Panikmache fehl am Platz: Windparks beeinflussen Immobilienpreise nicht negativ

06. Juni 2014 - 10:50 Uhr
von Alexander Klimm
zu  Wissenswertes zur Windenergie

  • Im Interview: Dr. Günter Vornholz, Professor für Immobilienökonomie an der EBZ Business School in Bochum

An manchen Projektstandorten äußern Bürger die Befürchtung, dass ein Windpark den Wert ihrer Grundstücke und Immobilien empfindlich reduzieren würde. Als vermeintliche Belege für diese These werden Internetfundstücke oder Zeitungsartikel angeführt. Leider lassen manche Überschriften wirklich auf einen solchen Umstand schließen. Am 20. Januar 2012 Öffnet den Link in einem neuen Fenstererwähnt „Die Welt“ im Titel eines Artikels über Windpark-Genossenschaften: „Die Dividenden helfen über die Wertverluste der Immobilien hinweg.“

Die Realität ist wie so oft komplex

Eine solche Feststellung wird von Gegnern eines geplanten Windparks natürlich gern genutzt. In diesem Fall ist das besonders ärgerlich, denn der vorletzte Absatz des Artikels gibt selbst Entwarnung und weist auf die wirkliche Ursache eventuell sinkender Immobilienpreise hin: "Bürgerinitiativen können mit ihrer Warnung von einem Wertverlust der Immobilien den von ihnen befürchteten Preisrückgang erst herbeiführen, weil sie potenzielle Käufer abschrecken. Allerdings fängt sich der Markt wieder, sobald die Anlagen errichtet sind und zum Alltagsbild der Region werden“, wird Dr. Günter Vornholz, Öffnet den Link in einem neuen FensterProfessor für Immobilienökonomie an der EBZ Business School in Bochum, zitiert.

Interview mit Immobilien-Experte soll zur Aufklärung beitragen

Die Realität ist also komplexer als es die häufig angeführten Vereinfachungen lokaler Windkraftgegner vermuten lassen. Daher wollte ich es genauer wissen – und habe Dr. Vornholz, der dem Thema vor kurzem einen eigenen Artikel in „Der Immobilien Brief“ gewidmet hat, für unser Blog interviewt:

Herr Dr. Vornholz, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse über den vereinzelt befürchteten schlagartigen Verfall von Grundstücks- und Immobilienpreisen an Windenergie-Projektstandorten liegen tatsächlich vor?

Meines Wissens gibt es keine empirischen Daten zu dieser Fragestellung. Sie wären auch schwer zu erheben, da die Untersuchung bereits vor Bekanntwerden einer Windparkplanung eingeleitet werden müsste. Die Daten müssten während der gesamten Planung und Realisierung bis in die ersten Betriebsjahre erhoben werden, also über einen Zeitraum von gut und gerne zehn bis 15 Jahren. Und während dieses Zeitraums müsste sichergestellt sein, dass es keine anderen Faktoren gibt, die die Werte beeinflussen. Das ist schlicht nicht möglich.

Dennoch sprechen manche Windparkgegner von Zahlen, die ihre Befürchtung belegen würden.

Die meisten Aussagen, die von einem Rückgang der Immobilienwerte durch den Bau eines Windparks sprechen, beziehen sich auf eine Umfrage der Universität Frankfurt bei Immobilienmaklern. Hierbei handelt es sich allerdings um die persönliche Einschätzung dieser Makler und nicht um belastbare empirische Studien.

Ganz im Gegenteil: Die Stadt Aachen hat im Öffnet den Link in einem neuen FensterRahmen einer langfristigen Analyse der Preisentwicklung von Wohnimmobilien rund um den Windpark "Vetschauer Berg" festgestellt, dass aufgrund der vielfältigen und wechselnden Einflüsse auf dem Grundstücksmarkt nicht mit hundertprozentiger Sicherheit beantwortet werden kann, ob die Windkraftanlagen Auswirkungen auf die Preisentwicklung von Immobilien haben. Es sei sogar „höchst unwahrscheinlich, dass die Windkraftanlagen die Werte der umliegenden Wohnimmobilien beeinflusst haben.“ Die Grundstücke, die in der Analyse am nächsten an den Windkraftanlagen gelegen waren, hatten sogar eine positive Tendenz.

Wie sehen die gerade genannten Einflüsse auf den Immobilienmarkt konkret aus und in welcher Weise sind Windenergieanlagen dort einzuordnen?

Auf der Angebotsseite stellen der Immobilienbestand bzw. -leerstand und die jährlich neu hinzukommenden Bauten die wesentlichen Einflussfaktoren dar. Interessant ist, dass auch in ländlichen Gebieten mit zurückgehenden Einwohnerzahlen neue Häuser oder Wohnungen gebaut werden, da sich die Ansprüche und Wünsche der Menschen ändern. Damit steigt aber natürlich auch das Angebot an Wohnraum, was wiederum zu geringeren Preisen führt.

Eine Rolle spielen darüber hinaus die allgemeinen Rahmenbedingungen. Zuerst zu nennen ist die Lage einer Immobilie. Hinzu kommen Umfeld- und Umwelteinflüsse. An dieser Stelle sind Energie- und andere Infrastrukturmaßnahmen zu nennen. Im Gegensatz zu  Umgehungsstraßen, Autobahnen, Flughäfen, Gewerbegebieten oder Großkraftwerken stellen Windenergieanlagen aus meiner Sicht eine sehr geringfügige Beeinträchtigung dar.

Der wichtigste Einflussfaktor ist auf der Nachfrageseite zu finden: die demografische Entwicklung. Viele Menschen wollen heutzutage in der Nähe ihrer Arbeitsplätze wohnen, legen Wert auf eine gute ärztliche Versorgung, Einkaufsmöglichkeiten oder ein gutes Bildungsangebot und wollen daher in oder nahe einer größeren Stadt leben. Vor allem ländliche Regionen haben daher mit dem Wegzug von Bewohnern in großer Anzahl zu kämpfen, was sich in hohem Maße auf die Immobilienpreise auswirkt. Gehen in der Folge auch Angebote wie Bäcker und Supermarkt sowie Kindergarten und Schule verloren, setzt sich eine Negativspirale in Gang.

Unsere Erfahrung zeigt, dass kein Projektstandort gleich ist. Sehen Sie neben dem grundsätzlichen Gegensatz zwischen ländlichen und städtischen Gebieten auch noch regionale Besonderheiten?

Dass die Entwicklung und Attraktivität einer Region eine Rolle spielt, davon ist sicher auszugehen. Interessant ist zum Beispiel, dass ausgerechnet im eher strukturschwachen Ostfriesland, wo vergleichsweise viele Windenergieanlagen stehen, eine positive Preisentwicklung festzustellen ist. In Südniedersachsen dagegen sind außer in der Großstadt Göttingen die Preise für Immobilien rückläufig, obwohl hier weniger Anlagen stehen.

Banken preisen ja eigentlich jegliches Risiko ein. Ist Ihnen bekannt, dass Baufinanzierer geplante Windenergieprojekte als Kriterium für Immobilienkredite verwenden?

Davon habe ich noch überhaupt nichts gehört. Hypothekenkredite für private Häuslebauer basieren zum Beispiel meist auf Standardprogrammen, in denen die Bonität und Solvenz des Eigentümers die entscheidenden Kriterien darstellen. Wenn jemand ein Haus bauen oder erweitern will, um es selbst zu nutzen und nicht nach kurzer Zeit wieder zu verkaufen, dann muss die Bank einen möglichen Wertverlust überhaupt nicht berücksichtigen.

In einem Zitat in der Zeitung „Die Welt“ sprechen Sie von einer kurzfristigen selbst erfüllenden Prophezeiung. Was können wir uns darunter vorstellen?

Ich würde die Effekte geplanter Windparks in unterschiedliche Phasen einteilen. In der ersten Phase, der Projektentwicklung, könnten Bürgerinitiativen mit lautstarken Warnungen vor einem Wertverlust den befürchteten Preisrückgang selbst herbeiführen, da sie Kaufinteressierte abschrecken oder potenzielle Käufer das Argument nutzen, um den Preis zu drücken.

Sind die Windkraftanlagen aber erst mal gebaut und gehen in die Betriebsphase, werden sich die Menschen allmählich an die neuen Rahmenbedingungen gewöhnen. Durch den zunehmenden Ausbau von Windkraftanlagen entsteht darüber hinaus ein Wertewandel. Auf lange Sicht gehe ich daher davon aus, dass der Druck auf die Preise auch im Fall lautstarker Warnungen nur von kurzer Dauer sein wird und sich der Wert der Immobilien wieder stabilisiert.

Wie lautet ihr persönliches Fazit?

Ich halte es für wichtig, während einer Windparkplanung sachlich miteinander umzugehen und bei den Fakten zu bleiben. Panikmache und der Aufbau von Drohkulissen nützt niemandem – erst recht nicht denjenigen, die ihr Haus oder Grundstück vielleicht aus einem wichtigen Grund verkaufen wollen. Viel stärker als ein geplanter Windpark wirkt die demografische Entwicklung eines Ortes auf die dortigen Immobilienwerte.

Ich danke Ihnen für das Interview, Herr Dr. Vornholz.


Autor Alexander Klimm

Alexander Klimm

Nach meiner Selbständigkeit als Eventmanager und anschließendem Bachelor in Public Relations verbinde ich bei Windwärts diese beiden Fäden. Daraus webe ich mit Vorliebe ganzheitliche Kommunikationslösungen für unser Unternehmen und unsere Projekte. Ein besonderer Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf dem Dialog zwischen unserem Unternehmen und den Beteiligten an den Projektstandorten.

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