Protest aus randbetroffenen Dörfern – Eine Woche im Lausitzer Braunkohlerevier

30. November 2013 - 11:37 Uhr
von Gastautorin Claudia Krieg und Fotograf Mark Mühlhaus
zu  Branche der erneuerbaren Energien

  • Adrian Rinnert und Friederike Böttcher sind Teil der Bürgerinitiative  „Strukturwandel Jetzt! Kein Nochten II“. © Mark Mühlhaus/attenzione/Agentur Focus

Der Öffnet den Link in einem neuen FensterBraunkohleabbau zerreißt die Lausitz. Seit über 100 Jahren leiden nicht nur die Landschaft, sondern auch die Menschen, die ihre Heimat lieben, aber von der Kohle leben. Wir, Mark Mühlhaus (Fotos) und Claudia Krieg (Text), waren sieben Tage lang auf Spurensuche in einer Gegend, in der der Widerstand wächst, der Raubbau auf Kosten von Natur, Klima und Menschen aber trotzdem weitergeht.

Von Bautzen nach Neustadt – 6. Etappe im Gebiet des geplanten Tagebaus Nochten II

Nach der Sitzung des Braunkohle-Ausschusses fahren wir wieder in Richtung des geplanten Öffnet den Link in einem neuen FensterTagebau-Gebiets Nochten II, diesmal in den kleinen Ort Neustadt. Der Tagebauplan sieht zwar nicht dessen unmittelbare Abbaggerung vor, aber Neustadt würde das Schicksal eines „randbetroffenen“ Dorfes ereilen. Für das Lebens- und Wohnprojekt Öffnet den Link in einem neuen Fenster„Eine Spinnerei“, das am kleinen Fluss Struga, einem Zufluss der Spree, liegt, würde das bedeuten, dass es regelrecht „absaufen“ würde. So drastisch formuliert es Adrian Rinnert, der dort mit Freunden und Freundinnen lebt. Das Wasser, das für den Tagebau abgesenkt würde, müsse schließlich irgendwohin, der Struga-Pegel würde ansteigen und das Flüsschen, das jetzt friedlich hinter dem Haus fließt, würde das gesamte Grundstück, Garten und Wohnflächen, überschwemmen.

Auch Lebensgrundlagen in randbetroffenen Dörfern stehen auf dem Spiel

Die Bewohner und Bewohnerinnen haben wir bereits bei der Öffnet den Link in einem neuen FensterSitzung des Braunkohle-Ausschusses vor einigen Stunden als engagierte Sitzungsbeteiligte kennengelernt. Die Idee, eine alte Fabrik in der Lausitz wieder bewohnbar zu machen, kam Rinnert, als er für einige Zeit im Ort lebte und arbeitete. Der 28-Jährige hat damals gemerkt, dass er die Lausitz sehr reizvoll findet – obwohl sie von so vielen jüngeren Menschen in den vergangenen 20 Jahren verlassen wurde. Seit zwei Jahren werkeln er und seine drei Mitstreiter und Mitstreiterinnen an den alten Gebäuden. Der angelegte Garten versorgt sie mit dem notwendigen Gemüse. Leider ist in den vergangenen Monaten für all das nicht viel Platz gewesen. Denn auch die „Spinnerei“ hat sich entschlossen, nicht einfach zuzusehen, wie ihr gerade begonnenes und wachsendes Projekt für Bildungsarbeit und Entwicklung im strukturschwachen ländlichen Raum demnächst „den Bach runtergeht“. „Wir wussten zwar, dass die Tagebau-Planung in dieser Gegend eine Rolle spielt, aber dass wir so schnell so tief mit drinstecken würden, das habe ich nicht geahnt“, erinnert sich Friederike Böttcher. Böttcher ist Sprecherin der vor knapp einem Jahr gegründeten Initiative Öffnet den Link in einem neuen Fenster„Strukturwandel Jetzt! Kein Nochten II“. Sie versucht kritische Stimmen zum Tagebau zu bündeln und möchte vor allem darüber aufklären, dass es auch Alternativvorschläge zu wirtschaftspolitischen Entscheidungen verdienen, gehört zu werden. „Es ärgert mich, dass bei solchen Gremien wie dem Braunkohle-Ausschuss eine Ergebnisoffenheit suggeriert wird, die es nicht wirklich gibt. Stattdessen sieht man sehr deutlich, dass hier intransparente Strukturen Entscheidungen fällen, die dann öffentlich durchgewinkt werden. Andere Argumente müssen sich gegen machtvolle Positionen durchsetzen und wer hier nicht über die entsprechenden Möglichkeiten verfügt, wird einfach nicht gehört.“ Vattenfall fördert diesen Mechanismus – auch weil ein Wirtschaftskonzern über die Mittel verfügt, um die in seinem Sinne auch berechtigten Interessen durchzusetzen.

 

Einschüchterungsversuche der Tagebau-Befürworter gegen eine Bewegung, die ihnen nicht ins Bild passt

Im Bündnis, erzählen die Leute aus der „Spinnerei“, sei jeder und jede willkommen, der sich Gedanken zum Tagebau mache, egal, ob es dabei um Ängste und Sorgen gehe oder um die Suche nach einer Beteiligungsmöglichkeit: „Wir sind in der Initiative alle sehr verschieden, es ist kein Verein, in dem irgendein Vorsitz den Ton angibt, wir organisieren uns freiwillig und basisdemokratisch – wer kommt, der kommt und wer nicht kommt, kommt nicht. Meistens sitzen bei unseren Versammlungen aber eine Menge Leute, auch aus weiter entfernten Gegenden. Wir arbeiten eng mit anderen Gruppen zusammen, wie der Öffnet den Link in einem neuen FensterGRÜNEN LIGA oder der Öffnet den Link in einem neuen FensterKlinger Runde. Vor allem aber diskutieren wir gern, auch mit denen, deren Meinung wir nicht unbedingt teilen.“ Von dieser Seite jedoch werde ihnen, ergänzt Adrian Rinnert, nicht unbedingt freundlich entgegengetreten: „Schon zweimal wurde unser Briefkasten mit Feuerwerkskörpern vom Tor gefetzt oder Exemplare der Zeitung, die wir herausgeben, die Öffnet den Link in einem neuen Fenster„Nochten heute“, lagen angekokelt dort drin.“ Einschüchterungsversuche, die zeigen, dass man die „Spinnerei“ und die Initiative ernst nimmt, aber auch, mit welchen Mitteln sich Tagebau-Befürworter gegen Argumente und eine Bewegung zur Wehr setzen wollen, die ihnen nicht ins Bild passen. So scheint das Thema Tagebau auch unmittelbar mit dem Thema Demokratie verbunden zu sein.

Diesen Eindruck wird unser Besuch in dem Dörfchen Atterwasch bestätigen. Was wir dort erlebten, lesen Sie morgen bei unserer 7. und letzten Etappe von Neustadt nach Atterwasch.


Gastautorin Claudia Krieg

Freiberufliche Redakteurin und Journalistin Claudia Krieg

Claudia Krieg arbeitet als freiberufliche Redakteurin und Journalistin. Ihr Interesse gilt vor allem der Literatur und dem Film, migrations- und geschichtspolitischen Themen, und darin nicht zuletzt einem positionierten Schreiben zu Menschen- und Bürgerrechten. Ihre Texte kann man unter anderem im Blog Öffnet den Link in einem neuen Fensterpreposition lesen.


Fotograf Mark Mühlhaus

Fotograf Mark Mühlhaus

Mark Mühlhaus konzentriert sich darauf, mit Bildern Geschichten zu erzählen. Soziale und historische Themen, Politik der kleinen Leute, Protestformen, Menschen verschiedener Länder und das Thema Energie machen kontinuierlich einen großen Teil seiner photographischen Arbeit aus. Auch unterrichtet er in Kooperation mit Schulen und Stiftungen Photographie. Mark Mühlhaus ist Gründungsmitglied des Kollektivs Öffnet den Link in einem neuen Fensterattenzione photographers und wird von der Agentur Focus vertreten.



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