Strom kostet Geld – oft mehr, als wir denken

27. Oktober 2017 - 15:56 Uhr
von Dr. Stefan Dietrich
zu  Wissenswertes zur Windenergie

Die erneuerbaren Energien werden ja in schöner Regelmäßigkeit für so manche Unbill verantwortlich gemacht. So wird der hohe Strompreis von Lobbyisten, Politikern und Medien immer wieder gerne gegen die Energiewende ins Feld geführt. Und auf den ersten Blick ist die Sache ja auch klar: Die so genannte EEG-Umlage ist in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen, und wurde gerade für das Jahr 2018 auf 6,79 Cent pro Kilowattstunde festgesetzt. Das ist ein erklecklicher Teil des gesamten Preises, den die Verbraucher für ihren Strom bezahlen müssen. Da ein Haushalt in Deutschland etwas mehr als 3.000 Kilowattstunden pro Jahr verbraucht, kommen pro Haushalt mehr als 200 Euro pro Jahr zusammen, die für die Förderung der erneuerbaren Energien anfallen. Kein Wunder also, dass die noch verbliebenen Freunde insbesondere des Braunkohle- und Atomstroms unermüdlich darauf verweisen, dass Strom bezahlbar bleiben müsse, und dass die Erneuerbaren doch am Markt gegen die ach so günstigen konventionellen Energieträger bestehen sollen.

Dabei kommt ihnen eine Besonderheit zugute, die sich die Politik für die Förderung der erneuerbaren Energien ausgedacht hat. Deren Kosten sind nämlich transparent und werden über die EEG-Umlage für jedermann sichtbar gemacht (auch wenn die Frage berechtigt ist, ob das wirklich alles „Kosten der Energiewende“ sind, aber das ist ein anderes Thema).

Staatliche Förderung für alle Energieträger

Anders sieht es bei den fossilen Energieträgern und der Atomkraft aus. Denn es ist keinesfalls so, dass mit diesen Energieträgern günstig Strom produziert werden kann und alle glücklich sind. Stattdessen sind die Kosten einfach gut versteckt und werden der Allgemeinheit auf anderem Wege aufgebürdet als über den Strompreis.

Wie das funktioniert, zeigt ganz aktuell die Öffnet den Link in einem neuen FensterNeuauflage der Studie "Was Strom wirklich kostet", die das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) im Auftrag von Greenpeace Energy erstellt hat. Ziel der Studie ist "ein Vergleich von staatlichen Förderungen und gesamtgesellschaftlichen Kosten konventioneller und erneuerbarer Energien", wie die Verfasser schreiben. Die umfangreiche Analyse kommt zu eindeutigen Ergebnissen: Insbesondere die Betreiber von Braunkohle- und Atomkraftwerken haben jahrzehntelang massiv von staatlichen Förderungen profitiert, die teilweise bis heute gewährt werden, und sie verursachen hohe Folgekosten, die auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Im Gegensatz zu den Kosten der erneuerbaren Energien werden diese aber nicht transparent über den Strompreis ausgewiesen, sondern im Staatshaushalt "versteckt".

Die Autoren der Studie identifizieren drei Arten von Subventionen, wobei sie eine weite Definition des Begriffs zugrunde legen. Sie unterscheiden und untersuchen direkte Finanzhilfen, Steuervergünstigungen und "budgetunabhängige staatliche Regelungen", also Förderungen, die sich nicht direkt auf den Staatshaushalt auswirken, aber den Akteuren finanzielle Vorteile verschaffen. Dazu kommen die Folgekosten der Umwelt-, Gesundheits- und Klimaschäden, die durch die Stromerzeugung verursacht werden. Diese werden in der Regel nicht von den Verursachern beglichen, also den Stromerzeugern, sondern der Gesellschaft als Ganzes aufgebürdet. Man spricht hier von nicht internalisierten externen Kosten. Ich möchte nicht im Detail darstellen, was alles unter die oben genannten Kategorien fällt, und welche methodischen Überlegungen dahinter stehen. Wer sich dafür interessiert, kann sich gerne die gesamte Studie zu Gemüte führen. An dieser Stelle müssen einige ausgewählte Beispiele genügen.

AKW Philippsburg Lange üppig gefördert: die Atomkraft, Foto: FarbenfroheWunderwelt/CC BY-ND 2.0/Öffnet den Link in einem neuen Fensterflickr

Zu den direkten Finanzhilfen zählten beispielsweise in der Vergangenheit der "Kohlepfennig" zur Finanzierung des Steinkohleabbaus in Deutschland, während es sich bei der Atomenergie in erster Linie um Forschungsausgaben oder Stilllegungs- und Rückbaukosten handelt. Gerade für die Atomkraft gilt, dass ohne eine massive staatliche "Anschubfinanzierung", die der Steuerzahler zu finanzieren hatte, diese Technologie niemals zum Einsatz gekommen wäre. Steuervergünstigungen erkennt die Studie etwa in der vergleichsweise zu geringen Energiebesteuerung der konventionellen Energieträger oder der Befreiung des Berg- und Tagebaus von der Wasser- und Förderabgabe. Budgetunabhängige staatliche Regelungen finden sich zum Beispiel im Emissionshandel, wo Braun- und Steinkohle bis 2013 davon profitiert haben, dass ihnen kostenlos Verschmutzungszertifikate zugeteilt wurden. Dazu zählen auch die Regelungen bezüglich der Entsorgungsrückstellungen in der Atomindustrie und der Fördermechanismus im EEG, dessen Kosten über die sogenannte EEG-Umlage auf die nicht-privilegierten Stromverbraucher umgelegt werden (die den Anteil der privilegierten Abnehmer gleich mit übernehmen

Folgekosten zahlen alle

Für die Berechnung der externen Kosten, die im Wesentlichen durch den Ausstoß von Schadstoffen und Treibhausgasen entstehen, greifen die Autoren des FÖS auf die Berechnungen des Umweltbundesamtes (UBA) zurück. Demnach verursachen die verschiedenen Energieträger Folgekosten, die sich in der Höhe deutlich unterscheiden. Liegen diese Kosten bei der Wasserkraft bei 0,2 und der Windenergie bei 0,3 ct/kWh, sind es bei der Steinkohle (inkl. des Abbaus in Deutschland) 9,6 und der Braunkohle sogar 11,6 ct/kWh (inkl. Tageba

Tagebau Garzweiler Externe Kosten der Braunkohleverstromung zahlt die Allgemeinheit, Foto: Bert Kaufmann/CC BY-ND 2.0/Öffnet den Link in einem neuen Fensterflickr

Bei Erdgas fallen 5,3 und bei der Photovoltaik 1,3 ct/kWh an. Schwierig wird die Rechnung bei der Atomenergie, da die Schätzungen zu den externen Kosten dort weit auseinanderfallen. Basis dieser Schätzungen sind Annahmen zur Wahrscheinlichkeit und den Folgekosten eines Unfalls, durch den radioaktives Material in die Umwelt gelangt. Diese Annahmen gehen weit auseinander, so dass die Bandbreite der möglichen Folgekosten zwischen 0,1 ct und 3,20 € pro Kilowattstunde liegen. Das UBA schlägt daher vor, behelfsweise den Wert der Braunkohle anzulegen. Diese Kosten werden durch den Emissionshandel und die Energiebesteuerung zu einem kleinen Teil internalisiert, sodass die eingerechneten Beträge etwas unter den genannten Zahlen liegen.

 

Was kostet Strom nun wirklich?

Um die Kosten der unterschiedlichen Energieträger umfassend darstellen zu können, errechnen die Autoren für jede Energieform einen Gesamtbetrag an gesamtgesellschaftlichen Kosten im Untersuchungsjahr 2016. Dieser setzt sich aus drei Elementen zusammen. Neben den bereits genannten staatlichen Förderungen und den nicht internalisierten externen Kosten fließt der Marktwert bzw. Verkaufspreis des Stroms in die Berechnungen ein. Dieser liegt bei den erneuerbaren Energien deutlich höher als bei den konventionellen, da Strom aus Wasserkraft, Wind und Sonne im Regelfall eine feste Vergütung nach dem EEG bekommt. Diese ist über die Jahre kontinuierlich zurückgegangen, zugrunde gelegt werden die im Jahr 2016 durchschnittlich gezahlten Vergütungssätze. Diese liegen für Wasserkraft und Windenergie bei 9,5 ct/kWh, während sie bei der Photovoltaik noch bei 29,2 ct/kWh liegen. In diesem recht hohen Wert spiegeln sich die vergleichsweise üppigen Vergütungssätze der Vergangenheit wider, die dieser Technologie zum Durchbruch verhelfen sollten. Die Vergütungen werden für einen Zeitraum von 20 Jahren bezahlt, daher wirken die sehr hohen Werte der Vergangenheit lange nach. Diese Vergütungssätze sind vor allem dank des schnellen Rückgangs der Kosten und des Wechsels auf ein wettbewerbliches Ausschreibungsregime deutlich gesunken, bei der letzten Ausschreibung für Freiflächenanlagen lag die durchschnittliche Zuschlagshöhe noch bei 4,91 ct/kWh. Für den Strom aus Kohle und Atomenergie wird der durchschnittliche Börsenpreis für das Jahr 2016 in Höhe von 3,1 ct/kWh angelegt.

Rechnet man nun den Stromverkaufswert, die staatlichen Förderungen und die nicht internalisierten externen Kosten zusammen, ergibt sich für die unterschiedlichen Energieträger eine Summe an gesamtgesellschaftlichen Kosten pro erzeugter Kilowattstunde im Jahr 2016. Demnach haben Wasserkraft und Windenergie mit 8,9 bzw. 9,0 ct/kWh die geringsten Kosten erzeugt, während für Stein- und Braunkohle 13,4 bzw. 14,3 ct/kWh angefallen sind. Die Photovoltaik schlägt aufgrund der hohen Einspeisevergütungen der vergangenen Jahre mit 29,7 ct/kWh zu Buche, während es bei der Atomkraft je nach Annahme der externen Kosten zwischen 15,1 und 37,8 Cent sind.

Würden die Kosten der konventionellen Energien wie bei den Erneuerbaren auf die Endverbraucher umgelegt, hätte sich das im Jahr 2016 in einer "Konventionelle-Energien-Umlage" von 11,4 Cent pro Kilowattstunde niedergeschlagen. Es ist anzunehmen, dass die öffentliche Diskussion um die Energiewende dann etwas anders ablaufen würde. Transparenz bei den Kosten ist eine gute Sache, sie müsste aber für alle Energieträger gelten. Denn sonst bietet sich ein verzerrtes Bild, das von Interessengruppen, Politikern und Medien dann auch gerne für gezielte Attacken auf die Erneuerbaren genutzt wird.

Foto oben: Oran Viriyincy / CC BY-SA 2.0 / Öffnet den Link in einem neuen Fensterflickr


Autor Dr. Stefan Dietrich

Dr. Stefan Dietrich

Als Windwärts Pressesprecher bin ich dafür zuständig, dass die Medien und Menschen vor Ort immer gut über unsere Projekte informiert sind. Das heißt, ich informiere die Lokalpresse über Genehmigungen, Baufortschritte, Inbetriebnahmen u.ä. und empfange Besichtigungsgruppen in unseren Wind- und Solarparks. Darüber hinaus habe ich die aktuellen Entwicklungen der Branche im Blick (den Dr. habe ich schließlich in Politikwissenschaft gemacht).

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