Dörfer ohne Hoffnung – Eine Woche im Lausitzer Braunkohlerevier

28. November 2013 - 10:55 Uhr
von Gastautorin Claudia Krieg und Fotograf Mark Mühlhaus
zu  Branche der erneuerbaren Energien

  • Günter Spreetz und seine Ehefrau sollen für den Tagebau Nochten II umgesiedelt werden. © Mark Mühlhaus/attenzione/Agentur Focus

Der Öffnet den Link in einem neuen FensterBraunkohleabbau zerreißt die Lausitz. Seit über 100 Jahren leiden nicht nur die Landschaft, sondern auch die Menschen, die ihre Heimat lieben, aber von der Kohle leben. Wir, Mark Mühlhaus (Fotos) und Claudia Krieg (Text), waren sieben Tage lang auf Spurensuche in einer Gegend, in der der Widerstand wächst, der Raubbau auf Kosten von Natur, Klima und Menschen aber trotzdem weitergeht.

Von Welzow nach Rohne und Mulkwitz – 4. Etappe im Gebiet des geplanten Tagebaus Nochten II

Etwa 30 Kilometer von Welzow und Proschim entfernt liegen die Dörfer Rohne, Mulkwitz und Trebendorf – sie alle gehören zur Öffnet den Link in einem neuen FensterGemeinde Schleife. Die Dörfer, wie auch der Ort Mühlrose, der etwas weiter südlich liegt, sollen abgebaggert werden, wenn es den Öffnet den Link in einem neuen FensterVattenfall-Tagebau „Nochten II“ geben wird.

Lange sah es so aus, als würden die Förderanlagen kurz vor Rohne und Schleife zum Stehen kommen: Im Plan von 1994 waren die Orte nur als Vorranggebiet vermerkt. 2006 aber beantragte der Energiekonzern Vattenfall, auch diese Flächen in Anspruch nehmen zu dürfen – unter den schmucken Lausitzer Ortschaften liegen 300 Millionen Tonnen Kohle. Noch stehen hier viele traditionelle wendische Höfe entlang der Straßen. In Öffnet den Link in einem neuen FensterMulkwitz blühen jetzt, bei unserer zweiten Reise in die Lausitz Anfang Juni, bereits unzählige Stauden in den Vorgärten. Niemand ist zur frühnachmittäglichen Stunde auf der Straße zu sehen. Mark fotografiert und spricht schließlich eine alte Frau in traditioneller sorbischer Kleidung in einem Garten an. Nein, sie möchte nicht fotografiert werden, sagt sie und wegen dem Tagebau würde sie sich auch keine Gedanken mehr machen, das erlebe sie ohnehin nicht mehr. Schnell zieht sie das Tor zu ihrem Hof zu, wir scheinen ihr nicht ganz geheuer.

In Mulkwitz haben viele Menschen bereits resigniert

Zweimal noch gehen wir die Dorfstraße hoch und wieder runter, in der Hoffnung, noch andere Bewohner oder Bewohnerinnen von Mulkwitz nach ihrer Meinung zum Tagebau fragen zu können. Manchmal sind die alten Höfe wie Trutzburgen, viele haben keine Klingel, einfach hineingehen mögen wir nicht. Am Ende tritt doch noch ein älterer Mann in seinen Garten. Was er davon hält, dass sein Dorf, sein Haus, sein Garten verschwinden sollen? Ach, winkt er resigniert ab, was solle es schon. Dann komme der Tagebau eben. Er sei schon so alt und er erhalte ja immerhin noch eine Entschädigung. Kämpfen gegen den Tagebau, protestieren? Nein. Das sei zu viel Aufwand und am Ende habe man ja doch keine Chance.

Wir sind nach unseren ersten Begegnungen in der Gegend um Welzow verwundert. Diese Position kennen wir noch nicht und fragen, ob es denn auch Proteste gebe, ob hier in den Dörfern, die einem Nochten II weichen sollen, Menschen sich engagieren? Ja, da gebe es ein Schild bei Öffnet den Link in einem neuen FensterRohne, das stehe schon lange, da wohne sicherlich jemand, der vom Tagebau nichts hält. Wir fahren von Mulkwitz Richtung Rohne, nur wenige Kilometer liegen zwischen den beiden Dörfern. Aber kein Schild ist zu sehen. Wir fahren zurück und fragen noch einmal und erhalten wieder die gleiche Antwort. Ja, doch, da sei ein Schild am Straßenrand, gleich in der Nähe vom Waldstreifen, der den aktuellen Nochtener Tagebau als Sichtschutz begrenzt. Wir nehmen noch einmal einen anderen Weg und stehen schließlich vor einer schon leicht verblassten Tafel: „Umsiedlung schnell und billig – nicht mit uns!“

 

Von Vattenfall fallengelassen

Auf der Einfahrt, die zu einer Hofanlage mit mehreren Wohngebäuden führt, kommt uns Günter Spretz entgegen. Nachdem es den ganzen Tag wie aus Kannen geschüttet hat, zeigt sich gerade jetzt die späte Nachmittagssonne noch einmal und lässt den dunkelblauen Pullover des älteren Mannes, der mit kräftigem Schritt und markantem Bart auf uns zuschreitet, leuchten. Hinter ihm stehen seine Frau und seine kleine Enkeltochter. Trotz der Überraschung sind die Eheleute bereit, uns die Geschichte zu dem Schild zu erzählen, das da vor ihrer Einfahrt steht. Es ist eine recht lange Geschichte, denn sie beginnt bereits Mitte der 1990er Jahre, als der Bergbauplan die Abbaggerung dieses Teils von Rohne für den Öffnet den Link in einem neuen FensterTagebau Nochten I bekräftigte. Die eng beieinander lebende Gemeinschaft von 62 Dorfbewohnern beschloss, sich nicht so einfach umsiedeln zu lassen. „Wir wollten nicht irgendwohin an den Rand einer Stadt oder eines anderen Dorfes, wir wollten weiter so leben wie hier: einfach, mit dem Wald und mit der Ruhe, als gewachsene Gemeinschaft.“

Aber Vattenfall macht keine solchen Entschädigungsangebote. Niemals sei jemand vom Konzern, der seit 1993 die Abbaurechte der Lausitzer Tagebaue eignet, auf die Menschen hier mit ihren Ängsten und Sorgen zugekommen, erzählt Günter Spretz. Niemals in all den Jahren habe er den Eindruck gehabt, dass es ein ernsthaftes Interesse an den Menschen gegeben habe, die einer Veränderung entgegensehen müssen, die sie selbst nie gewollt haben. Den zermürbenden Kampf um ein neues Zuhause führt die Familie Spretz nur noch mit wenigen ihrer Nachbarn und Nachbarinnen. „Die meisten haben aufgegeben und sind in die Neubauten gezogen. Wir suchen auf eigene Faust und hoffen immer noch. Aber es ist eine riesige Enttäuschung – von Vattenfall ist ja nichts zu erwarten, aber auch die örtliche Politik hat uns über all die Jahre einfach im Stich gelassen.“ Es wird Zeit für das Abendessen der Enkelin, wir verabschieden uns. Es wird eine der Begegnungen bleiben, die uns am meisten berühren. Als wir im Abendlicht durch die pittoresken Orte fahren, sagt Mark: „Es ist hier manchmal wie geschminkt. Erst, wenn man näher herantritt, sieht man den Dreck.“

Wie eine Sitzung des Braunkohle-Ausschusses Sachsen abläuft, der über die Zukunft der Region entscheidet, lesen Sie morgen auf unserer 5. Etappe von Rohne nach Bautzen.


Gastautorin Claudia Krieg

Freiberufliche Redakteurin und Journalistin Claudia Krieg

Claudia Krieg arbeitet als freiberufliche Redakteurin und Journalistin. Ihr Interesse gilt vor allem der Literatur und dem Film, migrations- und geschichtspolitischen Themen, und darin nicht zuletzt einem positionierten Schreiben zu Menschen- und Bürgerrechten. Ihre Texte kann man unter anderem im Blog Öffnet den Link in einem neuen Fensterpreposition lesen.


Fotograf Mark Mühlhaus

Fotograf Mark Mühlhaus

Mark Mühlhaus konzentriert sich darauf, mit Bildern Geschichten zu erzählen. Soziale und historische Themen, Politik der kleinen Leute, Protestformen, Menschen verschiedener Länder und das Thema Energie machen kontinuierlich einen großen Teil seiner photographischen Arbeit aus. Auch unterrichtet er in Kooperation mit Schulen und Stiftungen Photographie. Mark Mühlhaus ist Gründungsmitglied des Kollektivs Öffnet den Link in einem neuen Fensterattenzione photographers und wird von der Agentur Focus vertreten.



Kommentare

Keine Kommentare
Kommentar hinzufügen

- Pflichtfeld

Letzte Kommentare

Logo der energieblogger

Sie finden uns auch hier