Was brauchen wir für eine erfolgreiche Energiewende? Nachgefragt bei Prof. Dr. Claudia Kemfert

25. Juni 2014 - 13:51 Uhr
von Kathrin Hoffmann
zu  Branche der erneuerbaren Energien

Im Rahmen der Intersolar 2014 in München haben die Öffnet den Link in einem neuen FensterEnergieblogger auch Prof. Dr. Claudia Kemfert interviewt. Sie ist Wirtschaftsexpertin für Energieforschung und Klimaschutz, äußert sich sehr öffentlichkeitswirksam zur Energiewende und entlarvt dabei Öffnet den Link in einem neuen FensterMythen der energiepolitischen Debatte. Im Gespräch mit den Energiebloggern zählte sie viele Maßnahmen und Veränderungen auf, die für eine erfolgreiche Energiewende nötig sind. Die wichtigsten Aspekte, die Claudia Kemfert im Interview nannte, habe ich im Folgenden zusammengefasst:

Nicht nur die Bürger auch die großen Energiekonzerne müssen in die Energiewende investieren

„Es ist wichtig, dass die Energiewende weitergeht, wie sie begonnen hat – nämlich von unten. Die Energiewende findet dezentral statt, mit den größten Investitionen von Privatpersonen. Diese Bürgerenergiewende ist der zentrale Pfeiler. Hinzu kommen nun langsam auch die großen Energiekonzerne, die vor allem im Kraftwerksbau, bei größeren Speichern und Infrastrukturprojekten aktiv sind. Wichtig ist aber, dass diese auch wirklich in die Energiewende investieren. Im Moment blockieren sie sie eher – auch argumentativ. Ich hoffe, dass sich das ändert, damit wir alle Player und genügend Kapital an Bord haben, damit die Energiewende funktionieren kann.“

Das Energiesystem muss komplett umgebaut werden

„Im Moment haben wir Überkapazitäten, also viel zu viele Kraftwerke am Netz und produzieren weit mehr Strom als wir verbrauchen. Wir exportieren diesen Strom zum größten Teil. Diese Überkapazitäten können abgebaut werden,  in dem alte,ineffiziente Kohlekraftwerke vom Netz genommen werden. Ein Kapazitätsmarkt, wie er aktuell diskutiert wird, würde im Moment mehr schaden als nutzen. Er würde herkömmliche Strukturen zementieren, indem alte, ineffiziente Kapazitäten zusätzlich finanziell entschädigt und die für die Energiewende benötigten Gaskraftwerke nicht ins System integriert werden. Und es würde teuer werden. Effektive Kapazitätsmechanismen können zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt notwendig werden, vor allem nach dem Atomausstieg, also nach 2022.

Darüber hinaus muss sich das Energiesystem insgesamt komplett verändern. Die heutigen großen Atom- und Kohlekraftwerke werden durch Erneuerbare-Energien- und effiziente Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen ersetzt. Um alles miteinander zu kombinieren, brauchen wir ein effektives Last- und Energiemanagement, flexible Nachfrage, Preisinformationen in Echtzeit, kurzfristige und langfristige Speicher – eine lange Liste an neuen Technologien und Systemkomponenten, die sich allerdings heute aufgrund der Überkapazitäten noch nicht rechnen. Deswegen ist es wichtig, dass der Markt entsprechend korrigiert und der Rahmen für eine funktionierende Energiewende gesetzt wird.“

Eine erfolgreiche Energiewende ist nur unter Einbezug der Bereiche Wärme und Verkehr möglich

„Im Moment ist die  Energiewende eigentlich gar keine Energiewende, sondern eine Stromangebotswende, da sowohl die Nachfrageseite als auch die Bereiche Wärme und Verkehr keine Beachtung finden. Wir brauchen neben der Energiewende im Strombereich vor allem auch  eine Wärmewende und eine Verkehrswende. Darüber wird noch viel zu wenig geredet. Wir haben in Europa geopolitische Krisen ungeahnten Ausmaßes. Russland könnte uns den Gashahn zudrehen. Darüber hinaus vergessen wir, dass Russland auch unser wichtigster Öllieferant ist. Wir sind immer noch sehr abhängig von Energielieferungen aus dem Ausland und tun viel zu wenig dagegen. In den Bereichen Wärme und Verkehr könnten die Abhängigkeiten deutlich verringert werden. Durch Energieeffizienz, Gebäudesanierung, nachhaltige Kraftstoffe, mehr Wärmedämmung und ähnliche Maßnahmen könnten diese geopolitischen Probleme gelöst werden. Leider werden diese Chancen zu wenig beachtet.“

Europa braucht Energie- und Klimaschutzziele, für die sich Deutschland stark machen muss

EU Parlament Foto: CC BY-SA niksnut

„In Europa haben wir die dringende Aufgabe, die Energie- und Klimaziele fortzusetzen. Die Öffnet den Link in einem neuen Fenster20-20-20-Ziele – 20% Treibhausgasminderung, 20% Energieeffizienz und 20% erneuerbare Energien bis 2020 – müssen unbedingt bis 2030 fortgesetzt werden. Wir brauchen alle drei Ziele und nicht nur das eine Ziel der Emissionsminderung. Gerade für den Ausbau der erneuerbaren Energien brauchen wir in Europa verbindliche nationale und EU-Ziele. Und wir sehen ja, wie wirkungsvoll sich die deutsche Regierung in Brüssel einsetzen kann, wenn es zum Beispiel um die Bekämpfung von Abgasnormen für Autos oder um die Erwirkung von Industrieprivilegien geht. Diesen Einfluss sollte die Regierung auch unbedingt nutzen, um diese drei Energie- und Klimaschutzziele umzusetzen. Deutschland  sollte in Europa aber auch weltweit deutlich machen, dass uns in Deutschland der Klimaschutz weiterhin sehr wichtig ist.“

Wir brauchen mehr Transparenz und Aufklärung in der einseitig stigmatisierenden Energiewende-Debatte

„In der Öffentlichkeit und in den Medien erleben wir eine einseitig stigmatisierende Debatte gegen die erneuerbaren Energien. Dahinter steckt die Strategie zu verwirren und Fehlinformationen zu verbreiten, damit die Menschen verunsichert sind und sich die Akzeptanz der Energiewende vermindert. Daher ist es wichtig, Transparenz zu schaffen – zu erklären, worum es geht und welche Kosten und Investitionen tatsächlich anfallen. Mit dem Thema Strompreis wird ja mehr Verwirrung geschaffen, als dass eine wirkliche Aufklärung stattfindet. Es gibt zum Beispiel Kosten, die wir auch ohne Energiewende hätten: Die Netze sind alt und müssen sowieso renoviert und ausgebaut werden. Auch der Kraftwerkspark in Deutschland ist alt und muss ohnehin erneuert werden. Zudem verursachen auch fossile Energien hohe Mengen an Kosten.

Insofern sind Initiativen wichtig, die über die Vorteile und Chancen der Energiewende informieren und darüber auch die Menschen begeistern. Die Menschen müssen mitgenommen und aufgeklärt werden, denn die Vorbehalte werden jetzt um so größer, je mehr Schwierigkeiten auftreten wie beispielsweise steigende statt sinkende Treibhausgase. Das schmälert die Akzeptanz. Doch die Mehrheit der Bevölkerung ist nach wie vor für die Energiewende, obwohl sie so schlecht geredet wird und so viel Geld in Negativ-Kampagnen fließt. Wir brauchen aber definitiv mehr positive Kommunikation zur Energiewende.“

Vielen Dank, Frau Kemfert, für das interessante Gespräch. Zum letzten Punkt, der positiven Kommunikation zur Energiewende, werden wir hier im Blog und im Netzwerk der Energieblogger weiterhin unseren Beitrag leisten.

Zur Person Prof. Dr. Claudia Kemfert

Prof. Dr. Claudia Kemfert Foto: Roland Horn

Öffnet den Link in einem neuen FensterProf. Dr. Claudia Kemfert leitet seit April 2004 die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin.

Sie ist Wirtschaftsexpertin auf den Gebieten Energieforschung und Klimaschutz. Claudia Kemfert war Beraterin von EU Präsident José Manuel Barroso und ist in Beiräten verschiedener Forschungsinstitutionen sowie Bundes- und Landesministerien tätig. Sie ist eine mehrfach ausgezeichnete Spitzenforscherin und gefragte Expertin für Politik und Medien. Zuletzt erhielt sie die Urania Medaille und den B.A.U.M Umweltpreis in der Kategorie Wissenschaft.

Im Februar 2013 erschien ihr Buch „Öffnet den Link in einem neuen FensterKampf um Strom“, in dem sie die Mythen in der energiepolitischen Debatte beschreibt.


Autorin Kathrin Hoffmann

Kathrin Hoffmann

Online-Kommunikation und die große bunte Welt der Social Media – das ist mein Zuhause. Bei Windwärts sorge ich unter anderem für spannende Beiträge in diesem Blog, bunte Bilderwelten auf Öffnet den Link in einem neuen FensterFlickr, inspirierende Filme auf Öffnet den Link in einem neuen FensterYoutube und informative Präsentationen auf Öffnet den Link in einem neuen FensterSlideshare. Ich schaue auch gerne mal über den Tellerrand und freue mich über jeden Austausch, der Ideen voranbringt und Horizonte erweitert.

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