Umzug und die Zerstörung ihres Ortes für den Tagebau Welzow-Süd, der nicht einmal genehmigt war.

 

„Die Methode der Umsiedlung“, so erzählt Johannes Kapelle aus dem Öffnet den Link in einem neuen FensterNachbardorf Proschim, „war folgende: Vattenfall erhob eine Umfrage, die ergab, dass niemand weg will. Dann gab es eine Umfrage, in der nicht mehr stand 'Entweder-Oder', sondern nur noch 'Wo wollen Sie hinziehen?'. Daran nahmen 20 Prozent der Menschen teil. Für ungültig wurden alle die Stimmen erklärt, die sagten 'Wir wollen bleiben'. So sprachen sich 60 Menschen für einen neuen Dorfstandort Sellessen aus. Leuten, die trotzdem nicht gehen wollten, wurde angedroht, dass sie ihre Stelle verlieren würden, man hat Druck ausgeübt – auch durch Einzelgespräche. Am Ende hieß es 'Wir sitzen alle in einem Boot' und alle mussten mit, obwohl sich der Großteil gegen die Umsiedlung aussprach – denn nur dann bekamen nicht nur die, die nach Sellessen ziehen, die Entschädigung, sondern auch die anderen. Und so zog schließlich das ganze Dorf um und bekam sechs Millionen Euro für einen Turm, ein Gemeindehaus, ein Vereinshaus und ein Holzheizhaus. Aber trotz allem: Es ist nicht dasselbe Dorf. Und die Frage bleibt: Warum mussten wir umziehen, wenn doch noch gar nichts passiert ist?“ Johannes Kapelle ist Organist in der Kirche in Proschim.

Auch Proschim, zwei Kilometer von Haidemühl entfernt, ist vom Tagebau Welzow-Süd II bedroht, aber hier liegen die Dinge ein wenig anders. Wie, das können Sie morgen in unserer 2. Etappe von Haidemühl nach Proschim lesen.


Gastautorin Claudia Krieg

Freiberufliche Redakteurin und Journalistin Claudia Krieg

Claudia Krieg arbeitet als freiberufliche Redakteurin und Journalistin. Ihr Interesse gilt vor allem der Literatur und dem Film, migrations- und geschichtspolitischen Themen, und darin nicht zuletzt einem positionierten Schreiben zu Menschen- und Bürgerrechten. Ihre Texte kann man unter anderem im Blog Öffnet den Link in einem neuen Fensterpreposition lesen.


Fotograf Mark Mühlhaus

Fotograf Mark Mühlhaus

Mark Mühlhaus konzentriert sich darauf, mit Bildern Geschichten zu erzählen. Soziale und historische Themen, Politik der kleinen Leute, Protestformen, Menschen verschiedener Länder und das Thema Energie machen kontinuierlich einen großen Teil seiner photographischen Arbeit aus. Auch unterrichtet er in Kooperation mit Schulen und Stiftungen Photographie. Mark Mühlhaus ist Gründungsmitglied des Kollektivs Öffnet den Link in einem neuen Fensterattenzione photographers und wird von der Agentur Focus vertreten.



Kommentare

von rosi am 25. November 2013 - 19:14 Uhr

in diesem sommer war das klimacamp in proschim und von dort aus besuchten wir auch den ort lieske. das wetter war toll, der see war spiegelglatt und doch stimmte etwas nicht.
erst nach einiger zeit merkten wir, dass normales natürliches "uferleben" fehlte. keine typischen insekten und pflanzen, die man sonst gar nicht wahrnimmt, weil ja selbstverständlich - aber hier fehlte alles. ist das die zukunft der lausitz?
leere?

von Claudia Krieg am 25. November 2013 - 15:41 Uhr

Sehr geehrter Herr Stock,
diese Nutzung ist geplant. Das sagt Ihnen aber auch ein Blick auf die von Ihnen angegebene Website. Worüber diese nichts aussagt, ist die aktuelle Wasserqualität. Besten Gruß

von Willi Stock am 25. November 2013 - 15:08 Uhr

PH-Wert von Essig? Gehört Recherche nicht zum Journalismus?
Der See ist nach der Flutung ein Sport und Badesee http://www.sedlitzersee.com/

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