Sehen und gesehen werden – Das „Landschaftsbild“ als Totschlagargument gegen Windenergie?

15. Oktober 2014 - 17:30 Uhr
von Dr. Stefan Dietrich
zu  Wissenswertes zur Windenergie

  • Windenergie Heidekreis

„Und zwanzig Jahre lang werden wir den verhaßten Schatten dieser verhaßten Säule aus zusammengeschraubten Eisen sich wie einen Tintenfleck ausdehnen sehen.“ Was, abgesehen vielleicht von der etwas altertümlichen Sprache, den Internetseiten von Windenergie-Gegnern entnommen sein könnte, entstammt einem Brandbrief von 1887. Geschrieben hatten ihn eine Reihe bekannter französischer Schriftsteller, Künstler und Intellektueller, darunter Alexandre Dumas und Guy de Maupassant. Ziel ihrer Empörung war aber keine Windenergieanlage, sondern – der Eiffelturm. Das Gebäude, das wir heute als Wahrzeichen der Stadt Paris kennen, stieß vor und während des Baus vielerorts auf Ablehnung, wobei die angeblich bedrohte Schönheit der Stadt als Grund dafür genannt wurde. Nun, der Turm wurde gebaut, der Rest ist Geschichte.

Dieser Exkurs soll eine Erkenntnis illustrieren, die eigentlich eine Binsenweisheit ist: Schönheit liegt im Auge des Betrachters, und die Sichtweise der Menschen auf ihre Umgebung verändert sich im Lauf der Zeit. Dennoch begegnen viele Menschen jeder Veränderung der gewohnten Sichtweisen erst einmal mit Ablehnung. Das gilt für die Gegner des Eiffelturms ebenso wie für die Gegner von Windenergieanlagen. Deren Ablehnung von Windparks in der eigenen Umgebung speist sich im Regelfall aus einer Quelle: Sie möchten die Windenergieanlagen nicht sehen. Da ist von „Verspargelung“ und „Verschandelung“ der Landschaft die Rede und davon, dass die „schöne Natur“ zerstört werde.“ Daher ist es an der Zeit, im Sinne der Aufklärung hier im Blog das Thema "Landschaftsbild" anzugehen.

Was ist Landschaft?

Aber wovon sprechen wir überhaupt, wenn wir von „Landschaft“ reden? Als moderne und Internet-affine Menschen schauen wir natürlich zuerst bei Wikipedia nach. Dem entsprechenden Artikel zufolge „gibt es keine einheitliche Definition, was Landschaft sei“. Das ist schon einmal interessant, denn in den Debatten um Windenergie scheinen manche davon auszugehen, dass schon jeder wisse, was mit Landschaft gemeint sei. Da es keine einheitliche Definition gibt, ist es müßig, hier alle möglichen kultur- und sozialwissenschaftlichen Landschaftsbegriffe durchzukauen. Ich belasse es bei einem Hinweis auf die Herkunft des Wortes. Ob das Wort „Land“ nun eher „Brache“ oder „Rodungsgebiet“ bedeutet wie in germanischen Zeiten oder als Gegensatz zu Wasserflächen oder Städten gebraucht wird, spielt an dieser Stelle keine Rolle. Interessanter ist da schon die Endung –schaft, die darauf verweist, dass das Bezeichnete, also in diesem Falle die Landschaft, durch menschliche Tätigkeit entstanden ist, also geschaffen wurde. Das ist keine Wortklauberei, sondern eine wichtige Feststellung: Die Landschaftsbilder in Deutschland sind durchweg durch uns Menschen geschaffen. Das gilt für industriell geprägte Regionen ebenso wie für den Schwarzwald oder die Mecklenburgische Seenplatte. Dabei hat die Energiegewinnung immer eine wichtige Rolle gespielt: „Jede Form von Energiegewinnung verändert die Landschaft: ihre ästhetische Erscheinung wird seit jeher durch die jeweiligen Formen der Energienutzung gekennzeichnet.“ So heißt es klipp und klar in der Öffnet den Link in einem neuen FensterDokumentation des Workshops „Windenergie und Landschaftsbild“, den die EnergieAgentur.NRW am 11. April 2014 veranstaltet hat. Vom Holzeinschlag für den Kamin über die Windmühlen der Vergangenheit, Stauseen, Fördertürme und Hochspannungsleitungen bis zum Braunkohle-Tagebau, der tiefe Wunden in die Landschaft reißt, die dann vielleicht später als „Bergbau-Folgelandschaften“ zum Baden und Segeln einladen: Die Energiegewinnung und -versorgung haben dieses Land geprägt und werden es auch in Zukunft tun. Die Windenergieanlagen sind ein vergleichsweise neues Phänomen, das aber ebenfalls in dieser Tradition steht. Der Unterschied ist, dass sie für mehr Menschen sichtbar sind als die Kohle- und Atomkraftwerke der Vergangenheit. Damit entstehen offenbar auch mehr Konflikte.

Warum die Konflikte?

Ohne Frage: Windenergieanlagen verändern Landschaften. Bis zu 200 Meter hohe Konstruktionen lassen sich nicht verstecken. Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten, diese Veränderungen zu bewerten. Die Wahrnehmung von Landschaft ist immer individuell, ob etwa ein Bauwerk als „schön“ empfunden wird, hat immer mit individuellen Wertvorstellungen und Erfahrungen zu tun. „Jeder Geist nimmt eine andere Schönheit wahr“, das wusste der schottische Philosoph und Aufklärer David Hume bereits Mitte des 18. Jahrhunderts. Burgen und Burgruinen etwa gefallen heute den meisten Menschen, sie werden touristisch genutzt und gelten als bedeutend für bestimmte Landschaftsbilder, etwa Flusstäler. Ob aber ein Leibeigener im Mittelalter die Burg seines Herrn als schön empfunden hat, ist doch recht fraglich.

Was von der Mehrheit der Menschen als eine „schöne Landschaft“ wahrgenommen wird und was nicht, ist also immer nur eine Art Momentaufnahme. Denn die gemeinsamen Vorstellungen von schöner Landschaft ändern sich im Lauf der Zeit. Vor 200 Jahren etwa fanden die Meisten die Alpen furchtbar. Das kann sich heute höchstens noch der härteste Flachland-Fanatiker vorstellen. Wenn sich die Wahrnehmung von Landschaft ändert, werden auch Begriffe umgedeutet. So steht der Begriff „Natur“ eigentlich für das, was nicht vom Menschen geschaffen wurde. Dies ist aber im allgemeinen Sprachgebrauch längst umgedeutet, was sicherlich damit zusammenhängt, dass es zumindest in Deutschland so gut wie keine Landschaften gibt, die nicht vom Menschen gestaltet sind. Daher sprechen heute viele Menschen von „Natur“, wenn sie land- und forstwirtschaftlich intensiv genutzte Landschaften beschreiben, die sie als schön und friedvoll empfinden, auch wenn sie für die eigentliche Natur, zum Beispiel Wildtiere, eine feindliche Umwelt darstellen.

Werden nun Windenergieanlagen in solchen Landschaften geplant, gibt es immer Menschen, die die Anlagen als fremd, störend oder hässlich empfinden und die damit begründete Ablehnung der Anlagen (und oft der Windenergienutzung insgesamt) mehr oder weniger laut kundtun. Das Werden der Landschaft ist für diese Menschen in dem Moment abgeschlossen, in dem sie sich in dieser Umgebung niederlassen. Dabei behaupten sie in populistischem Grundton gerne, für die große Mehrheit und den „gesunden Menschenverstand“ zu sprechen. Dass das tatsächlich nicht so ist, dafür gibt es Öffnet den Link in einem neuen Fensterviele Belege durch Umfragen, die ich an dieser Stelle nicht aufzählen möchte. Dennoch bleibt das Thema „Landschaftsbild“ der größte Zankapfel, wenn es um Windpark-Projekte geht. Daran hat sicherlich einen Anteil, dass das Wertesystem der Windenergie-Gegner es nicht hergibt, die Anlagen als sinnvolle und sinnstiftende Ergänzung der Landschaft zu sehen. Das übergeordnete Ziel der Energiewende ist ihnen nicht wichtig genug, um das, was sie als Bedrohung ihrer Heimat empfinden, zu akzeptieren oder auch nur zu tolerieren. Die möglichen Auswirkungen des Klimawandels auf das, was wir als Landschaft kennen, spielen in ihren Erwägungen schon gar keine Rolle.

Was tun?

In der gegenwärtigen Gesetzgebung und Raumordnung wird das Landschaftsbild als Schutzgut gewertet. Ob ein Windpark einen gravierenden Eingriff bedeutet, wird anhand eines Kriterienkatalogs abgeprüft. Für den Eingriff muss dann eine Kompensationszahlung geleistet werden. Es ist fraglich, inwiefern die Zahlung eines Ersatzgeldes, das am Ende noch über Landesstiftungen oder Ähnliches an einem anderen Ort eingesetzt wird, die Veränderung eines Landschaftsbildes durch bis zu 200 Meter hohe Windenergieanlagen „kompensieren“ soll. Abgesehen davon scheint mir das Prinzip „Landschaftsschutz“ insgesamt den Aspekt der Veränderung von Landschaften und vor allem von Sichtweisen darauf zu wenig zu berücksichtigen. Konflikte sind durch diese technokratische Herangehensweise ganz offensichtlich auch nicht zu lösen. Die von der Energie-Agentur Nordrhein-Westfalen zum Thema befragten Experten können durchaus mit Lösungsvorschlägen aufwarten, etwa einer planerischen Aufteilung in Erhaltungs- und Veränderungslandschaften oder einer stärkeren Einbindung der örtlichen Bevölkerung in die Landschaftsbewertung mit Hilfe neuer Technologien. Die grundlegenden Konflikte werden so aber nicht gelöst werden. Es werden sich immer Menschen und Organisationen finden, die die Einstufung in die eine oder andere Kategorie kritisieren.

Was bleibt also? Zuallererst müssen wir alle einen Satz beherzigen, den Anja Aster von der EnergieAgentur.NRW formuliert hat: „Windenergieanlagen gehören zu einer zeitgemäßen Kulturlandschaft dazu.“ Sie sind Teil dessen, was in der Landschaftsplanung und -architektur als „postfossile Landschaften“ bezeichnet wird. Die Energiewende führt dazu, dass Energieerzeugung dezentraler wird und damit näher an die Menschen rückt – zumindest an diejenigen, die das Glück hatten, nicht neben einem Atom- oder Kohlekraftwerk zu wohnen und nicht für einen Braunkohle-Tagebau ihre Heimat verlassen zu müssen. Windenergieanlagen verändern Landschaften nicht grundsätzlich, fügen ihnen aber neue und weithin sichtbare Elemente hinzu. „Zeitgemäße Kulturlandschaft“ bedeutet auch, dass unser Verständnisvon Landschaft der Notwendigkeit Rechnung trägt, dem Klimawandel zu begegnen. Das heißt, dass der Klimaschutz als gesellschaftliche Aufgabe den Stellenwert bekommt, der der Herausforderung angemessen ist. Ein solcher Wertewandel wird sich dann auch auf die Einschätzung der Menschen auswirken, was eine „schöne“ Landschaft ist. Wenn die industrialisierte Landwirtschaft als Merkmal „schöner Landschaften“ akzeptiert werden kann, ist das mit Windenergieanlagen auch möglich.

Anzeichen für einen solchen Bewusstseinswandel gibt es viele. Während die eigene Erfahrung mit der Begeisterung von Kindern, die wir zum Beispiel Öffnet den Link in einem neuen Fensterbeim Türöffner-Tag der „Sendung mit der Maus“ erleben, für Windenergieanlagen eher eine anekdotische Untermalung dieser These ist, sprechen wissenschaftliche Untersuchungen da schon eine deutlichere Sprache. Der Physiker und Informatiker Prof. Stefan Wolf von der Hochschule Ostwestfalen-Lippe, der gegenwärtig erforscht, wie sich die Veränderungen des Landschaftsbildes durch den Ausbau erneuerbaren Energien in der Landschaft objektivieren und nachvollziehbar messen lassen, Öffnet den Link in einem neuen Fensterberichtet beispielsweise von ersten Ergebnissen dieser Forschung: „In 40 Jahren werden wir Diskussionen über die Schönheit und ihre Verschandelung durch Windkraft so nicht mehr führen. Und wenn doch, dann wird sie zumindest deutlich weniger emotional geführt werden. Unsere idealisierten Vorstellungen von Landschaft werden sich also irgendwann an die landschaftliche Wirklichkeit angepasst haben.“ Das sind gute Aussichten, auch wenn die Änderung der Sichtweise länger dauert als beim Eiffelturm. Damals verstummte die Kritik weitestgehend, nachdem das Bauwerk eingeweiht worden war.


Autor Dr. Stefan Dietrich

Dr. Stefan Dietrich

Als Windwärts Pressesprecher bin ich dafür zuständig, dass die Medien und Menschen vor Ort immer gut über unsere Projekte informiert sind. Das heißt, ich informiere die Lokalpresse über Genehmigungen, Baufortschritte, Inbetriebnahmen u.ä. und empfange Besichtigungsgruppen in unseren Wind- und Solarparks. Darüber hinaus habe ich die aktuellen Entwicklungen der Branche im Blick (den Dr. habe ich schließlich in Politikwissenschaft gemacht).

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Kommentare

von Peter Wickbold am 28. Oktober 2014 - 10:44 Uhr

Vielen Dank Herr Dr. Dietrich für Ihren sehr informativen Beitrag zum Thema "Landschaftsbild". Hinzufügen möchte ich noch, dass jedes Vorranggebiet für WEA'n eine Kulturlandschaft ist. Von Menschenhand erschaffen. Diese Kulturlandschaften sahen vor 50 Jahren anders aus und werden auch in weiteren 50 Jahren ein anderes Gesicht haben.
Stellen sie doch lediglich ein Abbild der jeweiligen Epoche dar. Wenn sich nun beispielsweise Leute aus der Großstadt für einen Wohnsitz in der ländlichen Idylle entscheiden, weil es dort so romantisch ist, so erhalten sie allerdings von niemanden das Versprechen, dass sich in der von ihnen gewählten Umgebung landschaftsplanerich nie etwas ändern wird. Hier dann anschließend gegen einen geplanten Windpark "Sturm" zu laufen ist weltfremd und der Realität vorbei. Ihnen und Ihrem Team weiterhin gutes Gelingen bei der Umsetzung geplanter Projekte.

von otto f. krammer am 20. Oktober 2014 - 17:03 Uhr

Vor einhundert Jahren, hätte der Umwelt-Nostalgiker noch mehr Chancen gehabt auf elektrischen Strom zu verzichten und es gab in vielen Häusern sogar noch Kienspan und in reichen Familien gab es Kerzenlicht. Damals gab es kaum Nörgler, welche sich über die qualmenden Kohlekraftwerke aufgeregt hatten, welche das Trocknen der Wäsche im Garten verleidet hatten und das Öffnen der Abteilfenster in einer Eisenbahn, war deswegen nicht gestattet, weil def Funkenflug ein Augenleiden hervorrufen konnte.
Heute erleiden die Nörgler sogar eine Augenkrankheit wenn sie eines Windrades ansichtig werden.
Da müssen aber di Psychiater diese Krankheit heilen.

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