Mit dem Fahrrad von Hannover nach Rostock an einem Tag

03. Juli 2013 - 17:22 Uhr
von Bernd Jojade
zu  Windwärts unterwegs

Windwärts Radmarathon 2013 – Ein Reisebericht

Der Windwärts Radmarathon 2013 ist vorüber und immer noch staunen die sieben Radler über die Tour, die sie am 22. Juni gemeinsam hingelegt haben. Beim jährlichen Radmarathon heißt es eine mindestens 250km lange Strecke mit dem Wind im Rücken zurückzulegen. Und damit sich die Anstrengung auch lohnt, spendet Windwärts für jeden gefahrenen Kilometer zwei Euro an Klimaschutzprojekte von Öffnet den Link in einem neuen FensterBrot für die Welt.

Das Ziel

Nachdem ich bereits im Jahr 2011 mitgefahren bin, 2012 aber leider kurzfristig absagen musste, habe ich mich schon seit Wochen darauf gefreut, endlich wieder für eine gute Sache in den Sattel steigen zu können. Dennoch hatte ich bei dem Gedanken an die Strecke auch ein flaues Gefühl –  würde ich das wohl wieder schaffen? 2011 radelten wir 273 km nach Leipzig. Zuvor wusste ich noch nicht, was mich erwartet – jetzt dagegen gilt es immerhin, das Geleistete zu wiederholen. Anfang der vergangenen Woche kristallisierte sich heraus, dass uns ein mäßiger Wind aus Südwest an die Ostseeküste wehen würde: Rostock heißt also unser Ziel, der letzte Zug für die Rückfahrt fährt dort um 19:07 Uhr!

Die Vorbereitungen

Mein Wecker klingelt das erste Mal um 2:50 Uhr, um 3:00 Uhr geht’s hoch und dann erstmal Kaffeekochen. Meine Sachen habe ich bereits am Abend gepackt, der Reifendruck ist geprüft und die Kette geschmiert. Nun also nur noch schnell frühstücken, duschen und anziehen. Um 4:10 Uhr besteige ich mein Rad, und das werde ich heute so schnell nicht wieder verlassen…

Los geht’s Richtung Nord-Ost

Erfreulicherweise gab es im Vorfeld reichlich Anmeldungen, so dass sich sieben Radler am Samstagmorgen um 4:30 Uhr an der Haltestelle Paracelsusweg in Lahe treffen. Fünf Minuten später bricht unser kleines Peloton bei 14 Grad Celsius Richtung Morgengrauen/Wendland auf. Zügig, aber ohne ernsthafte Eile durchqueren wir kurze Zeit später die langsam erwachenden Dörfer nordöstlich von Hannover, lassen Celle links und Wittingen rechts liegen. Unser Weg führt uns ausschließlich auf Nebenstrecken Richtung Ostsee –  die Erfahrung meiner Mitfahrer kommt dem Unterfangen hier zu Gute. Der Rückenwind-Radmarathon findet bereits zum zwölften Mal statt, zum dritten Mal mit Unterstützung von Windwärts. Das Konzept ist bewährt, die Route ausgearbeitet und Bernd Blauert-Segna, der die Tour initiiert und organisiert hat, übernimmt die Führungsarbeit. Die Windvorhersage war augenscheinlich etwas großzügig, jedenfalls merken wir zunächst kaum etwas vom angekündigten Rückenwind. Stattdessen bläst uns der Wind bald von rechts, bald links ins Gesicht und lässt nichts Gutes hoffen. Auch die Wolken gaukeln uns beständig vor, den einen oder anderen Schauer für uns bereit zu halten, aber das Wetter hält zum Glück.

Erste Pause in Clenze

Nach zweieinhalb Stunden Fahrt machen wir einen ersten Versuch, eine Frühstückspause einzulegen. Dieser wird aber jäh durch eine hereinbrechende Mückenplage beendet – sie scheinen uns für ihr Frühstück zu halten und so schlingen wir schnell unsere Brötchen hinunter und schwingen uns wieder auf die Räder, bevor wir komplett zerstochen werden. Zügig geht es weiter ins Wendland und schließlich kommt kurz vor Clenze endlich die Sonne raus. Inzwischen ist der Morgen fortgeschritten und die mangelnde Versorgung mit Kaffee für mich tatsächlich zur größten Herausforderung geworden. Die Müdigkeit kriecht heran und ich hoffe inständig auf eine Bäckerei. Dann haben wir nach 4 ½ Stunden unser erstes „richtiges“ Pausenziel erreicht.  Bei herrlichem Sonnenschein machen wir nach 110 Kilometern in Clenze vor einem Supermarkt mit angeschlossenem Back-Café Station und laben uns an Kaffee und Kuchen.

Kulturlandschaft auf dem Weg nach Ludwigslust

Nach einer halben Stunde geht es dann frisch und mit ausreichend Kaffee gestärkt weiter in Richtung Elbe. Unser nächstes Etappenziel heißt Ludwigslust. Nach etwa einer Stunde Fahrt erreichen wir die Elbbrücke bei Dömitz und sind erstaunt, wie das Hochwasser die Elbe weiterhin bestimmt. Hier machen wir nur einen kurzen Stopp, um den weiteren Routenverlauf zu klären. Wir müssen zunächst ein Stück der vielbefahrenen Bundestraße folgen, bevor wir wieder auf eine ruhige Nebenstrecke ausweichen können. Und auch diese hält eine Überraschung bereit: schönes altes Kopfsteinpflaster, das zwar für das Erscheinungsbild der Dörfer gut, für unsere Rennräder aber nicht gerade der ideale Untergrund ist. Doch zum Glück haben wir nach 2 ½ Kilometern wieder Asphalt unter den Rädern und nehmen unsere alte Reisegeschwindigkeit auf.
So erreichen wir nach einer weiteren Stunde Ludwigslust, wo das Kulturprogramm auf uns wartet. Auf dem Kirchenplatz angekommen überlegen wir, ob wir nun das Schloss oder die Stadtkirche besichtigen sollen. Zusammen mit dem Häuserensemble und der historischen Parkanlage sind beides lohnenswerte Ziele. Ein Blick auf die Uhr verrät uns jedoch, dass wir nicht zu viel Zeit in Kultur investieren sollten, wenn wir unser Ziel Rostock am frühen Abend erreichen wollen, und entscheiden uns für die Stadtkirche. Anschließend steuern wir wieder einen Supermarkt an und lassen uns im dortigen Café nieder. Während der Pause wird die weitere Strecke diskutiert – Bernd hatte im Vorfeld der Tour zwei Mitfahrer gebeten Streckenführungen ab Ludwigslust auszuarbeiten. Diese weichen voneinander ab und wir entscheiden uns, die erste Teilstrecke bis Sternberg der einen, die zweite Teilstrecke bis Rostock der anderen zu folgen.

Das nächste Etappenziel: Sternberg

Nach einer dreiviertel Stunde geht’s weiter. Aber schon zeigen sich erneut die Tücken der Routenplanung von zuhause. Nachdem wir Ludwigslust verlassen haben, folgen wir wieder der ausgearbeiteten Route und stehen plötzlich vor einem Waldweg. Während Kopfsteinpflaster zwar anstrengend aber zu fahren ist, können die Rennräder auf sandigem Waldboden herzlich wenig ausrichten. Nach kurzer Irritation folgen wir fortan der zweiten ausgearbeiteten Route, die uns wieder auf Asphalt unserem Zeitziel 19:07 Uhr näherbringt. Was dann folgt, ist landschaftlich wunderschön – die eiszeitlich geprägte Landschaft mit ihren sanften Hügeln zu durcheilen macht großen Spaß. Die folgenden Kilometer lassen uns an der offiziellen Bevölkerungsdichte von 69 Einwohnern je Quadratkilometer zweifeln – unser Eindruck ist, dass die Region nahezu menschenleer ist.
Nach und nach bemerke ich auch bei den Mitfahrern, dass wir bereits mehr als 10 Stunden im Sattel sitzen. Irgendwie kommt allen eine gewisse „Spritzigkeit“ abhanden, die Müdigkeit steigt in die Beine und wir erleben unser kollektives Nachmittagstief. So zieht sich die Strecke nach Sternberg und ich beginne langsam die Eiszeit und die Hügel, die sie gemacht hat,  zu verfluchen, denn jeder Meter Bergauf kostet mich mehr und mehr Kraft. Und obendrein scheint sich das ersehnte Ziel Sternberg konsequent unserer Ankunft zu entziehen. Doch dann endlich ist es soweit, bei 24 Grad und diesigem Sonnenschein erreichen wir Sternberg. Aus der ersehnten Pause wird leider nichts. Die Uhr hat zu ticken begonnen, der Countdown läuft! Uns wird klar, dass wir unser Ziel nur erreichen können, wenn wir uns jetzt nicht mehr groß aufhalten.

Reine Kopfsache – die Strecke nach Bützow

Unser wichtigstes Etappenziel heißt jetzt Bützow, da dort der Zug aus Rostock hält, den wir erreichen müssen. Wenn wir aus unerfindlichen oder zeitlichen Gründen nicht mehr weiter können, wäre von hier aus zumindest unsere heutige Rückreise gesichert. In Sternberg hatten wir die 250 km Marke längst überschritten, jetzt also noch gut zwei Stunden Fahrt, dann haben wir’s! Die Strecke nach Bützow ist weiterhin landschaftlich ansprechend mit allen Höhen und Tiefen, die diese Gegend mit sich bringt. Da alle den Zug im Kopf haben, zieht das Tempo an. Jetzt hilft uns der Wind spürbar, die Reisegeschwindigkeit ist hoch und nur die Anstiege werden immer mehr zur Prüfung. Inzwischen erreichen wir die 1000 Meter-Marke – in Summe türmen sich die kleinen mecklenburgischen Hügel also langsam zu einem veritablen Berg auf. Doch Jammern hilft nicht, denn eins ist klar: Rostock ist das Ziel unserer Tour, auf Bützow lassen wir uns nur bei technischen Problemen ein – und das wäre dann gefühlt eine Niederlage. Außerdem beginnt eine Grenze zu schillern, über die ich bislang gar nicht nachgedacht habe: 300 Kilometer am Stück. So weit wie jetzt bin ich vor zwei Jahren bereits gefahren, als das Ziel Leipzig hieß. Also ist alles, was jetzt passiert „persönliche Bestleistung“.
Aber warum mache ich das hier eigentlich? Tja, immer wieder interessant, darüber nachzudenken… Ist einfach mal wieder das gute, alte „höher, schneller, weiter“-Prinzip am Wirken? Muss wohl, denn wenn wir „schneller“ (Durchschnittsgeschwindigkeit) „weiter“ fahren (Gesamtkilometer) ermöglichen wir eine „höhere“ Spende für Klimaschutzprojekte von Brot für die Welt. Ein weiterer Mehrwert besteht natürlich im sozialen Bereich, in der intensiven Erfahrung in der Gruppe, den vielen Gesprächen während der Tour und schließlich in der gemeinsame Leistung, auf die am Ende alle mit Stolz zurückblicken können. Eine ganz klassische Geschichte also, die man später den Kindern, Enkeln, Nichten, Neffen oder Freunden erzählen kann, um sich ein wenig Respekt zu erheischen.

Die letzten Kilometer bis Rostock

So, Bützow ist mittlerweile erreicht, die Rückfahrt ist sicher und Rostock nur noch eine knappe Stunde entfernt. Aber diese letzten 25 Kilometer haben es für mich in sich! Die aufreizende Landschaft hat sich immer noch nicht verändert, aber ich will jetzt wirklich keine sanften Hügel mehr sehen. Herr Trapattoni kommt mir in den Sinn. Die „Flasche leer“ trifft es ziemlich genau, ich habe meine Energiereserven in den letzten gut 13 Stunden aufgebraucht, mein Kreislauf macht auf sich aufmerksam und meine Geschwindigkeit geht runter. Jetzt geht es also nur noch um mich und Rostock. Immer langsamer quäle ich mich die Hügel hoch und kann die kurzen Abfahrten nicht mehr wirklich genießen, da sie keine wirkliche Erholung bringen, nur etwas weniger Qual. Mir wird bewusst, dass mein Körper seine Grenze in Bützow bei etwa 290 Kilometern hatte und die Idee „300“ nicht besonders schlau ist. Und da wäre auch noch ein Bahnhof gewesen! Aber jetzt ist es zu spät, also ankommen, irgendwie…

Die Belohnung

Nachdem ich mich schon eine gefühlte Ewigkeit durch die Randbezirke Rostocks quäle, folgt endlich die Belohnung: ein Schild verkündet es seien nur noch 6 km zum Bahnhof! Und dann folgt der schönste Teil der Tour: eine eben solange Abfahrt. Um 18:15 Uhr erreichen wir den Bahnhof, machen fünf Minuten später das Zielfoto und kümmern uns darum, Tickets und Verpflegung für die Rückfahrt zu organisieren. Dann merke ich, was ich gerade getan habe – mein Kreislauf will Pause machen und ich setze mich schnell, bevor mir die Lampen ausgehen. Zum Glück kommt bald schon der Zug, wir machen es uns bequem und nach einer Cola geht es meinem Kreislauf auch schon wieder besser. Dann beginnt der „gemütliche“ Teil der Reise: 5 Stunden Zugfahrt. Nach Umstieg in Hamburg erreichen wir um kurz nach Mitternacht Hannover und um halb Eins bin ich schließlich wieder zuhause angekommen. So, und jetzt: 628 Euro für den Klimaschutz, bitte!

Mein Samstag in Zahlen

  • Start um 4:10 Uhr in Hannover-Linden
  • Treffen/Abfahrt um 4:30 Uhr in Hannover-Lahe (Haltestelle Paracelsusweg)
  • Gesamtstrecke 314 Kilometer
  • Durchschnittsgeschwindigkeit gut 27 km/h
  • Höhenmeter 1163 (bergan)
  • Ankunft in Rostock um 18:15 Uhr
  • Abfahrt um 19:07 Uhr ab Rostock
  • Ankunft in Hannover um 0:07 Uhr

Autor Bernd Jojade

Bernd Jojade

Ich bin bei Windwärts für das Qualitäts- und Nachhaltigkeitsmanagement zuständig. Beim Qualitätsmanagement geht es im Wesentlichen um Prozessoptimierungen, die Einführung von Qualitätsstandards sowie deren Kontrolle. Darüber hinaus hat Windwärts auch eine Nachhaltigkeitsstrategie, die alle Bereiche des Unternehmens umfasst. Sowohl das Qualitätsmanagement als auch das Nachhaltigkeitsmanagement entwickle ich im Rahmen von Zertifizierungen beständig weiter.



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