Rechenaufgaben mit Sinn - die Projektfinanzierung bei Windwärts

17. Juli 2015 - 08:40 Uhr
von Silvia Augustin
zu  Windwärts – Einblicke ins Unternehmen

Im Rahmen unserer Serie zu den Tätigkeitsbereichen bei Windwärts sind wir nun beim wichtigen Thema Geld angelangt. Darum kümmern sich unter anderem die Kollegen in der Projektfinanzierung. Was die Aufgaben im einzelnen sind und von wem sie Geld beschaffen, darüber habe ich mich mit Tanja Finke unterhalten.

 

Wie bist du zur Windenergie und zu Windwärts gekommen?

Da muss ich mal ein bisschen graben – das ist im Mai schon zehn Jahre her. Ja, wie war das? Ich habe in Hannover Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Umwelt- und Systemmanagement studiert. Da ging es um Zertifikatehandel, Preismechanismen und die Bepreisung von erneuerbaren Energien. Und wie das so ist: Als ich mich nach dem Studium bewerben wollte, habe ich die Stelle des Projektfinanzierers bei Windwärts entdeckt. Ich fand die interdisziplinäre Arbeit und das Unternehmen sehr spannend und habe dann gedacht, dass es eine gute Kombination ist, für die Energiewende und im Bereich Finanzierung zu arbeiten. Damit war der Wunsch nach einer Sinnhaftigkeit der Arbeit erfüllt und ich bin froh, etwas für die Zukunft schaffen zu können.

In welchem Stadium der Projektentwicklung kommt denn die Finanzierung ins Spiel?

Die Projektfinanzierung ist begleitend immer im Spiel, bereits in der Akquise und in der Projektentwicklung. Am Anfang steht die Frage, ob oder zu welchen Konditionen ein Projekt realisiert werden kann. Wir beraten, welche Pachthöhen das Projekt verträgt, und erstellen mit den Akquisiteuren und Projektentwicklern zusammen die Wirtschaftlichkeitsberechnung. Das ist am Anfang recht rudimentär und wird im Projektverlauf immer weiter verfeinert. Ist der Genehmigungsantrag gestellt, übernimmt das Projektmanagement Umsetzung das Projekt. Dann kommen wir „offiziell“ mit einem Arbeitspaket ins Spiel und prüfen: Wie wollen wir das Projekt vermarkten und wie wollen wir es finanzieren? Finanziert MVV Energie? Das sind Fragestellungen, die wir zu Beginn der Umsetzung bearbeiten.

Und wie sehen deine Aufgaben als Projektfinanziererin konkret aus?

Wenn das Projekt an die Projektfinanzierung übergeben wird, erstellen wir zunächst die Wirtschaftlichkeitsberechnung. Anschließend sprechen wir die Zahlen noch mal mit allen im Projektteam (Realisierung, Projektentwicklung, Netzplanung) durch, damit wir eine Basis haben, auf der wir arbeiten können. Das gesamte Projektteam ist beteiligt, die Koordination des Gesamtprojekts läuft über das Projektmanagement. Was die Zahlenwelt betrifft, ist das unser Part. Ansonsten sind wir verantwortlich für die Mittelabrufe, die Zahlungsströme und die Liquiditätsplanung des Gesamtprojekts. Extern gehen wir in eine Ausschreibung unter den Banken, vergleichen die Angebote der Banken und bereiten Entscheidungen vor. Wenn wir uns für eine Bank entschieden haben, bereiten wir die Unterlagen auf, geben sie zur Prüfung weiter und koordinieren die Beantwortung von Fragen. Ist die Entscheidung für die finanzierende Bank gefallen, geht es an die Mittelfreigabe. In dieser Phase sind wir zuständig für die Eintragung der Dienstbarkeiten bei den Notaren und Amtsgerichten und sorgen im Endeffekt dafür, dass die Mittel der Bank frei werden. Im Vertrag mit der Bank gibt es bestimmte Bedingungen, die erfüllt sein müssen, bevor eine Finanzierung ausgezahlt wird. Das ist ein großer Teil unserer Arbeit: die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass alle Punkte für die Mittelfreigabe erledigt sind und diese abgehakt werden kann.

Was genau ist unter Dienstbarkeiten zu verstehen?

Wenn wir ein Standortgrundstück identifiziert haben und der Standort vertraglich gesichert ist, müssen wir uns um die Sicherung im  Grundbuch kümmern. Wir sind nicht Eigentümer des Grundstücks, sondern Pächter. Deswegen brauchen wir für unsere Standorte, die Kabeltrasse, teilweise für die Wege, das Umspannwerk oder die Übergabestation eingetragene Rechte auf den Grundstücken. Es muss also in notarieller Form bestätigt sein, dass wir befugt sind, das Grundstück zu betreten, die Windenergieanlage aufzustellen und zu betreiben. Die Kommunikation mit den Grundstückseigentümern übernimmt weiterhin die Projektentwicklung, da ist die Grenze, aber alles, was Notare und Amtsgerichte betrifft, erledigen wir als Projektfinanzierung zusammen mit unseren Juristen. Dabei spielen auch die Rangverhältnisse eine Rolle. Im Grundbuch hat der, der als Erster eingetragen ist, den höchsten Rang. Wichtig ist es somit, Rangrücktritte zu erwirken. Sind beispielsweise Grundschulden eingetragen, müssten die Banken hinter unser Recht zurücktreten.

Es sind ja große Summen, um die es bei einem Großprojekt wie einem Windpark geht. Womit genau überzeugt ihr Investoren und Banken, in ein Projekt zu investieren?

Der Bankenmarkt, aber auch der Investorenmarkt, ist im Moment sehr heiß auf Projekte. Wir haben daher eher die Situation, dass wir Banken enttäuschen und ihnen für die Finanzierung absagen müssen. Was wir oftmals von den Banken gespiegelt bekommen, ist, dass sie unsere Dokumentation und unsere Arbeitsweise sehr ordentlich und sehr gut finden, sodass sie die Projekte gerne mit uns finanzieren möchten. Da besteht ein großes Vertrauen. Das haben auch die Gespräche gezeigt, die ich nach der Insolvenz geführt habe. Abgesehen davon, dass wir nicht alle Banken berücksichtigen konnten, wollten auch diejenigen, denen wir absagen mussten, die Projekte gerne mit uns umsetzen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir einen ganz klaren Ablauf haben und den Banken deutlich kommunizieren, wie unsere Zeitpläne aussehen und  in welchem Stadium wir was erwarten. Nach den Absagen waren die Banken eher ein bisschen enttäuscht und sagten, dass es schön wäre, wenn sie beim nächsten Mal zum Zuge kämen. Ich sehe im Moment also nicht, dass wir einen Engpass auf der Finanzierungsseite haben.

Inwieweit bezieht ihr Beteiligungen von Kommunen, Stadtwerken, Genossenschaften oder privaten Anlegern in eure Planungen ein?

Das ist ein zunehmend wichtiges Thema, dass sich Stadtwerke, Kommunen oder Grundstückseigentümer vor Ort zusammentun. Da waren wir intern an der Konzepterstellung beteiligt mit der Frage, was bieten wir an, was gibt es für Möglichkeiten. Ein Ansatz, den wir im Team diskutiert haben, ist zum Beispiel ein Sparbrief. Aber auch darüber hinaus sind neue Konzepte gefragt, um die Leute vor Ort einzubinden. Ich befürworte das, weil damit die Akzeptanz für die Projekte erheblich steigt. Was wir auch anstreben, ist eine Zusammenarbeit mit den Banken vor Ort, zumindest in Form einer Teilfinanzierung. Die Kooperation ist bei manchen Banken sehr aktiv, auch wenn das letztlich über die Mutter läuft. Insgesamt bekomme ich zurzeit verstärkt Anrufe von den Banken vor Ort. Sie bitten mich, ihnen Bescheid zu geben, wenn das Projekt beginnt. Ich denke, dass eine Beteiligung vor Ort auf jeden Fall Sinn macht und für alle ein positives Merkmal des Windparks ist.

Tanja Finke

 

Was ist die größte Herausforderung bei der Finanzierung eines Windparks? Oder ist das von Projekt zu Projekt verschieden?

Das ist tatsächlich von Projekt zu Projekt verschieden, weil jedes Projekt seine Eigenheiten hat. Das eine hat einen speziellen Grundstückseigentümer, das andere eine ungewöhnliche Konstellation und das nächste wieder etwas ganz anderes. Ein aktuelles Beispiel ist das Projekt Sylda II, für das wir auf jeden Fall vier Windenergieanlagen finanzieren mussten und eine fünfte eventuell hinzukommen sollte, sodass wir in zwei Varianten denken mussten.

Eine generelle Herausforderung ist es, die Mittelfreigabe zu erwirken und wirklich den letzten Punkt abgehakt zu haben. Ist der letzte Punkt nicht abgehakt, gibt es die Mittel auch nicht, da steht man bei den Banken dann vor verschlossener Tür. Und ob wir diese Punkte abhaken können oder nicht, das hängt tatsächlich von dem einzelnen Projekt ab. Das ist der Grund, warum ich das so gerne mache, weil kein Projekt wie das andere ist, es jedes Mal wieder neu ist und es jedes Mal neue Herausforderungen gibt. Das macht es so spannend, in dem Bereich zu arbeiten, auch auf Dauer.

Welche Voraussetzungen sollte ein Projektfinanzierer in der Windenergiebranche mitbringen?

Er sollte sich auf Neues einlassen und vom Denken her flexibel sein. Wichtig sind auch ein analytisches Zahlenverständnis, eine genaue Arbeitsweise und die Fähigkeit, Stresspeaks aushalten zu können. Es gibt Phasen, in denen viel zu tun ist, und Phasen, in denen weniger zu tun ist – das schwankt mit den Phasen des Projektes. Ansonsten muss eine gewisse Leidenschaft für das Produkt da sein. Für den Kontakt zu den Banken ist es wichtig, ein seriöses Auftreten und ein Verständnis für deren Denkweise zu haben. Warum haben Banken diese Sicherheitsansprüche? Warum prüfen sie alles so genau? Oft geben die Banken zwischen 70 und 80 Prozent des Kapitals in ein Projekt. Ebenfalls wichtig ist es, ein Zahlenverständnis mitzubringen und Spaß daran zu haben, an Zahlen herumzuwerkeln. Und weil wir tatsächlich sehr oft mit juristischen Fragestellungen zu tun haben, ist es hilfreich, wenn der Projektfinanzierer ein juristisches Grundverständnis mitbringt.

Was hat sich für dich denn über die Jahre verändert an deiner Aufgabe als Projektfinanziererin?

Von den Aufgabenstellungen her ist es grundsätzlich ähnlich geblieben, durch die Einführung eines professionellen Projektmanagements gibt es allerdings eine klar definierte Aufgabensplittung. Lange Zeit haben wir ein Team gebildet, das die Projektfinanzierung und -vermarktung vorangetrieben hat. Dazu zählten drei, vier Personen, unter anderem ein Projektentwickler und ein Bauleiter – früher war der Projektentwickler zumeist sogar auch Bauleiter. Durch die Einführung eines professionellen Projektmanagements ist nun klar definiert, wer für welches Arbeitspaket zuständig ist und wer welche Verantwortung hat. Es gibt einen Projektmanager, der alles im Blick hat, was ich für solch große Projekte gut finde, weil es tatsächlich gebraucht wird. Früher machte jeder seinen Teil. Heute gibt es eine zentrale Person, die alle Aufgaben sammelt und verteilt und das Gesamtprojekt mit all seinen Facetten im Blick hat. Das ist sehr wichtig für das Projekt, damit es nicht nur in eine Richtung weitergetrieben und gut strukturiert wird und den passenden Rahmen erhält.

Worin siehst du die größte Herausforderung für die Zukunft, Stichwort Ausschreibungen?

Das Thema Ausschreibungen sehe ich als eine Riesenherausforderung, weil es keiner so richtig abschätzen kann. Dadurch gibt es eine Verunsicherung in der Branche, auch auf Bankenseite. In den Gesprächen, die ich führe, rätselt jeder, wie die Ausschreibung ausgestaltet sein wird. Mich persönlich beruhigt, dass wir die MVV Energie im Rücken haben. Ohne die MVV Energie wäre es jetzt vermutlich schwierig für uns. Ausschreibungen sind also eine Herausforderung und etwas, das im nächsten Jahr weiter durchdacht und immer weiter konkretisiert werden muss – auch in der Politik und den Verbänden. Von daher denke ich, Ausschreibungen sind eine zusätzliche Herausforderung, die wir jetzt angehen müssen.


Autorin Silvia Augustin

Silvia Augustin

In der Öffentlichkeit ein möglichst umfassendes Bild davon zu zeichnen, wer Windwärts ist und was Windwärts macht – das ist mein Anspruch an unsere Kommunikation. Als Pressesprecherin bin ich die richtige Ansprechpartnerin für alle Fragen rund um Windwärts als Unternehmen und in Sachen Öffentlichkeitsarbeit bin ich die erste Adresse für Interessenten im Bereich Spenden, Sponsoring und Umweltbildung.

Silvia Augustin bei Öffnet den Link in einem neuen FensterÖffnet den Link in einem neuen FensterGoogle+ Öffnet den Link in einem neuen FensterTwitter Öffnet den Link in einem neuen FensterXing



Kommentare

von Dr. Stefan Dietrich am 24. Juli 2015 - 15:23 Uhr

Sehr geehrter Herr Dr. Schmidt,

den Beitrag der Genussrechtsinhaber hat sicherlich niemand vergessen. Aber mit der Übernahme durch die MVV Energie AG hat für Windwärts ein neues Kapitel begonnen. Die Mitarbeiter setzen sich mit voller Kraft für den Erfolg des Unternehmens ein, und ja, wir freuen uns, dass wenigstens unsere Arbeitsplätze erhalten werden konnten. Das ist im Übrigen ein wichtiges Ziel der Insolvenzgesetzgebung, und das ist keineswegs lapidar.
Die Genussrechtszeichner sind sicherlich Leidtragende der Insolvenz, aber nicht der Übernahme, denn nur so kann zumindest ein Teil des Geldes zurückgezahlt werden.

von Heinz Schmidt am 22. Juli 2015 - 13:48 Uhr

Wie schön für "Windwärts" und Mitarbeiter, deren Arbeitsplätze erhalten werden konnten - dank der Insolvenz und der Übernahme durch die MVV Energie AG.

Die Leidtragenden sind die weit über tausend Inhaber von Genussrechten, mit deren Kapital bis zur Anmeldung der Insolvenz gearbeitet wurde.
Diesen "Verlustreichen Beitrag der Genussrechtler" (siehe: Frau Aigner) scheint man in der Geschäftsführung und im "Presse-Management" vergessen zu haben.
Den lapidaren Hinweis auf das Insolvenzrecht hätte sich Dr. Dietrich ersparen sollen.

Dr. Heinz Schmidt

von Dr. Stefan Dietrich am 21. Juli 2015 - 15:07 Uhr

Sehr geehrte Frau Aigner,

dass die Türen der Banken offenstehen, hat mit den Erfolgsaussichten der Projekten zu tun, und nichts mit der Insolvenz der früheren Windwärts Energie GmbH. Und wer "an welcher Stelle steht", regelt das Insolvenzrecht.

von Luise Aigner am 21. Juli 2015 - 12:54 Uhr

Kein Wunder, dass die Türen der Banken offen stehen - sie standen bei der Insolvenz an erster Stelle!
Als Genussrechtlerin schmerzt mich täglich die Tatsache, dass ich Windwärts meine mühsam erarbeitete Altersversorgung anvertraut habe.
Luise Aigner

Kommentar hinzufügen

- Pflichtfeld