Was ist dran am Schreckgespenst Infraschall?

25. Februar 2014 - 17:08 Uhr
von Dr. Stefan Dietrich
zu  Wissenswertes zur Windenergie

Ein Gespenst geht um in Deutschland, und es heißt Infraschall. Na ja, eigentlich gibt es ihn sehr wohl. So werden Schallwellen bezeichnet, die so tief sind, dass sie vom menschlichen Ohr nicht gehört werden können, also unterhalb einer Frequenz von etwa 20 Hertz (Hz). Infraschall entsteht überall, wo große Massen in Bewegung sind. Natürliche Quellen sind beispielsweise Stürme, Unwetter, Gewitter oder starke Winde. Menschengemacht entsteht Infraschall zum Beispiel durch Verkehrsmittel, maschinenbetriebene Nutzgeräte – wie Waschmaschinen und Pumpen – durch Beschallungsanlagen oder auch Bauwerke. Gibt man den Begriff aber in einer Suchmaschine ein, dann geht es bei acht von den zehn ersten Treffern um Windenergieanlagen. Wie kommt es, dass sich die öffentliche Wahrnehmung einer solch alltäglichen Erscheinung so auf die Windenergie konzentriert?

Dichtung und Wahrheit

Wer sich die gefundenen Seiten genauer anschaut, muss nicht lange rätseln. Offensichtlich ist es so, dass die Bürgerinitiativen gegen Windenergie landauf, landab den Infraschall als vermeintliches Argument gegen den Bau neuer Windparks nutzen. Liest man sich die entsprechenden Seiten durch, wird einem Angst und Bange. Anscheinend ist Infraschall besonders gefährlich, wenn er von Windenergieanlagen erzeugt wird, und stellt eine enorme Bedrohung für die Menschen in der Umgebung dar.

Da stellt sich die Frage, was denn die Wissenschaft dazu sagt. Entsprechende Untersuchungen sind schwerer zu finden als die Anklagen der Bürgerinitiativen, aber es gibt sie. Das Ergebnis ist eindeutig, und die bayerischen Landesämter für Umwelt und Gesundheit bringen das in einer Öffnet den Link in einem neuen Fensterzu diesem Thema von ihnen herausgegebenen Broschüre auf den Punkt: „Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Infraschall nur dann Folgen haben kann, wenn Menschen ihn hören oder spüren können. Da die von Windkraftanlagen erzeugten Infraschallpegel in üblichen Abständen zur Wohnbebauung deutlich unterhalb der Hör- und Wahrnehmungsgrenzen liegen, haben nach heutigem Stand der Wissenschaft Windkraftanlagen keine schädlichen Auswirkungen für das Wohlbefinden und die Gesundheit des Menschen.“ Das hängt damit zusammen, dass der Schalldruckpegel, der die Stärke eines Schallereignisses beschreibt, umso höher werden muss, je tiefer die Frequenz wird, damit der Mensch den Schall wahrnehmen kann, auch wenn er ihn nicht hört. Das ist sozusagen die wissenschaftliche Umschreibung für das, was Herbert Grönemeyer seinerzeit in Öffnet den Link in einem neuen Fenster„Musik nur, wenn sie laut ist“ beschrieben hat. Alle bislang an Windenergieanlagen gemessenen Infraschallimmissionen liegen unterhalb der Wahrnehmugsschwelle des Menschen. Damit liegen sie auch deutlich unterhalb des Schalldruckpegels, der beispielsweise in Autos auftritt. Auch eine umfangreiche Öffnet den Link in einem neuen FensterStudie zweier Wissenschaftler der dänischen Universität Aalborg kommt zu diesem Ergebnis. Zwar sagen Hendrik Møller und Christian Sejer Pedersen vom dortigen Institut für Elektronische Systeme, dass sich das Spektrum der von Windenergieanlagen erzeugten Geräusche mit steigender Leistung der Anlagen in der Frequenz nach unten bewegt und weitere Untersuchungen dazu notwendig sind. Zum Infraschall treffen aber auch die beiden kritischen Akustik-Experten eine klare Aussage. Ihren Messungen zufolge sind die Pegel des von Windenergieanlagen erzeugten Infraschalls zu niedrig, um von Menschen wahrgenommen zu werden, weshalb er nicht als Problem angesehen werden kann. Das alles heißt nicht, dass eine Dauerbelastung durch spürbaren Infraschall keine negativen Folgen für Menschen haben kann. Das ist eindeutig bewiesen. Von Windenergieanlagen geht solcher Infraschall aber nicht aus.

Pseudowissenschaft als „Argument“

Warum sind die Windenergie-Gegner trotz all dieser Erkenntnisse dennoch der Auffassung, dass eine vorgebliche Belästigung durch Infraschall als Argument gegen Windenergieanlagen nutzbar sei? Nun, im Wesentlichen funktioniert das so, dass eine Gesundheitsgefährdung durch Infraschall von Windenergieanlagen einfach behauptet wird, egal was an Erkenntnissen vorliegt. Eine der wichtigsten „Zeugen“ der Windenergie-Gegner ist dabei die US-amerikanische Psychologin Nina Pierpoint, Erfinderin des „Wind Turbine Syndroms“, einer angeblich durch von Windenergieanlagen ausgehendem Infraschall ausgelösten Krankheit. Diese hat sie angeblich in einer Studie belegt, die in ihrer deutschen Kurzversion auf vielen Bürgerinitiativ-Internetseiten hinterlegt ist, um die vermeintlichen Gefahren durch die Anlagen zu beweisen. An dieser Stelle zeigt sich deutlich, dass von den Gegnern der Windenergie oft auf Basis purer Behauptungen Stimmung gemacht wird, denn die „Untersuchungen“ von Frau Pierpoint entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage. So findet die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg auf ihren Internetseiten eindeutige Worte:

„Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die Studie offensichtlich gravierende Mängel enthält. Schon die Vorgehensweise, lediglich auf der Grundlage von 23 Telefonaten ohne begleitende medizinische Untersuchungen ein neues Krankheitsbild mit zwölf Leitsymptomen zu entwickeln, mutet abenteuerlich an. Auch die gewagte These, die zwölf Symptome seien auf Infraschall zurückzuführen, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Denn die Autorin hat keinerlei akustische Messungen vorgenommen und auch nicht näher dargelegt, wie es zu einer Störung des Gleichgewichtsorgans kommen soll. Ihre Schlussfolgerungen werden durch die Versuchsdaten in keiner Weise gestützt. Es verwundert daher nicht, dass die Arbeit bis heute in keiner wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht wurde. Das angebliche Krankheitsbild ist wissenschaftlich nicht anerkannt.

Öffnet den Link in einem neuen FensterFazit: Ein „Windturbinen-Syndrom“ gibt es nicht.

Dennoch wird dieses angebliche Syndrom ebenso wie die nicht nachweisbare vermeintliche Gefährdung der Gesundheit der Anwohner immer wieder gegen Windenergie-Projekte ins Feld geführt, und viel zu oft bleiben diese Behauptungen unwidersprochen. Wer sich eingehend mit dieser Fragestellung beschäftigt, findet aber schnell heraus, dass es in erster Linie um Stimmungsmache geht. Die Internetseite RationalWiki, die sich kritisch mit pseudo-wissenschaftlichen Ansätzen beschäftigt, findet klare Worte für die Mär vom „Wind Turbine Syndrome“: Öffnet den Link in einem neuen Fenster„Es gibt null Beweise dafür, und seine wesentlichen Verfechter sind Menschen, die von ihrem Haus aus keine hohen Metallgebilde sehen möchten.“ Womit die allermeisten Windenergie-Gegner sicherlich treffend beschrieben sind.

Krank durch Angstmache?

Trotz dieser klaren Sachlage gibt es allerdings Berichte über Beschwerden von Menschen, die diese auf in der Nähe gelegene Windenergieanlagen zurückführen. Mittlerweile sind Forscher auch diesem Phänomen auf der Spur. Untersuchungen aus Neuseeland und Australien deuten darauf hin, dass es sich hier um eine Form des Öffnet den Link in einem neuen FensterNocebo-Effektes handelt. Darunter versteht die Medizin eine negative Reaktion auf ein Präparat ohne Wirkung oder auf die gerüchteweise die Gesundheit oder das Wohlbefinden nachhaltig beeinträchtigende Wirkung einer umweltverändernden Maßnahme. Eine an der Universität von Auckland durchgeführte Studie hat im vergangenen Jahr deutliche Hinweise darauf geliefert, dass Öffnet den Link in einem neuen Fenstervermeintlich durch Infraschall hervorgerufene Symptome Ergebnis einer Erwartungshaltung der Menschen sind. Dass dieser Effekt durch intensive Debatten und Proteste gegen geplante Windenergieanlagen ausgelöst wird, legen wiederum Öffnet den Link in einem neuen FensterUntersuchungen des Forscherteams um Professor Simon Chapman von der Universität Sydney nahe. Dieser australischen Studie zufolge werden Beschwerden von Anwohnern erst dann in nennenswertem Umfang geäußert, wenn lokal Anti-Windenergie-Gruppen auf den Plan treten. Im Gefolge der Proteste und der durch sie erst geschürten Ängste treten dann Symptome auf – die Menschen werden im wahrsten Sinne des Wortes krank vor Angst.

Hier sind Informationen gefragt – und zwar fundierte.


Autor Dr. Stefan Dietrich

Dr. Stefan Dietrich

Als Windwärts Pressesprecher bin ich dafür zuständig, dass die Medien und Menschen vor Ort immer gut über unsere Projekte informiert sind. Das heißt, ich informiere die Lokalpresse über Genehmigungen, Baufortschritte, Inbetriebnahmen u.ä. und empfange Besichtigungsgruppen in unseren Wind- und Solarparks. Darüber hinaus habe ich die aktuellen Entwicklungen der Branche im Blick (den Dr. habe ich schließlich in Politikwissenschaft gemacht).

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Kommentare

von Josef Grandy am 25. August 2014 - 16:26 Uhr

Vielen Dank für den aufschlussreichen Beitrag zum Infraschall. Werde diesen gerne bei Diskussionen zu diesem Thema verwenden.

von Roger Kanzenbach am 26. März 2014 - 19:27 Uhr http://de.linkedin.com/pub/roger-kanzenbach/58/788/18a

Herzlichen Dank für diesen interessanten Beitrag. Infraschall war mir als Argument gegen die Windkraft unbekannt.

von Wolfgang Karl Heinrich am 14. März 2014 - 13:25 Uhr

Herr Gebhard,
wie kommen sie auf die unsinnige Behauptung, die Leute von Eike stritten den Klimawandel ab.

Sie tun es nicht!!!

Man kann doch nicht etwas sich stetig wandelndes abstreiten.
Das Klima auf dieser Welt hat sich bisher beständig geändert, so wie das Wetter, welches über einen Zeitraum von 30 Jahren die gemittelte Grundlage für den Begriff Klima darstellt.
Es scheint, sie gehören auch zu den Menschen die angstvoll auf die skeptischen noch denkenden Mitmenschen blicken weil sie womöglich schon unterschwellig spüren, dass ihr Weltbild realitätsfremd ist und deswegen zerstört werden wird.
Selbst ein Herr Sigmar Gabriel merkt schon, dass er mit seiner Politik auf dem Holzweg ist.

Beherzigen sie den Grundsatz " Glauben heißt, nicht wissen"
und machen sie sich unvoreingenommen schlau.
Viel Glück

WKH

von Jörg Metz am 27. Februar 2014 - 21:19 Uhr

Nachdem die "Mär" vom sogenannten "Schlagschatten" der Windanlagen nicht gegriffen hat, jetzt also Infaschall, wer weiß was als nächstes kommt...

von Martin Henze am 26. Februar 2014 - 19:13 Uhr

Eine interessante Erkenntnis in diesem Zusammenhang ist sicherlich auch, dass behauptete "Infraschall-Beeinträchtigungen" in dem Maße abnehmen, in dem Menschen an den Erlösen aus Windenergieanlagen selbst beteiligt sind. Je lauter (und schneller) ein kräftiges Sturmgebraus die Flügel einer Windenergieanlage zu drehen vermag, die in Bürgerhand betrieben wird, desto größer ist erfahrungsgemäß die Begeisterung darüber. Denn dann "hört" man die klingende Münze ins Portemonnaie klimpern.

von Thomas Weiß am 26. Februar 2014 - 14:12 Uhr www.vee-sachsen.de

Vielen Dank für den überaus informativen und lesenswerten Artikel. Hoffentlich werden viele darauf aufmerksam und lesen auch die wissenschaftlichen Studien.

von Manfred P. Gebhard am 26. Februar 2014 - 12:45 Uhr

Zu den Google Treffern
Adressen ansehen:
z.B. EIKE, bekanntermaßen Leute, die den Klimawandel abstreiten.

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