Bonjour l´Europe – Unterwegs zum Mistral!
Projektentwicklung in Frankreich
Aus: Windwärts Newsletter Nr. 12, Stand: April 2009
Hannover Hauptbahnhof, Sonntag, 22.21 Uhr. Jochen Dietzmann steigt in den Nachtzug nach Paris. Am nächsten Morgen soll es von dort mit dem TGV weiter nach Südfrankreich gehen. Der Schlafwagenschaffner bringt noch eine Flasche Wasser für die Nacht. Mit einem Griff in die Seitentasche holt Jochen Dietzmann alles Notwendige für die lange Fahrt hervor. Am wichtigsten sind ihm seine Ohrenstöpsel. Der Nachtzug ist bereits angefahren.
Dank Mistral und Tramontane gehören einige Gebiete im Süden Frankreichs zu den windreichsten Regionen Europas. Mit Windstärke 4 bis 7 weht es oft wochenlang vorwiegend aus westlicher bis nördlicher Richtung. Diese Windverhältnisse sorgen in Verbindung mit der bestehenden Festpreisvergütung für wirtschaftlich interessante Projekte. Ende 2008 waren in Frankreich 2.350 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von circa 3.400 Megawatt in Betrieb, erst 20 Prozent davon befinden sich in den windreichen Regionen des Südens.
Am Bahnhof „Paris-Est“ angekommen, wird die ruhige Stimmung des Nachtzuges sofort von der quirligen Atmosphäre der Metropole abgelöst. Auf dem Weg zum TGV in Richtung Montpellier besorgt sich Jochen Dietzmann ein Croissant und einen Kaffee. Unterwegs trifft er überraschend einen Geschäftspartner. Spontan nutzen sie die Gelegenheit, um sich kurz über ein Projekt auszutauschen. Die Weiterfahrt dauert vier Stunden. Sie ist ausgefüllt mit der Vorbereitung auf die anstehenden Besprechungen und mit der Beantwortung von E-Mails.
Jochen Dietzmann ist bei der Windwärts Energie GmbH für die Projektentwicklung in Frankreich verantwortlich und einer der Geschäftsführer der Vents d´Oc Energies Renouvelables SARL. Das Tochterunternehmen mit Sitz in Montpellier wurde 2002 mit einem lokalen Kooperationspartner gegründet. Der aus Deutschland stammende Unternehmer Günter Hutter hat bereits vor 25 Jahren in Frankreich Erfahrungen mit einem solarthermischen Testfeld für das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme gesammelt. Mittlerweile sind bei der Vents d´Oc Energies Renouvelables SARL sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Im Jahr 2008 wurde die Projektentwicklung Windenergie durch das Geschäftsfeld Photovoltaik ergänzt. „Wein, Wind und Sonne sind die Schätze der Region Languedoc-Roussillon“, sagt Günter Hutter fasziniert über den südfranzösischen Landstrich.
Für die Projektentwicklung ist der Süden Frankreichs neben guten Windverhältnissen und hoher Sonneneinstrahlung besonders aufgrund seines großen Flächenpotenzials interessant. Die über Jahrhunderte durch Weinbau geprägte Landschaft ist ländlich strukturiert. Ein besonderes Augenmerk bei der Projektentwicklung gilt dem sensiblen Umgang mit der historischen Bedeutung des Landstrichs. In dieser kulturreichen Region finden sich neben archäologischen Stätten in ehemaligen römischen Siedlungsgebieten auch mittelalterliche Bauten. Mancherorts bestehen Einschränkungen der Flächennutzungen, wie beispielsweise durch den Weinbau in günstigen AOC-Lagen* oder durch Naturschutzbelange insbesondere in der Nähe der vogelreichen Mittelmeerküste. Auch dem Landschaftsbild selbst wird ein besonderer Stellenwert beigemessen. Erfahrung in der Bewertung von Projektflächen und eine transparente Kommunikation vor Ort sind daher entscheidende Faktoren für eine erfolgreiche Projektentwicklung.
Jochen Dietzmann koordiniert die Vorarbeiten für die geplante Errichtung eines Windmessmastes. Eine Woche später treffen Wolfgang Roth und Martin Prütz aus Hannover ein und bereiten mit Antoine Maget in einer Mischung aus Französisch, Deutsch und Englisch den Aufbau vor. Bevor die Einzelteile ins Auto verladen werden, wird noch ein letzter Funktionstest durchgeführt. Nach eineinhalb Stunden Fahrt erreicht die Gruppe den Standort in den Pyrénées-Orientales. Der Gittermast besteht aus jeweils 3 Meter langen Segmenten, die Stück für Stück in immer luftigerer Höhe von Hand montiert werden. Ein 30 Meter langer Mast soll so an einem Tag errichtet werden. Die Arbeiten sind fast abgeschlossen. Am Horizont brauen sich dunkle Wolken zu einem Gewitter zusammen. Es wird windig und in einiger Entfernung blitzt es. Der Aufbau muss sofort abgebrochen werden. Am nächsten Tag herrscht wieder strahlender Sonnenschein. Anwohner kommen vorbei, um sich zu informieren. Dann ist es endlich soweit: Der Messmast steht und soll nun mindestens ein Jahr lang Winddaten erfassen.
Die französische Regierung hat Ende des vergangenen Jahres die Festpreisvergütung für Strom aus Windenergieanlagen erneut bestätigt. Das damit verbundene positive politische Signal beflügelt den Windenergiemarkt damit weiterhin. Dieser ist zunehmend auch für Konzerne aus der traditionellen Energiewirtschaft interessant. Sie setzen sich vorrangig für die bau- und planungsrechtliche Ausweisung großer Projektflächen ein und bauen auf ihre langjährigen Kontakte in Politik und Wirtschaft. Mittelständische Projektentwickler vertrauen hingegen auf langjährige Erfahrungen, gute Ortskenntnisse, regionale Kontakte und auf ihre Nähe zur Bevölkerung.
Die erfolgreiche Errichtung des Messmastes beendet das Aufbauteam auf der Terrasse eines Cafés in Montpellier. Jochen Dietzmann wird von seinen Kollegen schmunzelnd aufgefordert, sich während der Besprechung in die Sonne zu setzen: „Mon Dieu! Das geht einfach nicht, dass du so blass nach Deutschland zurückfährst.“
* Appellation d’Origine Contrôlée, in Frankreich eine Herkunftsbezeichnung von kontrollierten Lebensmitteln




