Erneuerbare Energien in der aktuellen Energie- und Klimapolitik
Ein Interview
Überarbeitung aus: Windwärts Newsletter Nr. 13, Stand: Februar 2010
Der Klimagipfel in Kopenhagen hat gezeigt, wie weit die Menschheit von einer international abgestimmten Klimapolitik entfernt ist. Angesichts der hohen Erwartungen ist das Ergebnis trotz der hochrangigen Teilnehmer und der großen Bemühungen enttäuschend.
Umso wichtiger ist ein entschlossenes Handeln auf nationaler Ebene. In der laufenden Legislaturperiode geht es darum, die positiven Weichenstellungen für die erneuerbaren Energien beizubehalten und neue energiepolitische Entscheidungen konsequent in Richtung einer nachhaltigen Energieversorgung zu gestalten.
Wie steht es mit der Umsetzung dieser Politik? Welche Interessenkonflikte können den Ausbau der erneuerbaren Energien behindern? Lothar Schulze und Roger Lutgen, Gründer und Geschäftsführer der Windwärts Energie GmbH, beleuchten konkrete Themen der aktuellen Energiepolitik im Interview.
Redaktion: Erneuerbare Energien sind eine gute Sache, da sind sich alle einig. Breite Bevölkerungsschichten, Politiker, Unternehmen und Energieversorger stehen dahinter. Herr Schulze, wie sehen Sie die langfristige Rolle der erneuerbaren Energien in der Energieversorgung?
Lothar Schulze: Wir erleben seit 20 Jahren einen stetig wachsenden Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland. War es zunächst vor allem die Windenergie, so sind es seit der Gültigkeit des EEG 2004 in zunehmendem Maße auch die Photovoltaik und die Bioenergie, die zu diesem Ausbau und dem starken technologischen Fortschritt beitrugen. Ermöglicht hat dies ein breiter parlamentarischer Konsens hinsichtlich der Markteinführung der Erneuerbaren.
Mittlerweile beträgt der Anteil an der Stromerzeugung mehr als 15 Prozent! Die politischen Ziele der Bundesregierung nennen einen Anteil von 30 Prozent im Jahr 2020, die Branche der Erneuerbaren geht sogar von 47 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien aus. Damit kommen wir in Größenordnungen, bei denen erneuerbare Energien den größten Einzelbeitrag der Stromproduktion leisten und zum systembestimmenden Faktor werden.
Redaktion: Sie vertreten die Ansicht, dass die laufende Legislaturperiode des Deutschen Bundestages eine besondere Bedeutung für die Zukunft der Energieversorgung und den Ausbau der erneuerbaren Energien hat. Wie kommen Sie zu dieser Überzeugung?
Lothar Schulze: Der Zubau von Kraftwerken ist wegen der langen Laufzeiten und der großen Investitionsvolumina in hohem Maße entscheidend für die zukünftigen Strukturen und Anteile bei der Stromproduktion. Den energiepolitischen Entscheidungen der zukünftigen Bundesregierung kommt daher eine enorm wichtige Bedeutung zu. Ein strategischer Fehler wäre der Neubau von Kohlekraftwerken in größerem Stil, weil diese Kapazitäten zu einem extremen Konflikt zwischen den erneuerbaren Energien und der Kohlewirtschaft führen würden.
Es ist bereits heute so, dass bei einem hohen Angebot von Windenergie hauptsächlich die Leistung von Kohlekraftwerken zurückgefahren wird. Solange ein Vorrang für erneuerbare Energien besteht, sind neue Kohlekraftwerke zukünftig nicht mit ausreichender Sicherheit rentabel zu betreiben. Der Grundsatz „Vorrangige Einspeisung für erneuerbare Energien“ ist aber die wichtigste Voraussetzung für den Ausbau der Erneuerbaren, und damit für die Erreichung der Klimaschutzziele. Die Vorrangregelung muss daher unbedingt erhalten bleiben.
Redaktion: Seit Jahren wird auf das CCS-Verfahren gesetzt, um Kohlekraftwerke umweltverträglicher zu machen. Ist das als Übergangsstrategie zur schnellen Minderung der CO2-Emissionen eine sinnvolle Option?
Roger Lutgen: Die Carbon Capture and Storage-Technologie, auch CCS-Technologie genannt – bezeichnet das Abscheiden von Kohlendioxid aus den Abgasen der Kraftwerke und dessen Lagerung unter der Erdoberfläche. Erstens ist CCS noch weit von der großindustriellen Anwendung entfernt und zweitens wird es enorm energieintensiv sein. Der Wirkungsgrad eines Kohlekraftwerks wird dadurch von 40 auf etwa 25 Prozent sinken. Für die gleiche Strommenge wird also deutlich mehr Kohle gebraucht – und das bei langfristig steigenden Rohstoffpreisen. Berücksichtigt man dann noch die zusätzlichen Kosten für Abscheidung, Transport und Verpressung des Kohlendioxids, führt dies zu einer Verdoppelung der Gestehungskosten für Kohlestrom. Ein so erzeugter Strom wird an einer Strombörse nicht wettbewerbsfähig sein.
Redaktion: Wie erklären Sie sich dann die große Bedeutung, die das Thema CCS in der öffentlichen Diskussion einnimmt?
Roger Lutgen: Die CCS-Technologie ist aus meiner Sicht der Versuch, dem Energieträger Kohle einen grünen Anstrich zu geben. Wir sollten nicht vergessen, dass international die Kohlewirtschaft eine große Bedeutung hat. Allein in China wird jede Woche ein neues Kohlekraftwerk gebaut – mit gutem Profit für deutsche Hersteller von Kraftwerkskomponenten. Das lässt nur den Schluss zu, dass es sich um eine weltweite Marketingstrategie für eine nicht mehr zeitgemäße Methode der Stromerzeugung handelt.
Redaktion: Besonders kontrovers werden die Fragen Ausstieg aus der Atomenergienutzung und Laufzeitverlängerung diskutiert. Herr Schulze, sind diese Fragen bedeutsam für den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien?
Lothar Schulze: Auch Kernkraftwerke sind nicht mit einem zukünftigen, von erneuerbaren Energien bestimmten Versorgungssystem vereinbar, weil sie sich nur sehr eingeschränkt regeln lassen. Aus diesem Grund weist auch die in der Diskussion befindliche Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken in die falsche Richtung und ist zudem nicht erforderlich.
Redaktion: Wie könnte nach Ihrer Einschätzung eine Lösung aussehen?
Lothar Schulze: Eine auf lange Sicht und damit nachhaltig sichere, preisgünstige und umweltfreundliche Energieversorgung lässt sich nur mit einer Versorgung zu 100% aus erneuerbaren Energien darstellen. Die Zukunft liegt in einem intelligenten Zusammenspiel von fluktuierenden Energiequellen wie Wind- und Solarenergie mit speicher- und steuerbaren Energiequellen wie Biomasse und Wasserkraft, Energiespeichern und überregionalem Energieaustausch. Wichtig sind auch die Verbesserung der Energienutzung und ein Verbrauchsmanagement entsprechend dem vorhandenen Angebot aus erneuerbaren Energien.
Roger Lutgen: Praktische Versuche haben bereits nachgewiesen, dass mit einem solchen System eine vollständig auf erneuerbaren Energien beruhende und gesicherte Versorgung möglich ist...
Redaktion: ... während die Diskussion eher von Themen wie der „Stromlücke“ dominiert wird ...
Roger Lutgen: ... um den Menschen Angst zu machen und von der konsequenten Umsetzung einer wirklich zukunftsfähigen Energieversorgung abzulenken!
Redaktion: Was erwarten Sie von der Bundesregierung? Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung enthält einige positive Aussagen wie: „Wir wollen den Weg in das regenerative Zeitalter gehen und die Technologieführerschaft bei den Erneuerbaren Energien ausbauen.“ Und: „Wir werden die erneuerbaren Energien konsequent ausbauen und die Energieeffizienz weiter erhöhen. Ziel ist es, dass die erneuerbaren Energien den Hauptanteil an der Energieversorgung übernehmen.“ Was können Sie dem hinzufügen?
Lothar Schulze: Angesichts des fortschreitenden Klimawandels und der wahrscheinlich rasch wiederkehrenden Turbulenzen an den Öl- und Gasmärkten sind diese Aussagen sehr zu begrüßen. Ich erwarte von der Bundesregierung ein entschlossenes und konsequentes Handeln in Deutschland und im internationalen Zusammenhang. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren! Es ist nicht allein damit getan, dass in Programmen alle hinter den Erneuerbaren stehen. Politiker müssen tatsächlich vorangehen und handeln. Dabei muss der Vorrang für die erneuerbaren Energien zur obersten Leitlinie eines energiepolitischen Gesamtkonzeptes werden.
Roger Lutgen: Und die Politik kann im Bereich der Photovoltaik noch mehr leisten: Es geht um eine produktive Vernetzung von Know How der hochspezialisierten mittelständischen Unternehmen und großer Konzerne. Hier bietet die Innovationskraft des Industriestandortes ein riesiges Potential, Deutschland als Vorreiter bei der Entwicklung innovativer Technologien zu etablieren, um den globalen Markt mit langlebigen und kostengünstigen Produkten zu beliefern. Weltweit haben vor allem die USA, China und Japan die Bedeutung des weltweiten Energiemarktes erkannt und beanspruchen diesen bereits für sich.

Prognose der Entwicklung der Stromerzeugung auf Basis der existierenden gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen
Vgl. Umweltbundesamt, Atomausstieg und Versorgungssicherheit, März 2008




