Was läuft schief bei der Energiewende? Nachgefragt bei Hans-Josef Fell

19. Juni 2014 - 11:28 Uhr
von Kathrin Hoffmann
zu  Branche der erneuerbaren Energien

Im Rahmen der Intersolar 2014 in München interviewten die Öffnet den Link in einem neuen FensterEnergieblogger Hans-Josef Fell, Energiepolitiker der Grünen und einer der Väter des EEG. Im Gespräch wurde deutlich, dass bei der Energiewende in Deutschland und Europa aktuell sehr vieles schief läuft, wobei die geplante Eigenverbrauchsabgabe für Photovoltaikanlagen nur die Spitze des Eisbergs ist. Die wichtigsten Punkte, die Hans-Josef Fell im Interview aufgeführt hat, habe ich im Folgenden zusammengefasst:

Fossile und atomare Energien werden nach wie vor massiv subventioniert

„Um die Energiewende voranzutreiben, müssten die hohen Subventionen für das fossile und atomare System abgeschafft werden. Jede Tonne CO2-Emissionen weltweit wird mit 100 US Dollar direkt aus Steuergeldern subventioniert – eine vollkommen abstruse Situation. Währenddessen werden die erneuerbaren Energien als großer Subventionsempfänger diffamiert. Das sind sie nicht. Es sind die fossilen, die uns das Leben so schwer machen.

Wir geben in Europa insgesamt 500 Milliarden Euro für den Import fossiler Ressourcen aus. Das ist die Hauptursache für die Staatsverschuldung der europäischen Länder. Wir bräuchten keine Euro-Rettungsschirme, wenn die Staaten diese Subventionen Zug um Zug abschaffen und dadurch unabhängig werden würden. Aber nein, die G7 saß aktuell wieder zusammen und suchte nur nach neuen Gasquellen, Erdölquellen und Kohlegruben, anstatt endlich einen klaren, strategischen Weg für einen schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz auf den Weg zu bringen.

Darüber hinaus ist es vollkommen verrückt, dass der Euratom-Vertrag aus den 50er-Jahren mit dem Ziel eines starken Ausbaus der Atomenergie nach wie vor gültig ist, obwohl die meisten der Vertragsstaaten Atomausstiegsbeschlüsse haben oder gar kein Atomkraftwerk besitzen. Trotzdem finanzieren die Staaten weiterhin Neubau, Forschung und Entwicklung und die Förderung der Atomenergie. Für erneuerbare Energien gibt es so etwas nicht, aber genau das bräuchten wir – so etwas wie ein europäisches Gesetz, das Einspeisevergütungen für alle europäischen Länder verpflichtend macht, anstatt auf untaugliche Quoten- und Ausschreibungssysteme zu setzen. Und wir brauchen im Bereich erneuerbarer Energien Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie die Ausbildung von Unternehmen und Menschen.“

Der Ausbau erneuerbarer Energien wird massiv bekämpft

„Stattdessen sehen wir in Europa eine völlige Kehrtwende. In Ländern wie Spanien, Portugal, Griechenland und Tschechien hat die Atom- und Kohlewirtschaft die Regierungen so stark beeinflusst, dass diese die erfolgreichen Erneuerbare-Energien-Gesetze nicht nur wieder abgeschafft haben, es gab auch rückwirkende Eingriffe ins Eigentum – obwohl dieses verfassungsrechtlich geschützt ist – mit der Folge von Enteignungen und Konkursen. Eine für die Gesellschaft so wichtige Entwicklung wurde einfach kaputt gemacht. Unter dem mächtigen Einfluss der Konzerne bedienen sich die Regierungen hier der Methode von totalitären Regimen, der Entmachtung kritischer Gegner durch Enteignungen und wirtschaftlichen K.-o.-Schlag. Durch diese Gesetzesentwicklungen, die allein unter dem Diktat der Atom-, Kohle- und Erdgaswirtschaft laufen, ist unsere Demokratie insgesamt in Gefahr.“

Eigenverbrauchsabgabe für Photovoltaikanlagen dient allein dem Schutz der Kohlekraftwerke und dem Ausbremsen der Energiewende

„Jegliche Abgaben auf Ökostrom passen nicht in die Landschaft. Während die konventionelle Energiewirtschaft stark subventioniert wird und es keine Umlage der von ihr verursachten Schadenskosten gibt, versucht die Regierung bei den erneuerbaren Energien, die die Problemlösung darstellen, neue Einnahmen zu generieren, anstatt die zur Kasse zu bitten, die die großen Schäden verursachen.

Der eigentliche Hintergrund für die Abgaben auf erneuerbare Energien ist der Schutz der Kohlekraftwerke vor den Bürgern, die mit Energiegemeinschaften und Privatinvestitionen das Geschäft der Stromerzeugung in die Hand nehmen wollen. Jetzt sind die Technologien endlich günstig geworden – das was die Gegner seit vielen Jahren gefordert haben – aber es ist nun nicht mehr erwünscht, dass die Konsumenten darin günstig investieren können. Durch die Eigenverbrauchsabgabe wird der Ausbau der Photovoltaik erneut einbrechen. Die Menschen werden nicht in dem Maße wirtschaftlich rentabel investieren können, wie es heute schon möglich wäre. Es geht also allein darum, den steilen Ausbau der erneuerbaren Energien auszubremsen.

Allen Menschen, die sich für die Energiewende engagieren, rate ich: Gehen Sie in die Parteien, denen Sie angehören, und machen Sie intern bewusst, was hier stattfindet. Stoppen Sie über diese politische Arbeit diese Anti-erneuerbare-Energien-Bewegung, die federführend von Gabriel organisiert wird. Vielleicht haben wir noch eine Chance, wenn es viele Protestbriefe und viele Aktivitäten in den Parteigremien gibt und deutlich wird, dass wir uns diese Politik aus Berlin nicht gefallen lassen.

Anti-Energiewende-Kampagnen der Energiekonzerne diskreditieren die erneuerbaren Energien

„Die großen Energiekonzerne haben die Energiewende nicht nur verschlafen, sie haben die Energiewende massiv blockiert. Über 90% der Investitionen in erneuerbare Energien kommen von neuen Akteuren, nicht von den vier Großen. Allerdings dürfen wir nicht akzeptieren, dass aufgrund der Versäumnisse der Vergangenheit diese vier Großen nun versuchen, ihre Interessen über die Politik durchzuziehen und den weiteren Ausbau der Erneuerbaren drastisch einzudämmen.

Wir haben seit vielen Jahren massive Kampagnen der alten Energieversorger gegen die erneuerbaren Energien – mit Falschbehauptungen, mit Wissenschaft, die nicht stimmig ist, mit falscher Einordnung von Zahlen und vieles mehr. Es ist ihnen allerdings bisher nicht gelungen, die Akzeptanz für erneuerbare Energien in der Gesellschaft zu schmälern. Dies kann man nur damit erklären, dass es noch eine andere Informationsgesellschaft bei uns gibt. Diese findet hauptsächlich über das Internet statt, aber auch durch Vorträge, persönliche Gespräche und den direkten Austausch auf Messen. Es ist extrem wichtig, dies zu verstärken und dadurch der Medien- und Marktmacht der alten Energieversorger etwas entgegenzusetzen. Die Energieblogger leisten hierzu einen guten und wichtigen Beitrag. Es ist wichtig, dass die Gesellschaft das Spiel der Energiekonzerne nicht mitmacht.“

Vielen Dank, Herr Fell, für das interessante Gespräch. Wir Energieblogger werden dran bleiben und wir bei Windwärts natürlich auch!

Zur Person Hans-Josef Fell

Öffnet den Link in einem neuen FensterHans-Josef Fell war von 1998 bis zur Bundestagswahl 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages. Seit 2005 war er der energiepolitische Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Fells besonderes politisches Engagement gilt der vollständigen Umstellung der konventionellen Energieerzeugung auf erneuerbare Energien sowie der Akzeptanz des Peak-Oil-Problems in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Er ist neben dem SPD-Abgeordneten Hermann Scheer und anderen einer der „Väter“ des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Außerdem ist er mitverantwortlich für gesetzliche Regelungen und politische Initiativen zur Förderung von Biokraftstoffen.

Im Juni 2013 erschien Fells Buch „Öffnet den Link in einem neuen FensterGlobale Abkühlung: Strategien gegen die Klimaschutzblockade – ökologisch, wirtschaftlich, erfolgreich


Autorin Kathrin Hoffmann

Kathrin Hoffmann

Online-Kommunikation und die große bunte Welt der Social Media – das ist mein Zuhause. Bei Windwärts sorge ich unter anderem für spannende Beiträge in diesem Blog, bunte Bilderwelten auf Öffnet den Link in einem neuen FensterFlickr, inspirierende Filme auf Öffnet den Link in einem neuen FensterYoutube und informative Präsentationen auf Öffnet den Link in einem neuen FensterSlideshare. Ich schaue auch gerne mal über den Tellerrand und freue mich über jeden Austausch, der Ideen voranbringt und Horizonte erweitert.

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Kommentare

von Kathrin Hoffmann am 19. Juni 2014 - 16:57 Uhr

Hallo Herr Stock,

Ihr Kostenvergleich ist etwas zu kurz gedacht, denn 500 Mrd. Euro für fossile Importe sind verlorenes Geld, während die Investitionen in erneuerbare Energien für Wertschöpfung in Deutschland sorgen. Investitionen in erneuerbare Energien sind Investitionen in die Zukunft, in Unabhängigkeit und Versorgungssicherheit. Natürlich ist der Weg zu 100% erneuerbare Energien noch lang, aber nötig und schneller möglich, als viele glauben oder versuchen, uns glauben zu machen.

von Wi.lli Stock am 19. Juni 2014 - 16:22 Uhr

500Mrd € für Energieimporte europaweit? Aber 16 Mrd € für Wind und PV mit 2% des deutschen Primärenergieverbrauchs sind o.k.?

Das ist grüne Politik....

von Kilian Rüfer am 19. Juni 2014 - 13:03 Uhr blog.sustainment.de

Hallo Kathrin,

vieles von dem was Herr Fell sagt erinntert mach an das Bild, dass ich mir selbst gemacht habe. Eigentlich begründet er doch den Kern dessen, weshalb es eine gute Idee ist das Energieblogger-Netzwerk zu machen. Vielleicht ist die Abgabe auf den Eigenstrom nicht nur zum Schutze der Kohlefraft gemacht worden. Es dabei vielleicht auch um den Schutz größerer industrieller Stromkunden. Ich wüsste gerne noch genauer, welche Aufsummierung mit " Jede Tonne CO2-Emissionen weltweit wird mit 100 US Dollar direkt aus Steuergeldern subventioniert" gemeint ist. Ich hoffe, dass die Grünen diesen Mann wieder nach ganz oben nehmen. Er versteht wovon er redet.

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